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Dein Vermögen: Individuell wie Du

Im letzten Artikel „Wer denkt über Dein Vermögen nach?“ habe ich die ganzheitliche Betrachtung des eigenen Vermögens als einen wichtigen Baustein für gute Finanzentscheidungen angepriesen.

Aber Vermögen, das ist ein schwammiger Begriff, zu dem jeder sofort etwas sagen kann, aber sicher auch jeder etwas anderes sagen würde.

Vermögen im Sinne von Fähigkeit ist ein Begriff aus der aristotelischen Philosophie. Rechtlich bedeutet Vermögen geldwerte Rechte im Besitz eines Rechtssubjekts.

In den Wirtschaftswissenschaften ist Vermögen der in Geld ausgedrückte Wert aller Güter, die im Eigentum einer Wirtschaftseinheit sind.

Diese Definition ist für unseren Zweck brauchbar. Die Wirtschaftseinheit bist Du oder Deine Familie. Für alle Güter, das schließt auch immaterielle Güter ein, muss der Geldwert als kleinster gemeinsamer Nenner bestimmt werden.

Was zähle ich zu meinen Vermögenswerten?

Trotz der relativ einfachen Definition gibt es nicht das objektive, das allgemein gültige Vermögen einer Person. Vermögen ist subjektiv. Je nach Betrachtung, Denkweise und Bewertung kommt es zu unterschiedlichen Werten. Im Folgenden nenne ich einige gängige Vermögenswerte ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ich freue mich auf weitere in den Kommentaren!

Unstrittig sind Bargeld und die Beträge auf Giro- und Tagesgeldkonten. Das können wir direkt zum geldwerten Vermögen zählen. Je weiter wir uns davon entfernen, desto mehr Interpretationsspielraum haben wir.

Was ist mit Festgeldkonten, Banksparplänen oder Bausparverträgen? Unter Umständen kommt man eine gewisse Zeit nicht an das Geld heran. Aber die Guthaben sind transparent und wir können sie zum Vermögen hinzuzählen.

Gold und andere Edelmetalle haben auch einen Geldwert, den wir täglich im Internet abrufen können. Die Preise sind transparent und jederzeit verfügbar.

Bei Schmuck und Kunstgegenständen wird es schon schwieriger. Wo liegt da der Geldwert? Den Wert des Schmucks könnte man schätzen (lassen). Dann aber ohne den ideellen Wert der geerbten Perlenkette. Dieser ist kein Geld wert. Spätestens bei der Bewertung von Kunstgegenständen wird es eng, wenn man kein konkretes Kaufangebot macht oder an einer Auktion teilnimmt.

Auch bei Immobilien ist es nicht einfach den Geldwert zu bestimmen. Der eigene Kaufpreis oder der Wert des Gutachters können stark vom aktuellen Marktpreis abweichen. Zu welchem Preis kann man seine Immobilie verkaufen? Das erfährt man zur Sicherheit nur, wenn jemand einen Kaufvertrag unterschreibt.

Ob man sein Auto oder auch seine Autos zum Vermögen zählt, ist abhängig von der Betrachtungsweise. Und natürlich vom Auto. Und wenn ja, dann sollte man auch hier einen realistischen Marktwert ansetzen. Wir bekommen die Subjektivität nicht aus der Sache heraus.

Wieder transparent sind die Vermögenswerte im Wertpapierportfolio. Die Marktpreise von Aktien, Fonds, Anleihen und dergleichen lassen sich jederzeit auf einschlägigen Finanzseiten im Netz einsehen und eine Direktbank weist den Wert eines Depots zumindest tagesaktuell aus.

Die meisten von uns dürften mitten im Arbeitsleben stecken. Und wenn wir das Vermögen ganzheitlich betrachten, zählen auch erworbene Renten– oder Pensionsansprüche dazu. Auch wenn eine Auszahlung in ferner Zukunft liegt, sind diese Ansprüche Geld wert. Das gleiche gilt für private Renten- oder Lebensversicherungen inkl. Riester, Rürup, betriebliche Altersvorsorgeverträge und Co. Ein Richtwert kann der Rückkaufwert sein.

Ein meist unterschätzter oder gar nicht erst betrachteter Vermögenswert ist unser Humankapital. Dabei dürfte dieses für die meisten Menschen der größte Vermögensbestandteil sein. Nach Statista-Daten aus dem Jahr 2014 verdient in Deutschland eine Person mit Hochschulabschluss zeitlebens zwei Millionen Euro.
Dein Humankapital ist in diesem Sinne die Summe Geld, die Du ab heute in Deinem Leben noch verdienen wirst. Wie soll man das objektiv feststellen? Das kannst Du nur subjektiv einschätzen und bewerten.

