Best Practice Beispiele: Warum sie eher schaden als nutzen

Ein Beitrag von: Mark Poppenborg
Best Practice Beispiele: Warum sie eher schaden als nutzen

Bildnachweis: © stanciuc1 – depositphotos.com

Rezepte gehören in die Küche

Krisensitzung. Das Managementteam ist besorgt. Denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: „Wir wachsen langsamer als der Markt“, eröffnet der Chef die Sitzung.

Es wird diskutiert. Woran könnte es liegen? Wie kriegt man die Kurve? Wie kann man auf den Wachstumszug aufspringen?

Schnell kommt ein Schwenk in die Diskussion: „Ja, wie machen es denn andere?“

Gemeinsam pickt man sich vergleichbare Unternehmen raus, bei denen es richtig brummt. Die genau den gewünschten Dreh zum Wachstumskurs geschafft haben. Die müssen doch irgendwas richtig machen!

Und schnell ist die Idee auf dem Tisch: „Wir schauen uns vor Ort an, wie die das gemacht haben.“

Zum Best Practice bitte einsteigen, Türen schließen und Vorsicht bei der Abfahrt!

Ein Reiseteam ist schnell zusammengestellt. Die Truppe bricht auf zum Ort der Glückseligkeit. Sie forscht. Sie lässt sich alles ganz genau erklären.

Wie war die Ausgangssituation? Welche Maßnahmen hat man ergriffen? Zu welchen Ergebnissen ist man jeweils gelangt?

Und mit einem großen Koffer voll Wissen kommen die Forscher dann zurück ins heimatliche Unternehmen.

Sie erklären. Sie zeigen. Sie versprechen. Und sie appellieren an die Mannschaft, sich ins Zeug zu legen.

Die Erntehelfer warten vergebens.

Die Saat ist in der Erde. Jetzt sollten die Früchte nur so sprießen. Doch nichts passiert. Nichts sprießt. Im Gegenteil.

Mit dem Unternehmen geht es weiter bergab. Und dabei hat man sogar noch Fahrt aufgenommen. Das Management ist alarmiert.

Die Schuldigen sind schnell ausgemacht: Die Mitarbeiter ziehen noch nicht mit. Meine Güte, jetzt hat man ihnen das doch schon mundgerecht vorbereitet. Sie müssen doch nur noch umsetzen!

Na schön, dann gibt’s eben noch eine Extra-Hilfestellung. Der Change-Berater kommt ins Haus. Er packt seinen Instrumentenkoffer aus und nimmt die Mannschaft an die Hand.

Es werden Workshops abgehalten, die – nach allen Regeln der Kunst – die Mitarbeiter von selbst auf die erwünschte Lösung kommen lassen. Denn es ist ja ein offenes Geheimnis, dass man das am liebsten umsetzt, was auf dem „eigenen Mist“ gewachsen ist.

Als das letzte Rollenspiel gespielt und die gesamte „Change-Munition“ abgefeuert ist – was bleibt? Ein paar Rauchwolken. Mehr nicht.

Wachstumskurs? Licht am Ende des Tunnels? Fehlanzeige. Die Prozesse haben sich keineswegs verbessert. Im Gegenteil.

Und irgendwo zwischen der flammenden Rede des Chefs und dem Vertriebs-Rollenspiel ist auch das letzte Fünkchen Motivation verloren gegangen.

Woran liegt es denn, verdammt noch mal? Warum greift die Lösung nicht? Man war doch bestens vorbereitet…

Die beste Lösung? Gibt’s nicht.

Best Practice basiert auf der Idee des One Best Way. Das sitzt tief in uns drin und folgt unserer eingeübten mechanistischen Sicht auf die Welt: Für jedes Problem gibt es eine beste Lösung.

Diese muss man finden und damit das Problem aus der Welt schaffen. Tja, und ab dann einfach immer diese Lösung anwenden. Logisch.

So macht man sich auf den Weg. Auf den Weg zu anderen, die schon mal ein ähnliches Problem hatten.

SCRUM einführen, Mitarbeiter rekrutieren, Marketing-Kampagne strukturieren, Newsletter versenden, Messeauftritt gestalten – eigentlich völlig egal…

Auf der Suche nach einem passenden Rezept findet man eigentlich immer etwas. Sei es schlicht via Google. Oder man schließt sich einer Best-Practice-Reise an, auf der man andere Unternehmen besucht.

Und weil Kopieren ja irgendwie auch ein „G’schmäckle“ hat, zieht man ganz schnell die Individualisierungskarte. Natürlich wird man die Lösung anpassen – auf die Umstände im eigenen Unternehmen.

