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Meine Zeit gehört mir!

Arbeitszeitregelung - welche agilen Spielräume Du schon heute nutzen kannst (Bild zeigt eine Uhr, der Zeiger steht auf "it`s MY time"

Bildnachweis: © donscarpo – depositphotos.com

Das Bedürfnis nach flexiblen Arbeitszeiten ist bei uns hoch: „Zeit“ wird für alle immer wertvoller. Dank der Technik kann zudem heutzutage – zumindest im Bürobereich – auch mobil von anderen Orten aus gearbeitet werden: ob auf Dienstreisen in der Bahn, im Flugzeug oder im selbstgewählten Umfeld wie z.B. im Café oder im Co-Working Space. Arbeit muss nicht mehr zwingend „nur an einem einzigen“ Ort stattfinden.

Die Sehnsucht ist bei allen die gleiche…

Und auch Mitarbeiter haben heute ein viel größeres Verlangen nach selbstbestimmter und für sie selbst optimal verteilter und variabel gestalteter Arbeitszeit als noch vor einigen Jahren. Das betrifft die „Wissensarbeiter“ genauso wie den Kollegen, der in der Produktion am Band steht oder im Einzelhandel leistet. Die Sehnsucht danach ist bei allen die gleiche. Nur die Umsetzung ist bei ersterem viel einfacher, weil er für seine Tätigkeit keinen bestimmten Arbeitsplatz und auch keine bestimmte „Maschine“ benötigt.

Es ist schon jetzt so und wird Menschen immer wichtiger werden, dass sie über ihre Zeit möglichst frei verfügen können. Gleichzeitig möchten sich die meisten auch in einer „sicheren“, stabilen Arbeitsbeziehung befinden und wählen nicht den Weg in die Selbständigkeit. Der starke Wunsch ist, selbst zu entscheiden, von wo aus und wann sie arbeiten und dafür gleichzeitig ein konstant hohes und damit planbares Gehalt zu bekommen. Das ist auch keine Frage einer bestimmten Generation oder eines bestimmten Alters, sondern eher einer Lebensphase. Die Gründe sind vielfältiger Art: sei es, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder sich auch mehr kümmern zu müssen (Stichwort Kinderbetreuung oder Pflege der Eltern), sei es um auch persönliche Auszeiten für sich selber nutzen zu können, für  z.B. für Hobbies, Reisen, Weiterbildung  oder eben einfach nur mal „Zeit für sich selbst zu haben“. Genauso fällt ins Gewicht, wie weit und wie zeitlich aufwendig ein Anfahrtsweg zur Arbeitsstätte ist und wie viel „Lust“ hier besteht, diese Zeit aufzubringen oder ob dies jeden Tag eher als Verlust von „Lebenszeit“ empfunden wird, die eigentlich besser genutzt werden könnte (vielleicht ja sogar auch für den Arbeitgeber?). Zeit ist jedenfalls ein hohes Gut bei Mitarbeitern. Dies bestätigen auch die aktuellen Tendenzen in tariflichen Vereinbarungen, in denen die Themen „Vergütung und Arbeitszeit“ immer stärker miteinander verknüpft werden (siehe hier z.B. die Tarifverträge der Metall- und Elektroindustrie, der Chemischen Industrie, der Deutschen Bahn).

Business wird schneller…
Business schläft nicht und der rasante Wandel, der sich in unserer Arbeitswelt vollzieht, verlangt von Unternehmen eine immer größere Reaktionsgeschwindigkeit. Damit geht eine hohe Kundenorientierung einher und der Anspruch, Kundenwünsche schnell, optimal und am besten direkt zu erfüllen. Gab es vor einigen Jahren noch fest geregelte „Erreichbarkeitszeiten“, so gibt es heute „rundum Services“, die dem Kunden möglichst eine „All-time-Versorgung“ bieten. Und wenn es nicht das eigene Unternehmen anbietet, dann findet der Kunde die Erfüllung eben beim Mitbewerber. Der Druck ist hier also auch auf Unternehmensseite – gerade im Mittelstand – hoch. Mit herkömmlichen „nine-to-five“-Arbeitszeiten oder ähnlich starren Teilzeitmodellen wird es hier Betrieben nur schwer gelingen, diesen Ansprüchen an eine kundenorientierte Erreichbarkeit – nämlich immer dann, wenn es notwendig ist – zu genügen.

