Kein digitales Entwicklungsland

Ein Beitrag von: Bastian Wilkat
Kein digitales Entwicklungsland - Wo uns die Digitalisierung heute schon das Leben in Deutschland einfacher macht

Bildnachweis: © Alkestida – depositphotos.com

Disclaimer: Ich nutze viele der vorgestellten Lösungen. Mit keinem der Unternehmen besteht eine Kooperation. Dieser Beitrag ist rein redaktionell. Eine Offenlegung findest Du am Ende des Artikels.

Digital-Deutschland ist noch nicht abgehängt!

Deutschland ist für viele als digitales Entwicklungsland verschrien. Auch ich sehe viele Bereiche, in denen unsere Gesellschaft und die Organisationen in denen wir lernen, leben und arbeiten, digitale Unterstützung benötigen würde. Heute möchte ich aber mal einige tolle und praktische digitale Lösungen vorstellen, die uns als Nutzende das Leben einfacher machen.

Erwarte keine umfänglichen Tests und Produktvergleiche. Ich möchte einfach die Diversität neuer Lösungen zeigen. Der Trend in vielen Bereichen ist: Mehr Nischenangebote, die einzelne Probleme perfekt lösen, statt ein großer Bauchladen, der alles nur so halb gut macht.

Los geht’s.

Digitales Banking

In den vergangenen zehn Jahren sind viele neue digitale Banken entstanden. In Deutschland zählen N26 und Fidor sicher zu den bekanntesten. Im Geschäftskontenumfeld sind Holvi und Kontist zu nennen.

Bei N26 kann man sich vom Sofa innerhalb weniger Minuten anmelden und durch den Kontowechselservice hat man wenig Papierkram an den Hacken. Bei einer Fidor kann man einfach Bitcoin handeln oder über einen Geld-Notruf in Sekundenschnelle 100€ als Kurzkredit erhalten.

Holvi ist ein finnisches Unternehmen, das selbst in der kostenlosen Variante ein feature-reiches Unternehmenskonto anbietet. So kannst du z.B. in Sekundenschnelle Rechnungen erstellen. Sobald Dein Geld angekommen ist, wird die Zahlung der entsprechenden Rechnung zugewiesen und zack – mehr Übersicht. Kontist als deutsches Startup fokussieren sich komplett auf die Bedürfnisse von Freelancern.

Und dann gibt es noch dieses Unternehmen aus Holland, das irgendwie alles anders macht als konventionelle Banken – und dabei auch noch die Nutzer über Grundsatzfragen mitentscheiden lässt.

Die Rede ist von bunq. Im Menüpunkt “Freedom of Choice” kannst Du sogar sagen, dass Du bewusst keine Zinsen erhalten möchtest. Oder Du entscheidest, dass das bei bunq gelagerte Geld nur in persönliche Hypotheken und an grüne Unternehmen verliehen werden soll.

Schön sind auch kleine Details wie ein persönlicher Link wie bunq.me/bw, wo man mir einfach Geld überweisen kann. Auch wenn man in der kostenlosen Version nicht mehrere Unterkonten einrichten kann (bei N26 sind es immerhin zwei) und auch keine Karte erhält, so ist es ein tolles Zweit- oder Drittkonto mit einer europäischen IBAN und gesicherten Einlagen.

Wo hakt es?

Bei allen vorgestellten Anbietern muss man damit rechnen, dass sich kurzfristig mal Gebührenstrukturen ändern oder ein Feature nicht mehr dort ist, wo man es das letzte Mal gesehen hat. Auch ist es aufgrund des Alters der Unternehmen auch mal möglich, dass ein Unternehmen in die Insolvenz geht oder verkauft wird. Das mag einige sicher verunsichern. Ich finde sehr gerne kleine Fehler und teile sie den Entwicklern mit – so habe ich das Gefühl Teil dieser Produkte zu sein.

Und ich kenne “die andere Seite” nur zu gut. 🙂

 

Digitale Finanzanlage

Was habe ich mich schon mit befreundeten Finanzberatern über dieses Thema gestritten. “Bei der Geldanlage geht es um eine ganzheitliche Betrachtung der finanziellen Lebenssituation. Das kann nicht irgendeine automatisierte Geldanlage übernehmen!”