Am Lebensanfang steigt unser Humankapital mit unserer Ausbildung und Berufserfahrung stark an, nur um dann mit fortschreitendem Lebensalter tendenziell zu fallen. Niemand wird mit 30 Jahren noch in den Fußballsport einsteigen und dann Champions League spielen. Ein Gehaltssprung oder höhere Stundensätze sind vielleicht aber schon drin.

Wie bewerte ich zukünftige Zahlungsansprüche?

Wir haben konkrete Beträge jetzt und hier, zum Beispiel auf dem Sparkonto. Viele der geldwerten Vermögensbestandteile landen aber erst in der Zukunft auf unserem Konto. Wieviel ist das heute wert?

Wenn wir unser Vermögen ganzheitlich betrachten, gehören auch zukünftige Einkünfte dazu. Um diese mit den heutigen Beträgen in Relation zu setzen, können wir die Zahlungsströme aus der Zukunft in einen Gegenwartswert umwandeln.

Die Zeitmaschine dafür heißt Rentenbarwertfaktor. Stopp! Die Formel ist zwar rein kompliziert, ich verzichte trotzdem darauf:

Ein Grund, warum sich viele nicht an das Thema Finanzen herantrauen, sind finanzmathematische Formeln, die eher Wissenschaft als Lebenspraxis vermitteln.

Trotzdem ist es wichtig zu berücksichtigen, dass Beträge, die uns erst in der Zukunft zufließen, durch Inflation und Zins heute einen geringeren Barwert haben. Auch wenn die Inflation in den letzten Jahren auf einem eher niedrigen Niveau war, muss das nicht so bleiben. Hier liegt der nächste Interpretationsspielraum: Mit welcher Inflationsrate rechne ich in Zukunft?

Nehmen wir einmal eine Inflationsrate von 2,5% an. (Die Europäische Zentralbank strebt 2% an.) Das würde bedeuten, dass die Preise im Schnitt jedes Jahr 2,5% anziehen.

Dann ist eine Zahlung von 10.000 Euro, die Du in zehn Jahren bekommst, heute nur etwa 7.800 Euro wert. Soviel Geld würde ich Dir heute für Deinen Anspruch zahlen.

Ein Gehalt von jährlich 40.000 Euro für die nächsten zehn Jahre hat heute nicht etwa den Gegenwert von 400.000 Euro, sondern nur etwa 350.000 Euro. Bei längeren Zeiträumen, die noch weiter in die Zukunft reichen, schlägt die Inflation exponentiell zu.

Eine Rente von 20.000 Euro jährlich, die ich 30 Jahre lange beziehe, aber erst in 20 Jahren mit der Auszahlung startet, hat einen Barwert von 255.463 Euro statt der auf den ersten Blick berechenbaren 600.000 Euro.

Wer in die Formeln einsteigen möchte, der findet alles bei Wikipedia (Rentenbarwertfaktor, Abzinsung). Anschaulicher geht es mit Excel. Im Anhang zu diesem Artikel findet ihr eine Excel-Tabelle mit einem Werkzeug zur Berechnung des Barwerts.

Eigenschaften von Vermögenswerten

Unsere Vermögenswerte haben ganz unterschiedliche Eigenschaften, nach denen wir diese einordnen und bewerten können.

Liquidierbarkeit
„Bist du flüssig?“, heißt es oft. Und das ist eine wichtige Frage. Schließlich kann man auch mit einem größeren Vermögen zahlungsunfähig sein. Unsere Vermögenswerte können wir danach einordnen, wie schnell wir diese zu vernünftigen Marktpreisen verkaufen könnten, wenn wir das wollen oder sogar müssen.

Das Tagesgeldkonto zählt zum flüssigen Vermögen, eine Kapitallebensversicherung können wir immerhin zu einem ungünstigen Rückkaufswert in Bares umwandeln oder ggf. am Markt verkaufen. Bei einer Immobilie wird es schon schwieriger, Immobilien zählt man besser zum illiquiden Vermögen.

Marktwert
Nützlich und nicht immer einfach ist auch die Frage nach dem Marktwert des Vermögensgegenstands. Beim Auto lässt sich dieser z. B. noch mit Hilfe der Onlinemärkte einschätzen. Beim Kunstgegenstand oder einer Immobilie wird es schwierig.

Es geht nicht um den Kaufpreis, ideelle Werte, und auch nicht um den eines Gutachters, sondern um den erzielbaren Preis auf dem echten und durch unzählige Einflüsse launischen Markt. Etwas ist heute genau so viel Geld wert, wieviel jemand heute dafür bezahlt.

Cashflow
Generiert der Vermögenswert Erträge oder verursacht er Kosten? Eine wichtige Unterscheidung, die man immer im Hinterkopf haben sollte, wenn man Entscheidungen trifft.