Aber das ist eher zur Beruhigung des schlechten Gewissens. Denn das rührt sich schon jetzt. Irgendwo tief innen drin hat man schon eine leise Ahnung. Eine Ahnung darüber, dass hier möglicherweise etwas gehörig schief läuft.

Bilder lassen sich kopieren. Menschen nicht.

Kaum ist das Rezept notiert, die Tinte trocken, wendet das Unternehmen diese Lösung eines anderen Unternehmens an.

Es stößt dabei intern auf ganz viel Gegenwehr. Und nachher ist alles noch viel schlimmer als vorher.

Dann kommen flott die Change-Schulungen für die Mitarbeiter. Denn die müssen den neuen Ansatz ja wohl erst noch lernen.

Und dann kommt sie – die große Enttäuschung. Auf allen Seiten.

Das Problem liegt eben nicht in der möglicherweise schlechten Vorbereitung der Best-Practise-Reise. Es liegt nicht an den Mitarbeitern. Nein. Es liegt ganz woanders.

Best Practice ist eine Idee aus der Zeit der Industrialisierung. Das Streben nach dem one best way ist sehr sinnvoll. Und zwar wenn man es mit einem Problem zu tun hat, das immer wieder exakt so vorkommt. Ein Problem, bei dem die Einflussfaktoren ganz genau bekannt sind.

Viele Prozesse der Buchhaltung beispielsweise kann man sich ganz entspannt von einem anderen Unternehmen abschauen. Oder den Bohr- und Drehprozess bei bestimmten Achsteilen. Oder das Lagerkonzept für C-Teile in einer Montage.

Und: Wenn wir uns an anderen Lösungen orientieren, müssen wir sichergehen, dass das Problem sich dort mit dem eigenen Problem deckt. 100prozentig. Und das ist tatsächlich nur sehr selten der Fall!

Wenn auch nur eine klitzekleine Kleinigkeit anders ist, kann es schon eine komplett andere Lösung brauchen.

Mit meinem Unternehmen „Paleo Jerky“ habe ich kürzlich eine Gutschein Aktion gemacht. Auf einem ziemlich prominenten Blog.

Bei einem anderen Unternehmen einer sehr vergleichbaren Branche, mit der gleichen Zielgruppe, dem gleichen Preisniveau und sogar mit einem Produkt, das ebenfalls als gesunder Snack (dort war es ein Getränk) eingestuft werden konnte, hat der Blog die Verkäufe mächtig nach oben schnellen lassen. So sehr, dass sie kaum auf das Wachstum reagieren konnten.

Bei mir habe ich kaum eine Veränderung gespürt…
Dort, wo das menschliche Talent eine große Rolle spielt. Dort, wo man Können statt Wissen braucht, um Probleme zu lösen – genau da hört die Kopierfähigkeit auf. Genau da ist Best Practice wirkungslos, zumeist sogar gefährlich.

A+F=B? Nie im Leben.

Und ein totaler Griff in die Illusionskiste wird es, wenn es nicht nur um eine konkrete Problemlösung, sondern um die grundsätzliche Veränderungsfähigkeit eines Unternehmens geht.

Darum wie man diese oder jene Kurve genommen hat. „Wie habt Ihr denn den Change geschafft“, ist so ziemlich die sinnloseste Frage – und gerade die wird derzeit oft gestellt.

Da beobachtet also jemand ein Unternehmen, das sich in der neuen Arbeitswelt gekonnt bewegt – und will das auch. Es will sich genauso gekonnt bewegen. Und dann geht er hin und fragt, wie man denn bitte von A nach B kommt.

Ich kann die Neugierde schon verstehen. Aber die Antwort kann man sich komplett schenken.

Denn das befragte Unternehmen wird seine Geschichte ja nur im Nachhinein bauen können. Heißt, es wird kausale Zusammenhänge erfinden, um die Story nachvollziehbar und glaubwürdig zu machen: „Weil wir so und so vorgegangen sind, haben wir das und das Ergebnis erzielt. Strategie F hat uns definitiv zum Sieg verholfen.“

Ha, wer weiß? Fast jeder Erzähler wird Opfer dieser sogenannten narrativen Verzerrung. Er konstruiert eine Geschichte aus einer Aneinanderreihung von Ereignissen, die überhaupt keine kausale Verbindung haben müssen. So funktioniert nach unserem aktuellen Wissensstand übrigens auch unser Gedächtnis. Erinnerungen sind ein kreativer Prozess.