Flexibilität – immer nur bei den anderen?
So wächst in Deutschland auch der Wunsch, unsere bestehende Gesetzeslage bezüglich der Arbeitszeiten flexibler zu gestalten. (Ein Wunsch, der übrigens schon lange besteht ;-)… Auch nach der Idee des „agilen Arbeitens“ wird Leistung als etwas verstanden, das so schnell wie möglich kundenorientiert erbracht werden sollte. Doch wie sieht es in unserem betrieblichen Alltag tatsächlich aus?
Einige Unternehmen legen tatsächlich ihre Arbeitszeitmodelle „neu“ auf und versuchen mit unterschiedlichen Modellen z.B. über individuelle Zeitmodelle, Gleitzeit oder auch agile Jahresarbeitszeiten eine zeitliche Beweglichkeit zu erreichen. Das Bemühen, Lösungen für eine flexible Arbeitszeit zu finden und zu gestalten ist sichtbar. Trotzdem gehen noch viele Unternehmen das Thema Arbeitszeitflexibilität zögerlich oder gar nicht an: Neue Arbeitszeitmodelle, flexibles Arbeiten – ist schon irgendwie als Thema präsent, aber in der Umsetzung dann doch gedanklich eher etwas, das im Rahmen von NewWork oder maximal in Start Ups stattfindet… oder ja, o.k., manchmal auch in einigen wenigen Großkonzernen. Und ja, na klar, sind das auch berechtigte Fragen die sich damit verbunden stellen: Wie gelingt es erfolgreich – für beide Seiten, den Betrieb und den Mitarbeiter –  zeitliche Modelle und Verfügbarkeiten zu finden ohne dass einer unter der Bedürfniserfüllung des anderen leidet?

Agile Arbeitszeitgestaltung B. Redmann

„One-size-fits-all“ passt nicht zu menschlicher Individualität
Das Bemühen, hier Lösungen für eine sehr anpassungsfähige Arbeitszeit – die wirklich für alle passt – zu finden und zu gestalten ist bei den meisten Unternehmen eine Herausforderung. Dabei sollten Lösungen nicht nur die „unternehmerische“ Perspektive, sondern auch die Wünsche der Mitarbeiter einbeziehen. Größtmögliche eigene zeitliche Gestaltungsfreiheit hat für viele Menschen eine steigende Bedeutung – und führt wiederum dazu, dass Firmen mit solchen Arbeitszeitmodellen eher als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden.

So ist der Wunsch nach flexibler Gestaltung je nach Lebensphase, familiären Verhältnissen und auch Persönlichkeitstyp ganz unterschiedlich ausgeprägt. Beispielsweise sind Mitarbeiter vor oder in einer Phase der Familiengründung bislang eher bereit, gegen eine höhere Entlohnung auch entsprechend zu weniger attraktiven Zeiten zu arbeiten. Die Situation ändert sich dann meist in der Familienphase, in der dann Freizeit als Zeit für die Familie eine höhere Wichtigkeit bekommen kann. Befinden sich die Kinder in der Kita oder in der Schule lassen sich Arbeitszeiten dann am besten in den Vormittag oder in den Abend verlegen. Je mehr Kinder zu betreuen sind oder auch wenn sich Eltern die Kinderbetreuung teilen, desto stärker die Auswirkung auf die flexible Arbeitszeitgestaltung.

Neben dem Wunsch nach sehr flexibler Gestaltung besteht auch der Wunsch, sich für bestimmte Zeiträume ausschließlich der Familienphase zu widmen. Gleichzeitig bedarf es aber auch eines gedeckten Lebensstandards, so dass oftmals ein Interesse an bezahlten Blockfreizeiten besteht. Mit zunehmendem Alter wünschen sich Arbeitnehmer dagegen vermehrt ihre Arbeitszeit insgesamt zu verringern. Das Konzept der Altersteilzeit trägt diesem Bedürfnis Rechnung.

Diese unterschiedlichen  Wünsche erfordern daher unterschiedliche Modelle, was den Umfang als auch die Gestaltung der Arbeitszeit anbelangt. Die Bereitschaft zu individuellen Lösungen ist auf Seiten der Unternehmen als auch der Mitarbeiter  gefragt. Für eine sinnvolle Gestaltung, die für die jeweiligen wechselseitigen  Bedürfnisse passt, gibt es wenig „Blaupausen“, auf die einfach „eins-zu-eins“ zurückgegriffen werden kann. Es bedarf hier schon eher spezifischer Möglichkeiten und Gestaltungen – sowohl für Unternehmen als auch auf den einzelnen Mitarbeiter bezogen. Das erfordert einen kommunikativen, kreativen und planerischen Aufwand, der erst einmal getätigt werden muss, – egal ob von der Führungskraft, der Personalabteilung, vom Team oder auch vom Mitarbeiter.

