Besiege den (organisationalen) Schweinehund!

Räume für Veränderungen schaffen
Mann steigt eine unendliche Treppe hinauf.
Projektplanung
Lars Vollmer
Wenn Projektplanung fahrlässig ist
Ein heller Raum mit ungewöhnlichen Schattenwurf und Perspektive.
Lars Vollmer
Focus like Dieter Bohlen – Worum es bei Organisations­entwicklung wirklich geht!
Menschen in der Stadt
Philipp Simanek
Wann ist ein Team ein Team?
Paul Rösberg von der RÖSBERG ENGINEERING GmbH
Elisabeth Neuhaus
Generationswechsel
Elisabeth Neuhaus spricht mit Christoph Veldboer (Organisation und Synergien) und Daniel Niemann (Sales und Key-Account Management) von der gastronovi GmbH
Elisabeth Neuhaus
Wachstumsschmerzen

Jedes Jahr im Januar mache ich eine 30 Tage Yoga Challenge. 30 Tage lang jeden Tag eine Yoga Session über Youtube Videos, organisiert von einer der größten deutschen Yoga Influencerinnen. Dieses Jahr haben knapp 230.000 Menschen mitgemacht. Der Aufhänger ist natürlich der Jahresanfang und die guten Vorsätze, für mich persönlich ist das gar nicht so entscheidend.

Ich weiß einfach: Es tut mir gut und ich werde es durchhalten. Es ist ein bisschen paradox: Ich beobachte mich jedes Jahr dabei, wie ich mich selbst überrasche mit der alten Erkenntnis, dass es mir auf allen Ebenen meiner körperlichen und psychischen Gesundheit besser geht, wenn ich jeden Tag mind. 15 Minuten Yoga mache. Und es ist auch jedes Jahr dasselbe: Ich mache das 30 Tage in der Community, nehme mir vor ab Februar die anderen, bei ebenjener Influencerin kostenlos downloadbaren 30 Tage Pläne der letzten Jahre zu machen und höre exakt am 1. Februar damit auf. Nur um mich im Anschluss zu fragen, was eigentlich mit mir nicht stimmt…

Den inneren Schweinehund besiegen

Warum funktioniert es im Rahmen einer Community Challenge einigermaßen problemlos 30 Tage lang Zeit und Motivation zu finden zuhause in meinem Wohnzimmer jeden Tag Yoga zu machen und in der Sekunde in der die Challenge endet, funktioniert es in exakt demselben Wohnzimmer und dem exakt selben sonstigen Leben nicht mehr?

Ich habe verschiedene Erklärungsansätze:

Meine natürliche Reaktion und das Erklärungsmuster, welches ich die letzten Jahre benutzt habe, ist Personifizierung: Ich bin offensichtlich ein bisschen „blöd“, lerne nicht dazu und bin es mir vor allem selbst nicht wert 15 Minuten meines Tages für mich selbst zu erübrigen. Ich sollte mich also mal fragen, warum ich mich selbst so wenig mag und daran arbeiten mir Dinge zu erlauben und zu gönnen.

Auch wenn es durchaus meiner Persönlichkeitsstruktur entspricht, sehr streng mit mir zu sein, hört sich das selbst für mich einfach nur schrecklich an. Plus: Es gibt viele andere Situationen, in denen ich durchaus ziemlich gut darin bin, jede Vernunft über Bord zu werfen und mir „was zu gönnen“. Ist das also ein passendes Erklärungsmuster? Gibt es Alternativen?

Gibt es: Diese Yoga Challenge bedient meine persönlichen Muster perfekt. Ich bin ein Wettkampftyp, ich brauche soziale Eingebundenheit und vielleicht auch ein bisschen sozialen Druck und ich gebe nicht auf. Deswegen funktioniert das.

Deswegen poste ich immer an Tag 1 und danach auch regelmäßig in den sozialen Medien meine Yogaroutine. Nicht (nur) zur Selbstdarstellung – auch wenn ich nicht abstreiten kann, dass es einen Teil Egozentrismus und Bühnenliebe in mir gibt – sondern vor allem um mich selbst zu verpflichten. Ob es stimmt oder nicht: In meinem Kopf entsteht das Bild, das jetzt „alle meine Freunde“ wissen, dass ich das mache und ich würde mir niemals die Blöße geben, aufzugeben. Mir ist klar, dass es niemand mitbekommen würde, wenn ich schummele und es außerdem 99% der Menschen auch herzlich egal ist, ob und wie ich meine Sportroutine gestalte, aber es reicht, um mich selbst auszutricksen.

Diese Yoga Challenge ist nun eine Sache, eine Veränderung meiner Alltagsroutine, zu der ich mich ganz bewusst entschieden habe. Und sie ist ein Weg meine persönlichen Trigger und Muster in Gebrauch zu nehmen und mich selbst zu überlisten. Deswegen funktioniert es für mich diese Routine durchzuhalten. Und deswegen funktioniert es nicht, nur an mich selbst zu appellieren jeden Tag Yoga zu machen.

Warum erzähle ich Dir das?