So wird es mir oft entgegengebracht, wenn ich von Robo-Advisors wie Vaamo, Scalable oder Growney berichte. Aber keiner der Robo-Advisors verspricht das zu übernehmen.

Für einen Menschen, der seine finanzielle Lage gut einschätzt und sein Geld renditeorientierter anlegen möchte, können Robo-Advisors eine perfekte Lösung sein. Die meisten Anbieter legen für Dich Fixbeträge oder Sparpläne bei der jeweiligen Partnerbank in ETFs an. Die echte Dienstleistung ist das Interface.

Als ich Vaamo genutzt habe, konnte ich mein Risikoprofil anhand einiger Fragen bestimmen. Danach wurde dann mein Geld angelegt und je nach Marktentwicklung automatisch angepasst. Und das auch bei Kleinstbeträgen.

Der Spar-Robo-Advisor OSKAR wirbt mit Mindestsparbeträgen von 25€/Monat. Banker würden mich bei der Nachfrage nach einem ETF-Sparplan für 25€ monatlich wahrscheinlich höflich der Filiale verweisen.

Ganz frisch gestartet sind Trade Republic – der erste mobile und provisionsfreie Aktienbroker. Ihr Konzept heisst “Tap-Tap-Trade”: Egal wo man in der App ist, innerhalb von drei Klicks hat man Aktien gekauft. Wenn ich mir meinen aktuellen Broker ansehe, ist das eine Revolution. Hier ist natürlich etwas mehr Köpfchen und Kompetenz gefragt.

Wo hakt es?

Die einfachen Interfaces laden gerade dazu ein verschiedene Sparziele anzulegen und mit sauer verdientem Geld zu befüttern oder mal eben in der Kaffeepause ein paar Aktien zu kaufen. Auch wenn alle Anbieter das deutlich machen, möchte auch ich nochmal unterstreichen, dass es Anlagen am Kapitalmarkt sind und man sehr viel Geld verlieren kann.

Als ich einmal kurzfristig Liquidität brauchte (die Auszahlung aus einem laufenden Plan ist bei den meisten Robo-Advisors meist innerhalb weniger Tagen vollzogen), habe ich damit beispielsweise ein paar hundert Euro Verlust gemacht.

Wer mehr über Robo-Advisors erfahren will: Finanzen.net bietet einen guten Robo-Advisor-Vergleich an.

 

Digitale Versicherung

Viele Menschen nutzen für die Suche nach Versicherungen Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox. Die Tarife sind jedoch meist von den klassischen Anbietern. Das muss nicht schlecht sein. In diesem Artikel geht’s aber um Alternativen. Noch tut sich nicht so viel, wie im Banken und Payment-Markt. Die Akquisekosten eines Kunden für eine Versicherung sind sehr hoch, weshalb es vielleicht noch nicht so viele Anläufe gab.

Langsam etablieren sich jedoch mit ONE Insurance und Coya einige ernstzunehmende Alternativen. Wie auch bei den Onlinebanken und Robo-Advisors wollen sie mit einfacher Bedienbarkeit (natürlich alles per App) punkten. Bis auf Haftpflicht-, Hausrat und Fahrradversicherungen bieten sie jedoch noch nicht viel an. Dennoch können 24/7 Schadensmeldungen per App sicher einige von Euch da draußen überzeugen.

Dann gibt es aber noch einen Dokumenten- bzw. Versicherungsmanager namens CLARK. Zunächst bin ich auf den Anbieter in meinem N26-Menü gestoßen. Aus meinem Konto heraus kann ich meine Versicherungen managen. Technisch greift N26 aber auf CLARK zurück, die auch faktisch das Maklermandat halten, wenn man sich entschließt mit der Versicherung umzuziehen.

CLARK selbst ist also kein Versicherer sondern eine Art digitaler Versicherungsmakler und Dokumentenmanager. Sie berechnen Versicherungs- und Rentenlücken und bieten Beratung an.

Wo hakt es?

Bisher konnte ich keinen Punkt ausfindig machen, wo es haken könnte. Einen Schadensfall habe ich fairerweise (und glücklicherweise) noch nicht gehabt. Du hast Erfahrungen mit einem digitalen Versicherer? Dann kommentiere gerne Deine (vor allem kritischen) Erfahrungen.