Beziehungen fördern & Wettbewerbskraft sichern heißt Konflikte lösen

Die Kunst wird darin bestehen, mit Freiheit eine gleichwohl verbindliche Beziehung zu schaffen – oder anders ausgedrückt: mit flexiblen Arbeitszeitgestaltungen beidseitige Sicherheit zu erreichen. Denn Mitarbeiter möchten letztendlich einen sicheren, stabilen Arbeitsplatz und Unternehmen brauchen, um dies auch leisten zu können, verlässliche Mitarbeiter.

Konflikte sind damit vorprogrammiert. Und gleichzeitig wird es zukünftig verstärkt darum gehen (müssen), die verschiedenen Anliegen möglichst „beziehungsfördernd“ in Einklang zu bringen: Auf der einen Seite eine profitable Auslastung und eine verstärkte, fokussierte Kundenorientierung. Auf der anderen Seite, Vereinbarkeit von beruflichen und privaten Gegebenheiten sowie Entscheidungshoheit in Sachen Arbeitszeit und Arbeitsort.

Wenn Unternehmen wettbewerbsfähig am Markt sein wollen – und nicht komplett auf Robotik, digitale automatisierte Prozesse setzen wollen (und finanziell können) und wenn sie auch nicht vorhaben, ihren Standort ins Ausland zu verlagern – dann brauchen sie zur Verwirklichung ihrer unternehmerischen Ziele Mitarbeiter. Und in der Regel brauchen sie dafür die besten Mitarbeiter. Solche, die hervorragendes Know-how haben, die mitdenken, die richtigen Entscheidungen treffen, die Lust auf Veränderung haben, die zuverlässig sind, die das Business „voran bringen“, und natürlich auch die, die unkompliziert sind, die nie Ärger machen – geschweige denn krank sind-, die immer engagiert Höchstleistung vollbringen…. und  natürlich, am besten auch solche, auf die Firmen langfristig bauen können.:-)

Kurz gesagt: Unternehmen wollen die besten Mitarbeiter und die besten Mitarbeiter stehen auf flexible Zeiten.

Wenn der Wunsch auf die Wirklichkeit trifft

Wollen sich Unternehmen in puncto Arbeitszeit fit für die Zukunft machen, gilt es also kreative, arbeitszeitrechtliche Lösungen zu finden, die sowohl die unterschiedlichen Interessen berücksichtigen als – natürlich – auch rechtskonform sind.

Jetzt sind gerade die Diskussionen um das Thema „Arbeitszeit“ schon seit jeher ein sensibles Feld und wir bewegen uns in Deutschland hier in einem gesetzlichen Rahmen. Sämtliche Handlungen von Arbeitgebern hinsichtlich der Gestaltung und Vereinbarkeit bezogen auf die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter müssen sich an diesem Rahmen – konkret am Arbeitszeitgesetz – orientieren.

Vorgaben Arbeitszeitgesetz, B. Redmann

Schon auf den ersten Blick zeigt sich hier, dass die gewünschte Flexibilität durch unser Arbeitszeitrecht eingeschränkt ist. Zwar ist es schon heute möglich, Mitarbeiter in Hochphasen an vier Tagen in der Woche für zehn Stunden einzusetzen und an einem weiteren Tag für acht Stunden. Das Überschreiten der zulässigen 10 Stunden pro Arbeitstag ist jedoch nicht erlaubt und auch nicht über Gleitzeitregelungen oder Vertrauensarbeitszeit darstellbar. Die Grenzen, sind gesetzlich zwingend vorgegeben. Hier hilft es zunächst wenig, dass diese gesetzlichen Regelungen überwiegend als nicht mehr zeitgemäß angesehen werden und in der Praxis auch nicht den täglichen Anforderungen entsprechen.

Bedeutet das, dann wird das doch nix mit der „schönen neuen Arbeitszeit für alle“?

Nein – es bedeutet nur, dass wir hier immer mehr weg von standardisierten Lösungen zu individuellen Vereinbarungen kommen müssen. Alternativ einen tariflichen oder betrieblichen Rahmen haben, in dem sich Unternehmen so bewegen können, dass sie genau diese individuellen Lösungen mit Mitarbeitern einfach und schnell (!) vereinbaren können.