Mal abgesehen von dieser Kausalitätslüge, hat das, was in dem einen Unternehmen passiert ist, schlicht überhaupt keinen Aussagewert darüber, ob und wie das auch bei jemand anderem klappen könnte. Null.

Und übrigens: Selbst das Original – also das gleiche Unternehmen, das mit der Strategie F von A nach B gekommen ist – würde, wenn es alles noch einmal tun würde, vielleicht auch ganz woanders ankommen.

Das ist wie beim Fußball. Da kann man zweimal gegen den gleichen Gegner mit der gleichen Strategie und der gleichen Aufstellung antreten – mit unterschiedlichem Ausgang.

Soziale Systeme folgen nun mal keinen maschinellen Prinzipien mit linearen Kausalitäten. Wenn A und F, dann B, gilt schlicht nicht. Kausalität? Ein Denkfehler.

Ausschließen. Loslaufen. Lernen.

Wenn man begriffen hat, dass Kopieren in den allermeisten Fällen keine Option ist, dann hat man die Chance auf einen viel aussichtsreicheren Weg: Nämlich zunächst einmal festlegen, was man NICHT machen will.

Damit ist der grobe Rahmen gesteckt. Und alles andere lässt man dann auf sich zukommen. Ich weiß, innerhalb welcher Zäune ich bleiben will und kann, wenn es nötig ist, sehr schnell Entscheidungen treffen.

Wenn alle das Gefühl haben, rechts abbiegen wäre im Moment absolut dran, dann biegt man halt rechts ab. Auch wenn am Reißbrett vielleicht „noch 300 Meter geradeaus und dann links“ vorgegeben ist.

In der realen Welt muss man Bauchschmerzen auch mal aushalten.

Dieses Intuitive, dieses scheinbar komplett unbegründete Vorgehen fühlt sich für uns Ingenieure (ich bin auch einer) ganz schlimm an. Aber der vorgefertigte Weg, der auf den vielbeschworenen Fakten beruht, ist eben nur vermeintlich handfester.

Denn er geht von einer idealen Welt aus. Das ist viel naiver und realitätsferner als sich ungeplant, aber gut vorbereitet auf die Reise zu machen – und dann schlicht auf dem Weg festzustellen, was der nächste bessere Schritt ist.

Machen wir uns klar: Das eine – die Abarbeitung eines bewährten Plans – hört sich im Management Meeting zunächst einmal grundsolide und vernünftig an, ist aber eine naive Illusion.

Das andere – Loslaufen, Ausprobieren und Lernen – klingt möglicherweise nach Kindergarten, ist aber letztlich knallharte Auseinandersetzung mit der Realität.

Ganz schön schwer, der Verlockung zu widerstehen und eben nicht vom Klassenbesten abzugucken, oder? Wir wünschen euch einen eigenen, lehrreichen Weg!  Für mehr happy working

2
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
2 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
0 Kommentatoren
ArdalanUte Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Ute
Gast
Ute

Hallo lieber Mark, ich bin da ganz bei Dir! Unternehmens-Realitäten sind oft so grausam: wer kann es denn heutzutage noch aushalten, auf Sicht zu segeln (ein Ausspruch des geschätzten Peter Kruse) oder zu respektieren, wenn die Führungskraft oder der Chef sagt: ich weiß es nicht oder ich weiß noch keine Lösung?! So gut wie niemand. Selbst bei Neueinstellungen werden nur die Mitarbeiter genommen, die planbar gut in den Job passen,weil alles so schön nachvollziehbar ist und alle Kausalitätsannahmen ins System passen…Bitte! Woher soll diese Ehrliche Flexibilität kommen? Aus einem Privatleben, dass von Mo-So durchgeplant ist und in dem alles wie… Weiterlesen »

Ardalan
Gast
Ardalan

Wieder mal ein sehr schöner Artikel! 🙂 – Gehe derzeit davon aus, dass die Arbeit an der Auflockerung der Annahme eines „one best way“ niemals aufhören wird und immer wieder neu gebraucht werden wird. – Und das auch dann „wenn man es schon geschnallt hat“ oder dieser Gedanke bereits „kulturell verbreitet“ ist oder „in der Luft liegt“. – Zu naheliegend ist er. Und wie beschrieben funktioniert er ja auch in vielen „ingenierbaren“ Feldern der Wirklichkeit. – Vielleicht sollten wir auch aufhören, uns von Menschen führen zu lassen, die besonders stark dem Gedanken der Steuerbarkeit zuneigen, also geborenen Managern, Ingenieuren, Architekten… Weiterlesen »

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Montag, 26. Oktober 2015
X