Der Irrglaube: Selbstständige als Rettungsanker des Deutschen Rentensystems

Ein Beitrag von: Lars Vollmer
Müssen Selbstständige zukünftig in die Rentenkasse einzahlen?

Bildnachweis: © olly18 – depositphotos.com

Millionen von Menschen haben in der Selbstständigkeit den Sinn ihrer Arbeit und ein selbstbestimmtes Leben gefunden. Damit könnte bald Schluss sein. In Berlin diskutieren die Regierungsparteien gerade ganz heiß darüber, ob die Selbstständigen nun bald in die Rentenversicherung einzahlen sollen.

Nicht nur fatal für die rund vier Millionen betroffenen „happy working people“, die in der Selbstständigkeit Erfüllung gefunden haben, sondern auch für unsere Gesellschaft. Denn sich als Selbstständiger durchzukämpfen, trainiert ganz bestimmte Muskeln, die das Land so stark und widerstandsfähig machen.

Und wer glaubt, diese Vorgehensweise würde das deutsche Rentensystem retten, irrt. Für mich ist das nur ein letzter vergeblicher Strohhalm, der das System vor dem Kollaps bewahren soll.

Einschnitt in das Leben der Selbstständigen

Die Diskussion darüber, ob Selbstständige in die Rentenversicherung einzahlen sollen, ist so alt wie das Rentensystem selbst. Klar. Aber die Ministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles (SPD) hat vor der Bundestagswahl 2017 noch einiges in Gang gesetzt, damit dieses Thema möglichst noch vor der Abstimmung über die Volksvertreter vom Tisch kommt.

Der Regierungspartner CDU/CSU mischt sich sogleich auch gestaltend in die Diskussion ein, wohl in der Befürchtung, die SPD könnte sonst das hochexplosive Thema bis in den Wahlkampf verlängern.

Mich lässt das schon vermuten, dass dieses Thema gerade bei der immer älter werdenden Wählerschaft eine noch höhere Brisanz entwickeln könnte. Wer will schon auf seine Rente verzichten? Und das nur, weil das System kollabiert und die Staatsvertreter keine Lösung für das Dilemma der demografischen Entwicklung finden.

Nun, ich will auch nicht auf mein Auskommen im Alter verzichten! Die Überlegungen beziehen nämlich nicht nur die Einzelselbstständigen, die bisher in keine Pflichtversicherung einer Versorgungskasse eingezahlt haben (wie etwa Ärzte und Rechtsanwälte), sondern auch die GmbH-Geschäftsführer mit ein. Und damit betrifft mich das Thema ganz unmittelbar. Ich zahle nämlich seit dem Jahr 2000 nicht in das gesetzliche Rentensystem ein und sorge für mich selbst vor.

Das Argument, die Bevölkerung solle vor Altersarmut geschützt werden, ist aus meiner Sicht nur vorgeschoben und kann beileibe nicht der einzige Grund für einen solch gravierenden Einschnitt in das Leben der vielen Selbstständigen sein.

Weniger zufriedene Deutsche?

Mal ehrlich, unser Land kann stolz darauf sein, dass Millionen Bürger in der Selbstständigkeit eine Form gefunden haben, ihre eigene Vorstellung von Arbeit realisiert zu haben. So wie sich viele andere Bundesbürger in der abhängigen Beschäftigung wohlfühlen. Jeder entscheidet, wie es für ihn persönlich passt.

Die Gründe für die Entscheidung selbstständig oder angestellt sind dabei hochgradig individuell. Doch es gibt bei allen Formen der Arbeit gemeinsame Nenner: die Vereinbarkeit von Sinn, Spaß, sozialer Eingebundenheit und wirtschaftlichem Erfolg. Das mit dem wirtschaftlichem Erfolg könnte – wenn wir Selbstständigen künftig in die Rentenversicherung einzahlen müssten – deutlich schwieriger werden.

Vor allem durch das Internet ist es schließlich heute so einfach und so erfolgversprechend wie nie zuvor, in die Selbstständigkeit zu gehen – und sich mit dieser Tätigkeit sein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu gestalten. Soll das ein jähes Ende finden? Soll das marode Sozialsystem zulasten dieser vielen zufriedenen unabhängig Arbeitenden – einer gewichtigen Säule der Gesellschaft – saniert werden?