Den organisationalen Schweinehund besiegen

Weil in Organisationen genau dasselbe passiert. Teams, die die Marktbedürfnisse ganz direkt bedienen, richten sich danach aus, was der Markt braucht. Kommunikation, die Du dort beobachten kannst, dreht sich primär darum, was für den Kunden gut ist. Wenn man jetzt möchte, dass in einer Organisation eine Veränderung passiert, z.B. eine Innovation Einzug erhält, stellen viele Organisationen nach einer Zeit fest, dass es, trotz Bemühungen und Appellen, irgendwie nicht so richtig funktioniert. Die Teams scheinen keine Zeit zu finden oder einfach nicht interessiert. Entscheiden sich im Zweifel immer für die kurzfristige Befriedigung von Kundenbedürfnissen. Warum ist das so?

Hier kann ich dieselben Erklärungsmuster anwenden:

Ich setze die Personifizierungsbrille auf: Da sind einfach nur Verweigerer und Rückwärtsgewandte in der Organisation. Ich muss dringend an deren Mindset und ihrer Veränderungsbereitschaft schrauben, dann sehen sie ein, dass es Innovation braucht und tun endlich innovative Dinge. Wirklich?

Ich muss gestehen, ich habe das in der Vergangenheit oft versucht und es hat nie funktioniert. 1. Weil man Menschen nicht von außen und per Zwangsbeglückung verändern kann und 2. weil es auch bei näherer Betrachtung keine rückwärtsgewandten Verweigerer waren… Es waren meist ganz normale, kluge Menschen, die auch alle eingesehen haben, dass es Innovation braucht. Was also dann? Gibt es alternative Erklärungsmuster?

Gibt es: Es liegt am institutionellen Rahmen. An den Spielregeln und dem Spielaufbau der Organisation. Wendet man sich von den einzelnen Individuen ab, so sieht man, dass das was sie tun, total viel Sinn macht. Sie beschützen mit ihrer „Verweigerung von Innovation“ die direkte Wertschöpfung.

Wenn man nun in die Organisation hineinruft, dass es Innovation braucht oder konkreter, dass an Innovation XY gearbeitet werden soll, dann bringt man die Individuen oder Teams, kurz gesagt die Ressourcen in der Peripherie in eine blöde Situation. Sie müssen sich entscheiden, ob sie ihre Zeit in die Innovation oder die unmittelbare Befriedigung von Kundenwünschen stecken sollen.

Das ist aber eine Entscheidung, die dort nicht hingehört. Es ist eine Zentrumsentscheidung, eine Unternehmerentscheidung. Sie muss von jemandem getroffen werden, der sowohl formal wie sozial legitimiert ist, solche Entscheidungen zu treffen. Jemand, der in der Lage ist, die Verantwortung für diese Entscheidung auch zu tragen.

Genau wie ich als Unternehmerin meines Lebens die Entscheidung treffen muss jeden Tag eine Yoga Session einzubauen. Mit dem Kalkül, dass es langfristig meiner Gesundheit gut tut. Erst wenn ich die getroffen habe, kann ich mir Umgebungsbedingungen überlegen, die es wahrscheinlicher machen, dieses Verhalten auch zu zeigen. Und genau diese Strukturen braucht es im Anschluss an die Entscheidung dann auch in der Organisation.

Doch was sind das für Umgebungsbedingungen? Welche Umgebungsbedingungen machen denn Verhalten in Organisationen wahrscheinlicher? Von der Organisationssoziologie können wir lernen: Solche, die die Muster der Organisation in Gebrauch nehmen. So wie die Yoga Challenge meinen Wettkampfgeist, meine Bühnenliebe und den Kampfgeist in Gebrauch nimmt.

Das ist natürlich höchst individuell. Man muss die Organisation gut kennen. Denn: Nur wenn Du die organisationalen Muster und Glaubenssätze kennst, kannst Du Ableitungen treffen, wie Du ebenjene in Gebrauch nimmst, um die gewünschte Veränderung oder die gewünschte Innovation wahrscheinlicher zu machen.

 

Ein Muster, was es in vielen Organisationen gibt, ist das Muster der formalen Machtstruktur. In fast jeder Organisation gibt es formal Mächtige und es ist gelernt, das Ober Unter sticht. Ob wir das jetzt grundsätzlich gut oder schlecht finden, ist hier egal. Wir können das Muster aber geschickt nutzen, um Räume in Organisationen zu schaffen, in denen etwas bestimmtes anders gemacht werden kann, als im Rest der Organisation.

Das Konzept der Schutzräume, über das wir häufig sprechen, bedient sich genau dieses Musters. Es nutzt die Macht die einige Personen in Organisationen haben, um sie als Schutzraumstifter zu implementieren. Dieser Schutzraumstifter bringt nicht die Innovation, er breitet nur den Schutzmantel über dem Raum auf, in dem an der der Organisation gearbeitet werden kann. Er verteidigt den Einsatz der Ressourcen für die Innovation vor der restlichen Organisation. Er beschützt den Raum vor den kulturellen Übergriffen der restlichen Organisation. So wie die Yoga Challenge mich vor anderen Aktivitäten schützt, denen ich gegenüber Yoga den Vorzug geben könnte.

Deswegen funktioniert dieses Werkzeug oft, wenn es darum geht, etwas völlig neues in einer Organisation auszuprobieren. Aber wer weiß, vielleicht braucht Deine Organisation etwas ganz anderes, um die eigenen Muster zu überwinden!?

Ich für mich kann sagen: Mein Experiment ist geglückt: Ich habe Rahmenbedingungen gefunden unter denen ich jeden Tag Yoga mache. Stellt sich nur noch die Frage, wie ich Mady dazu bekomme aus der 30 Tage Challenge eine Jahreschallenge zu machen ;).

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