Spielräume nutzen die wir haben

Und wenn wir mal genau hinschauen, dann gibt es sogar schon seit einiger Zeit einen gesetzlich erlaubten betrieblichen Spielraum zur Arbeitszeitgestaltung. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Jobsharing. Das gibt es schon seit vielen Jahren und bietet für beide Seiten viel Freiräume, wird aber kaum genutzt. Genauso wie auch Arbeit auf Abruf, gleitende oder Vertrauensarbeitszeiten Möglichkeiten bieten können, hier insgesamt in Unternehmen mehr Flexibilität zu schaffen. Es kann auch sinnvoll sein, in einem Betrieb mehrere Modelle nebeneinander zu haben. Und was immer möglich ist: mit Mitarbeitern individuelle vertragliche Vereinbarungen zu treffen, die z.B. nur für bestimmte Zeiträume oder Lebenssituationen gelten.

Unternehmen werden in der Praxis nicht umhin kommen, hier neue Wege zu denken und wesentlich mutiger und kreativer zu sein als bisher. Gemeinsam mit den Mitarbeitern – direkt oder auch über Betriebsräte oder Tarifvertragsparteien – müssen Lösungen entwickelt werden.

Fazit

Ich will das Arbeitszeitgesetz sicherlich nicht schön reden – es ist eng und trifft einfach nicht mehr den aktuellen Bedarf der heutigen (und zukünftigen) Zeit. Doch wir brauchen um hier wirklich auch nützliche und sinnvolle (!) gesetzliche Änderungen vorantreiben zu können, vor allem betriebliche Entwicklungen und Erfahrungen, die hier in gesetzliche – bessere – Regelungen einfließen. Wenn Unternehmen nicht anfangen herauszufinden, was sie wirklich brauchen, um sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmensinteressen kulturell und wirtschaftlich sinnvoll übereinander zu bringen, dann wird dieses Problem der Gesetzgeber alleine nicht richten (und ich behaupte auch nicht sinnvoll richten) können. Daher braucht es die betriebliche Ausgestaltung in den Unternehmen selbst und ein Ausprobieren.

Dabei ist es ganz entscheidend wichtig, alle Interessen übereinander zu bringen. In der Konsequenz bedeutet dass, dass viel Arbeitszeitflexibilität und ggf. viel Arbeitszeithoheit für Arbeitnehmer Firmen gleichzeitig wettbewerbsfähiger und stärker machen muss. (Denn sonst klappt das auf lange Sicht nicht mit dem „sicheren, festen Arbeitsplatz“). Beide Ziele müssen gleichzeitig verfolgt werden, sonst gehen Firmen langfristig zu Grunde und das entspricht ja nicht den Sicherheitsbedürfnissen der Arbeitnehmer – und auch nicht dem der Gesellschaft.

Dieses kann meines Erachtens in der Praxis nur gelingen, wenn alle gestaltenden Partner (Mitarbeiter, Betriebsräte, Arbeitgeberparteien …) auch über Kompetenzen verfügen, die dieses Vorhaben unterstützen. Und dies sind vor allem Kreativität für Lösungen, Mut für die Umsetzung dieser Lösungen und auch eine Mediationskompetenz, um hier wirklich im beiderseitigen Interesse mit einem gemeinsamen Ziel zu agieren. Nicht zu vergessen auch gegenseitiges Vertrauen und ein Verständnis, dass Mitarbeiter in der Lage sind, ihre Arbeitszeiten weitgehend selbständig zu organisieren.

Flexible Arbeitszeit ist eine Haltung – und dann klappt´s auch mit der Lösung.

 

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Quellen/Hinweise:
1) Redmann, Britta, Vergütungssysteme gestalten: agil, rechtsicher, nicht-monetär, Haufe 2019
2) Redmann, Britta, Agiles Arbeiten im Unternehmen, Haufe 2017
3) Auf zu neuen Galaxien: Flexible Arbeitszeiten – die Reise ins Unbekannte
4) 1/2 Führung: Geteilte Zeit ist Zeit für alle
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Geschrieben von

Blogauthor Britta Redmann intrinsify.me
Britta Redmann

Britta ist Rechtsanwältin, Mediatorin und Expertin für agiles Arbeiten, Organisations- und Personalentwicklung. Sie unterstützt Menschen und Unternehmen darin, sich zu verbessern, Konflikte zu lösen und Beziehungen positiv zu entwickeln. Dabei verbindet sie die drei Säulen Arbeitsrecht, Mediation und Coaching – denn bei der Zusammenarbeit von Menschen  geht es auch immer um menschliche Bedürfnisse und gleichzeitig immer um den rechtlichen Rahmen.

Erschienen am

Donnerstag, 20. Juni 2019

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