Gut gemeint – mit blindem Fleck

Ich verstehe schon, dass es aus politischer Sicht unerlässlich ist, das Wahlvolk zu beschwichtigen und ihm zu suggerieren, dass die Renten sicher seien. Und ich kann auch die Bemühungen nachvollziehen, den Kollaps des gut gemeinten und solidarischen Systems zu verhindern. Diese Herangehensweise kann die Krankheit des Systems meines Erachtens allerdings nur verlangsamen und nicht aufhalten. Früher oder später werden auch derzeit festgeschriebene Grenzen gerissen. Die arbeitende Bevölkerung müsste dann auch Rentenbeiträge von mehr als 22 Prozent, ein Rentenniveau von weniger als 43 Prozent oder ein Renteneintrittsalter von mehr als 67 Jahren hinnehmen.

Was die Politiker bei ihren Überlegungen allerdings bisher völlig außer Acht lassen, ist, dass eine gewichtige Achse der deutschen Wirtschaft, die für Innovation und Leistungsfähigkeit steht, durch ihren neuen Ansatz geschwächt würde – und damit auch das Kollektiv. Um das kollektivistische System zu schützen, wird hier versucht, noch mehr Menschen zu dieser Art „Solidarpakt“ zu verpflichten. Ausbrechen – keine Chance! Individualisierungsbestrebungen – kein Raum dafür! Selbstbestimmt wirtschaften – erst nach der Zahlung in die Rentenversicherung.

Eine Gefahr für die Gesellschaft

Diese Bestrebungen aus Berlin sind natürlich noch nicht beschlossene Sache und wenn sie bei der Bundestagswahl auf die Agenda kommen, werden die Karten sowieso neu gemischt. Ich finde den Ansatz allerdings nicht nur für die Selbstständigen, sondern auch gesellschaftlich äußerst bedenklich.

Wer selbständig tätig ist, weiß, wovon ich spreche: Das Überleben als Selbstständiger ist wie das Balancieren eines Bleistifts auf dem Finger, ein ständiges Ringen mit Widrigkeiten. Mal zu viele Aufträge, oft zu wenige. Auf welchen Partner kann ich mich wirklich verlassen? – ich steh ja mit meinem Namen für gute Leistung. Wie komme ich während einer Durststrecke über die Runden, wie soll ich maßhalten, wenn es gut läuft? Soll ich jetzt jemanden einstellen? – Kann und will ich auch die Verantwortung für andere, also Angestellte, übernehmen? Wie organisiere ich das mit Familie und Freunden, wenn mal wieder Nachtschichten geschrubbt werden können.

Doch genau das ist auch ihr großer Vorteil: Denn das raue Leben eines Selbstständigen trainiert ihnen überlebenswichtige Fähigkeiten an: Sie lernen ganz automatisch, sich im Wesentlichen an externen Referenzen zu orientieren und die Dienstleistungen und Produkte am Kunden auszurichten.

Und dank dieser Referenzen kann der selbständig arbeitende Teil der Bevölkerung unglaublich gut lernen, weil sie Widerstand bedeuten. Radfahren lernt man schließlich auch nur auf der buckeligen Straße und mit der Möglichkeit hinzufallen – auf dem Hometrainer kann man sich nur das Strampeln aneignen. Eine Fähigkeit, die besonders Selbstständige – wenn auch bisher kaum beachtet – in unsere Gesellschaft und Wirtschaft einbringen.

Deshalb: Auch wenn ich die Gründe der Politik in Zügen nachvollziehen kann – es wäre fatal für Deutschland, wenn Selbstständige künftig in die Rentenversicherung einzahlen müssten. Denn diese gewichtige Säule, die momentan einen großen Anteil daran hat, dass unsere Nation stark, widerstandsfähig und antifragil ist, würde großen Schaden nehmen, und trotzdem das Rentensystem nicht vor dem Tod bewahren.