 

Digitale Krankenversicherung

Bis zum letzten Jahr war mein einziger Kontakt zu meiner Krankenversicherung die Änderung meiner Adresse. Ansonsten hatte ich nicht viel mit ihr zu tun. Als ich dann auf die neue Krankenversicherung ottonova stieß, war ich so neugierig, dass ich Maximilian Rast, einen Mitarbeiter der Versicherung, auch in meinen Podcast einlud.

Es ist so erfrischend, wie junge Unternehmen auf der grünen Wiese anfangen und es sich leisten, konsequent vom Kunden her zu denken und zu handeln. Nach weiteren Recherchen bin ich dann Kunde geworden. Und tatsächlich hat die Krankenkasse für mich endlich ein Gesicht. Meine alte Krankenkasse war für mich nur ein Logo an das Geld von meinem Arbeitgeber floss und Rechnungen von Ärzten beglichen wurden.

Ein Gesicht bei einem rein digitalen Anbieter? Dreh- und Angelpunkt ist die App, in der ich alle Dokumente und Rechnungen verwalte und Zugang zum Concierge habe. Und das ist der Clou. Die Kolleginnen und Kollegen von ottonova geben mir Ratschläge, zu welchem Arzt ich bei welchen Symptomen gehen sollte.

Die Terminierung übernehmen sie dann auch gleich. Hilfreich für mich ist auch, dass ich beim Öffnen der App proaktiv erinnert werde, 2x im Jahr zur Zahnreinigung zu gehen oder an sonstige Vorsorgeuntersuchungen zu denken. Ein Klick und die Concierges terminieren bei entsprechenden Ärzten die Behandlungen.

Wo hakt es?

Auch hier sind es meistens technische Kleinigkeiten. Und viele Sekretäre in den Arztpraxen sind irritiert, neugierig, verwundert oder schütteln den Kopf, dass man per Concierge einen Termin machen lässt. Das ist sicher nicht jederfraus oder jedermanns Stil. Kritisch zu sehen ist auch, dass sie scheinbar Schwierigkeiten haben Kunden zu gewinnen.

Ich bin gespannt, wie die nächsten Zahlen aussehen. Sie bieten auch Fernbehandlungen per Video-Chat über einen Partner aus der Schweiz an. Aktuell dürfen sie das jedoch nicht bewerben, da das in Deutschland eine Grauzone ist, und sie scheinbar gegen Wettbewerbsrecht verstoßen. Im Juli sollte es jedoch geklärt sein. Und ich bin zuversichtlich, dass es gut für ottonova ausgeht.

 

Digitale Psychotherapie

In den letzten paar Jahren haben sich Chat-Bots in vielen Bereichen als nützlich erwiesen. Wenn ich auf einer Website lande und nicht weiterkomme, öffnet sich oft ein Chatfenster. Auf der anderen Seite sitzt jedoch kein Mensch, sondern ein vorprogrammierter Fragebaum oder in manchen Fällen auch eine künstliche Intelligenz, die mir meine Fragen beantworten kann. Aus digitalem Marketing und Support sind diese Tools nicht mehr wegzudenken.

Kürzlich bin ich in einem Podcast von Should This Exist, auf Woebot gestoßen. Die Psychologin Alison Darcy und ihr Team schauen auf jahrelange Erfahrung im Bereich der “Kognitiven Verhaltenstheraphie” (CBT) zurück. Sie stellten fest, dass viele Menschen keinen Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung haben – oder es ihnen unangenehm ist, Therapiestunden zu nehmen.

Aus diesem Gedanken heraus ist Woebot entstanden. Ein Chatbot, der durch Check-Ins und Fragen eine Art Tagebuch der eigenen Gefühle entwickelt. Die Macherin sagt selbst, dass sie nicht aktiv versuchen den Woebot menschlicher zu machen. Entsprechend einfach gehalten sind die Konversationen. Aber die Magie passiert auf der anderen Seite des Bildschirms. Ich selbst muss in mich reinhören und schreiben, wie ich mich fühle. Eine äußerst interessante Erfahrung.

Das Team scheint ihren wissenschaftlichen Hintergrund ernst zu nehmen und haben vor der Veröffentlichung von Woebot eine Studie nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt. Das Ergebnis: Die Gruppe, die mit Woebot gearbeitet hat, zeigte im Vergleich zur Kontrollgruppe abnehmende Depressionssymptome.

