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Eine systemtheoretische Betrachtung von Demokratie im Unternehmen

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Bildnachweis: © imanolqs – depositphotos.com

Stellungnahme zur Demokratiedebatte

Vor einigen Wochen habe ich einen Artikel veröffentlicht, der die Idee des Demokratischen Unternehmens kritisiert. Dabei habe ich die Position vertreten, dass demokratisch getroffene Entscheidungen dem Unternehmen keinen wirtschaftlichen Nutzen verschaffen und Innovation im Wege stehen.

Auf meinen Artikel gab es einige Kritik u.a. von Stephan Roth, Frank Widmayer, Ardalan Ibrahim und vermutlich auch von Andreas Zeuch, was ich aber nur mutmaßen kann, da ich in einem seiner Beiträge nicht namentlich genannt werde. Zu dieser Kritik (u.a. auf diesem Facebook Thread) werde ich in diesem Beitrag Stellung beziehen.

Im Wesentlichen möchte ich zeigen, dass Demokratie nicht das Gegenteil von Diktatur ist. