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Hast Du zu viele digitale Bekanntschaften?

Es ist heute einfacher denn je geworden, ein großes Netzwerk interessanter Menschen digital zu organisieren. Problematisch wird es dann, wenn einen diese Kontakte auch im richtigen Leben treffen wollen.

© william87 – depositphotos.com

Ich treffe Peter beim Italiener um die Ecke. Wir haben mal zusammen an einem Projekt gearbeitet, uns gut verstanden, sind auf diese unverbindliche Art in Kontakt geblieben, die heute so verbreitet ist: Wir folgen uns gegenseitig auf Twitter, sind bei Facebook befreundet, das schafft die Illusion von Nähe und hält einen tatsächlich ziemlich gut auf dem Laufenden, was beim anderen so los ist. Auf diese Weise ein großes, durchaus internationales Netzwerk haben zu können ist eine der großen Errungenschaften der Digitalisierung, das meine ich ganz unironisch. Das Problem entsteht immer dann, wenn diese lockeren Kontakte – Soziologen sprechen hier von »Weak Ties«, von denen man, entgegen weitverbreiteter Facebook-Kritik, übrigens durchaus Hunderte haben kann – kurzzeitig zu »Strong Ties« werden. Zum Beispiel, weil Peter und ich zu einem beruflichen Thema gemailt hatten und einer von uns in einem schwachen Moment den folgenreichen Satz geschrieben hat: »Müssen uns mal wiedersehen.« Worauf der andere die nicht minder fatale Antwort gab: »Lunch?«

Nun möchte ich Peter tatsächlich gern mal wiedersehen. Nur: Menschen wie Peter, die ich spannend und unterhaltsam finde und die ich theoretisch zum Lunch treffen könnte, gibt es in meinem Netzwerk mindestens ein paar Dutzend. Von denen viele in Berlin sind, viele weitere oft mal hier vorbeischauen. Rein mathematisch könnte ich meinen Kalender um die Mittagszeit auf Monate hinaus mit solchen Lunch-Terminen füllen. Was bestimmt interessant wäre. Aber natürlich nicht geht.

Denn es gibt ja nicht nur jene Termine, die – beruflich oder privat – wirklich wichtig sind. Dazu kommt noch eine dritte Kategorie – wer seinen Kalender im Manager-Modus führt, kann sich zu dem verabreden, was Paul Graham »spekulative Meetings« nennt. Das kennen wir alle: Wir haben jemanden auf einem Kongress flüchtig kennengelernt, und wir verabreden uns, »die Tage mal einen Kaffee zu trinken«. Ein Bekannter eines Bekannten mailt uns und würde gern mal vorbeikommen und uns zeigen, woran er gerade so sitzt. Eine alte Schulfreundin, mit der man eigentlich gar nichts mehr gemeinsam hat, ist in der Stadt und schlägt auf Facebook vor, man könne sich doch zum Lunch treffen.

 

All diesen Verabredungen ist gemeinsam, dass sie keine klare Agenda haben. Zu fragen »Was soll denn das Thema unseres Gesprächs sein?« oder gar: »Wieso willst du mich denn treffen?« scheint unhöflich, und die meisten Menschen trauen sich das nicht. Bei mir ist es inzwischen so, dass ein eh schon sehr voller Kalender an drei oder vier Tagen die Woche noch einen weiteren Eintrag bekommt, an denen ich mehr oder weniger fremde Menschen ohne klaren Anlass treffe. Manchmal kommt auch etwas Spannendes dabei heraus. Aber, ehrlich gesagt: Meist bleibt es doch beim unverbindlichen »War toll, lass uns in Kontakt bleiben, müssen unbedingt mal was zusammen machen«, und dann hört man nichts mehr voneinander.

Das Ganze ist ein riesiger Zeitfresser, der durch die neuen digitalen Tools dramatisch zugenommen hat. Es geht so schnell, jemanden auf LinkedIn oder Xing zu kontaktieren. Es ist so einfach, jemanden per WhatsApp-Nachricht, Facebook-Message oder Twitter-DM anzupingen. So flott ist eine »Hey, wollen wir uns mal treffen«-Mail geschrieben. Ich jedenfalls bekomme solche Nachrichten regelmäßig. Es ist die vielleicht größte Gefahr der neuen globalen Vernetzung: Man lernt ständig interessante Menschen kennen. Die ›einfach mal so‹ mit einem skypen wollen, einen in endlose E-Mail-Konversationen verwickeln. Einen zu Networking-Dinners, Cocreation-Workshops und Design-Thinking-Seminaren einladen. Alles spannend. Alles Zeitfresser. Hier zu priorisieren und 90 Prozent abzusagen ist heute Kernkompetenz effizienter Menschen. Aber schwierig. Ich bekomme es jedenfalls nicht hin.

Und dann ist da ja noch die andere Seite der Medaille, nämlich die Frage, ob ich wirklich so ein Effizienzmonster werden will. Einer, der soziale Kontakte ausschließlich auf ihre Nützlichkeit hin bewertet, der keine spontane Kommunikation erträgt, ohne dabei – zumindest innerlich – auf die Uhr zu schauen. Einer, in dessen Leben positive Zufälle – die Amerikaner haben dafür das schöne Wort Serendipity erfunden – nicht mehr vorkommen, weil jede Minute verplant ist. Will ich natürlich nicht. In Wahrheit brauchen wir in dieser Zeit digitalisierten Optimierungswahns vermutlich sogar mehr Zufälligkeit, Unplanbarkeit und Irritation, wie der kluge Tim Leberecht sagt.

Ich glaube, am Ende stimmt beides. Es ist genau diese Dialektik, die unsere Zeit kennzeichnet und auf die wir weder mental vorbereitet sind noch mit unseren aktuellen sozialen Normen. Wir müssen lernen, den großen Teil zufälliger und ungeplanter Kommunikation, die durch das Digitale auf uns einströmt, wegzufiltern, abzulehnen, zu ignorieren, um wieder Raum zu schaffen für jene Zufälligkeit und Unplanbarkeit, die unser Leben erst lebenswert machen. Das eine vom anderen unterscheiden zu können wird zunehmend eine Fähigkeit sein, die wir lernen und lehren müssen – im Privaten, Beruflichen, aber zum Beispiel auch in der Schule.

Der Lunch mit Peter war natürlich toll. Wir haben über alte Zeiten gesprochen und über neue Jobs. Peter ist jetzt bei Google. Ich erzähle von meinem neuen Buch. Er sagt, dass bei ihnen gerade ein Achtsamkeits-Experte einen Vortrag gehalten hat. Wir versprechen, uns gegenseitig Kontakte zu Personen zu schicken, die uns jeweils weiterhelfen können. Links zu Artikeln, über die wir gesprochen haben. Beim Abschied sagen wir beide, dass wir das bald mal wieder machen müssen. Wir wissen beide, dass das nicht stimmt, jedenfalls nicht vernünftig wäre. Auch wenn wir uns mögen, uns viel zu erzählen haben: Unsere Kalender haben unser Leben zu stark im Griff, als dass wir so frei und fahrlässig mit ihnen umgehen dürften.

 

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus „Digitale Erschöpfung“, dem aktuellen Buch von Markus Albers. Zuvor hat er bereits in „Morgen komm ich später rein“ und „Meconomy“ über die Zukunft der Arbeit geschrieben.

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Geschrieben von

Blogauthor Markus Albers intrinsify.me
Markus Albers

Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Mitgründer von Neuwork. Er schreibt die Kolumne „Flight Mode“ für Lufthansa Exclusive. Seine Texte wurden unter anderem in Monocle, Brand Eins, Die Zeit, GQ, AD, Vanity Fair, Spiegel, Stern, SZ-Magazin und der Welt am Sonntag veröffentlicht. Markus’ Bücher „Meconomy“, „Morgen komm ich später rein“ und „Digitale Erschöpfung“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Zu den Buchthemen hält er Vorträge, moderiert Panels und Workshops. Markus Albers ist Mitglied der International Academy of Digital Arts and Sciences sowie Juror von Forework.

Bildnachweis: © Tobias Kruse

Erschienen am

Donnerstag, 12. April 2018

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Torben
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Danke für diesen Artikel, Markus. Er regt an mal über dieses Thema zu reflektieren. Wenn man sich das rein mathematisch vorstellt, dann ist es ja so, dass das digitale Netzwerk exponentiell wächst während die Zeit linear ist. Und so läuft es zwangläufig darauf hinaus, dass es mehr potenzielle Lunch- und Kaffeetermine gibt als Kalendertage. Der Artikel erinnert mich an eine Nachricht, die ich einem ehemaligen Kollegen in einem der Karriere-Netzwerke schrieb: „Wenn du dich im neuen Job eingelebt hast, lass uns mal ein Bier trinken gehen.“ Die Antwort kam zügig: „Na klar Torben, das machen wir!“. Jeder hat zu tun… Weiterlesen »

mifra
Gast
mifra

…einfach eine Frage des Gefühls und der Priorität

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