Wo hakt es?

Woebot legt viel wert auf Datensicherheit, Seriosität und Wissenschaft. Wirklich nachprüfen können wir das als Nutzer/innen nicht. Wenn man tatsächlich eine psychische Erkrankung hat, stelle ich mir als nicht Betroffener es schwierig vor, ob man einem Chatbot Details anvertraut. Andererseits: Kein Mensch außer man selbst wird es je lesen, und vielleicht bietet das Raum sich mehr zu öffnen?

 

Und nun?

Mitunter handelt es sich um sensible Bereiche. Dennoch empfehle ich einfach mal mit neuen Lösungen herumzuspielen. Die erwähnten Bankenapps haben alle kostenlose Grundfunktionen ohne Verpflichtungen und sind schnell eingerichtet.

Bei den Anlage- und Versicherungslösungen dauert es mitunter etwas länger, aber im Demomodus lassen sich auch dort die (Web)Apps ausprobieren. Woebot probiere ich gerade aus, um zu verstehen, wie die Lösung funktioniert.

Was alle vorgestellten Lösungen gemeinsam haben: Sie fokussieren sich mehr auf einzelne Probleme ihrer Kunden/Nutzer. Dabei gestalten sie den Zugang recht barrierefrei. Sogar soweit, dass die Bedienung per se schon Spaß macht. Weder bei meiner früheren Bank noch bei meiner Krankenkasse wären mir Begriffe wie Barrierefreiheit oder Spaß eingefallen.

Und jetzt Du: Welche Digitalen Lösungen nutzt Du und was sind Deine Erfahrungen?

 

Offenlegung:
Ich bin oder war Kunde oder Nutzer von: N26, Fidor, Holvi, bunq, CLARK, ottonova, Vaamo, Trade Republic, Woebot. In meinem Podcast waren Mitarbeitende zu Gast von: Vaamo, ottonova, Kontist.

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Fritz IversenBastianRomyDebbie Letzte Kommentartoren
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Debbie
Gast
Debbie

Zu ottonova sollte erwähnt werden, dass es sich um eine private Krankenversicherungen handelt! Das schränkt die Marktanteile und die potentielle Kundschaft „systembedingt?“ ein

Romy
Gast
Romy

Vor allem, wenn man mindestens 70k Bruttoeinkommen im Jahr haben muss…

Ansonsten sehr spannendes Konzept, wäre ich auch gerne hingewechselt 😉

Bastian
Gast

Oder du machst dich selbstständig :).

Bastian
Gast

Hi Debbie, richtiger und wichtiger Punkt. Der ist mir durchgerutscht!

Fritz Iversen
Gast

Guter Artikel, angenehm klar strukturiert (erinnert mich ein bisschen an die AXIOS-Newsletter). Einziger Tropfen Wermut: Nimmt man die Überschrift genau, müsste ja von viel, viel mehr die Rede sein. Im Artikel geht es eher um Forcierungen. Online-Banking ist ja quasi allgemein durchgesetzt, die nächste Stufe zeigt, wie jetzt die Weiterentwicklungen gesucht und ausprobiert werden und wie die Apps sich immer mehr auf Smartphones konzentieren (ist TRADE REPUBLIC nicht eine reine Mobile-Geschichte?). Besonders beispielhaft sind sicherlich die Robo-Advisor-Anwendungen, die teilweise nur das, was bisher auch schon mehr oder weniger in hoch definierten Prozessen stattfand, digitalisieren, teilweise aber auch weiterblicken und mit… Weiterlesen »

Bastian
Gast

Danke für deinen Beitrag Fritz!

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Geschrieben von

Blogauthor Bastian Wilkat intrinsify.me
Bastian Wilkat

Bastian Wilkat befasst sich als Investmentmanager der EWE AG mit digitalen Technologien und Geschäftsmodellen, die für den Konzern zukünftige Erlösquellen darstellen können. Dazu spricht er auch in seinem Podcast „Der Flaneur“ mit erfahrenen Gästen aus Wirtschaft und Forschung.

Wenn es die Zeit zulässt, ordnet er in Vorträgen, Panels und Artikeln die Auswirkungen der neuen Technologien für ein breiteres Publikum ein.

Bastian mag Kaffee, Gewichte und gute Ideen.

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