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Ricardo Morita
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Die Politik handelt in dieser Frage wie ein Verkäufer auf Provisionsjagt. Offensichtlich werden Selbständige künstlich auf Konfrontationskurs mit Angestellte gebracht, nur um das Gesicht der Politik wahren zu können.
In meinen vielen Beiträgen und Äußerungen weise ich ebenso auf die veraltete, rückwärts gerichtete Politik hin. Bildlich gesprochen ist die „Deutschland AG“ spezialisiert auf Verbrennungsmotoren mit dem sich (noch) gut Geld verdienen lässt; Sie weigert sich die Realität anzuerkennen und in die Zukunft zu investieren. Statt dessen werden die eigenen Ingenieure, die die Zukunft positiv mitgestalten können, geknebelt und massiv behindert.

Jörg
Gast
Jörg

Überspitzt formuliert könnte man mit der gleichen Argumentation das solidarische Rentensystem auf freiwilliger Basis fordern bzw. verlangen, es komplett abzuschaffen. Wäre doch d e r Schulungseffekt für alle, würde Energie, Ideen freisetzen, allen ginge es besser! (insbesondere der Versicherungswirtschaft) Oder würde dies vielleicht doch in einer notwendig aufgeblähten Sozialhilfe für die Rentner enden, die es nicht geschafft haben, vorzusorgen? Darunter könnten auch Selbstständige sein 😉 Denn zugucken mag ja keiner, wenn Senioren auf der Straße betteln. Zur Beurteilung dieser Frage fehlen mir Zahlen. Wieviele Selbstständige, die es nicht geschafft haben vorzusorgen, müssen später aufgefangen werden? Wie stark „schadet“ es den… Weiterlesen »

Stefan
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Stefan

Lieber Lars, warum genau ist es fatal, wenn Selbstständige sich an einem solidarischen System beteiligen? Wie und warum schwächt ein solidarisches System die Selbständigen? Für ihr Alter vorsorgen müssen sie ohnehin. Was sie leider aber oft nicht tun: http://www.handwerksblatt.de/politik-wirtschaft/27-handwerkspolitik/21695-vielen-selbststaendigen-droht-altersarmut.html Eben weil Selbständige mit ständigen Widrigkeiten kämpfen, ist ein funktionierendes solidarisches System doch unabdingbar. Dass private Vorsorge (in vielen Fällen) nicht funktioniert, wissen wir (denn was machen wir, wenn sich unsere sorgsam ausgewählte Versicherung in 30 Jahren verspekuliert hat oder in 20 Jahren niemand unser Häuschen zu dem Preis kaufen will, den wir brauchen?). Ein umlagefinanziertes Rentensystem ist das einzige System,… Weiterlesen »

Sonja
Gast
Sonja

Lieber Lars, leider gefällt mir dieser Beitrag in weiten Teilen nicht – es fehlt einfach an Substanz, die Deine Argumentation schlüssig mit Zahlen und Fakten unterfüttert; das sehe ich genauso wie Stefan. Was ich aber gut finde, ist, dass Du das Thema auf den Tisch bringst. Es ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Themen für uns alle – für die Angestellten, die Freiberufler, die Geschäftsführer von GmbHs. Und natürlich auch für viele Frauen, die nach der Kinderpause und Teilzeitarbeit anfangen, als Selbstständige zu arbeiten, weil sie ab einem bestimmten Alter keine Chance mehr haben auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt –… Weiterlesen »

Sebastian Heide
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Sebastian Heide

So sehr ich die Artikel von Herrn Vollmer sonst schätze, kann ich mich in diesem Fall den meisten meiner Vorschreiber nur anschließen. Ich persönlich bin auch eher „Einzahler“ in unser Solidarsystem — ich bin Pflichtversichert in der Krankenkasse obwohl ich jung bin und selten zum Arzt muss, ich zahle Rentenbeiträge und auch in die Arbeitslosenversicherung — und dennoch tue ich dies gern. Und ich weiß auch wofür: meine Frau und meine Kinder müssen häufiger zum Arzt, meine Mutter war eine Zeit lang arbeitslos und mein Vater ist Rentner. Das Solidarsystem – die soziale Marktwirtschaft – ist in meinen Augen eine… Weiterlesen »

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Sachbücher über Wirtschaft und Gesellschaft, wenn er nicht gerade für intrinsify unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk GmbH nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Nach seinem Wirtschafts-Bestseller »Zurück an die Arbeit« und dem Ende 2017 veröffentlichtem Buch »Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen« erschien im Januar 2019 sein neues Buch »Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist«.

Erschienen am

Donnerstag, 24. November 2016
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