Einen begehrten Oldtimer kann man als Vermögenswert ansehen. Er generiert vermutlich aber keine Einkünfte. Ein selbst genutztes Auto wird laufend Kosten verursachen. Versicherung, Steuern, Reparaturen, Inspektionen, Reifenwechsel, neue Reifen, … Wenn Du ein Auto hast, rechne diese Kosten doch mal für die nächsten zehn Jahre auf.
Eine Aktie als Beteiligung an einem Unternehmen, zum Beispiel Daimler oder BMW, generiert hingegen zukünftige Zahlungsströme in Form von Ausschüttungen (Dividenden).

Risikoprofil
Ein weiterer Punkt ist die Einschätzung des Risikos eines Vermögenswerts. So gut wie alle Vermögenswerte unterliegen Wertschwankungen. Diese nehmen wir nur sehr unterschiedlich wahr. Der Preis einer Adidas-Aktie ist täglich abrufbar. Der Wert einer Immobilie lässt sich im Zweifel nur durch ein echtes Kaufangebot ermitteln. Die Wertschwankungen bleiben uns so verborgen.

Um ein ausgewogenes Chance-/Risikoprofil des Gesamtvermögens zu erreichen, ist es im ersten Schritt nützlich, alle Vermögenswerte diesbezüglich einzuschätzen. Aktien junger, noch Verlust schreibender Technologieunternehmen sind mit einem höheren Risiko verbunden als der Bausparvertrag bei einer wirtschaftlich gesunden Bausparkasse.

Im Kern kann man das Risiko mit den folgenden drei Faktoren einschätzen. Aber auch hier gilt:

Die individuelle Einschätzung geht vor Arithmetik.

  • Wie hoch sind die zu erwartenden Wertschwankungen?
  • Wie lang ist der Zeitraum, für den ich den Vermögenswert besitze?
  • Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich im angelegten Zeitraum doch verkaufen muss?

Dazu ein Beispiel:
Aktienkurse schwanken in der Regel stärker als die von Anleihen. Dennoch: Ein Aktienfonds, den ich mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nähsten 30 Jahren nicht verkaufe, hat vermutlich ein geringeres Risiko als eine italienische Staatsanleihe, die ich vielleicht noch dieses Jahr wieder veräußern muss. Liebe Italiener, ersetzt italienische durch spanische, griechische, brasilianische, etc.

Deine Vermögensstruktur

Ein erster Schritt für mehr Eigenverantwortung und einen selbstbewussteren Umgang mit den privaten Finanzen ist eine Auseinandersetzung mit der ganz individuellen Vermögensstruktur. Als Anhang zum Artikel stelle ich eine Excel-Tabelle bereit, mit der Du Deine Vermögensverhältnisse grob sortieren und transparent machen kannst. Hier kommt es nicht auf Nachkommastellen an. Und auch nicht so sehr auf das Ergebnis. Ziemlich sicher gibt es das objektiv richtige Ergebnis auch gar nicht. Es kommt vielmehr darauf an, über die Struktur des eigenen Vermögens nachzudenken.

Interessante Fragen könnten sein:

  • Welche Vermögensbestandteile kann ich identifizieren und wie kann ich sie grob einordnen bezüglich der Liquidierbarkeit, dem Marktwert und dem Risikoprofil?
  • Welche Vermögensgegenstände bringen Erträge, welche verursachen Verbindlichkeiten?
  • Wenn ich alle kurzfristig veräußerbaren Vermögensgegenstände zu Geld mache, welchen Teil meiner Verbindlichkeiten könnte ich dann ablösen?
  • Wie groß ist das Gesamtvermögen abzüglich evtl. Verbindlichkeiten?
  • Wie groß ist der „risikolose“ Teil? Welche Risiken gehe ich für Renditechancen ein?

Unrealistisch, aber für die Psyche: Was wäre, wenn ich heute alles liquidieren und alle meine Verbindlichkeiten zurückzahlen müsste?


Hier findest Du die Excelvorlage für Deine Vermögensstruktur!

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Geschrieben von

Blogauthor Torben Müller intrinsify.me
Torben Müller

Torben ist über die Themen sinnstiftende Arbeit und moderne Unternehmensführung auf Intrinsify gestoßen. Zwei seiner großen Leidenschaften sind Wirtschaft und Börse. Im Laufe seiner zwei Jahrzehnte Finanzmarkterfahrung, hat er sich entschieden seine privaten Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Heute investiert er strategisch und „passiv“, teilt seine Erfahrungen in Blogs und ist Sparringspartner in Finanz-Coachings.

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1 Kommentar auf "Dein Vermögen: Individuell wie Du"

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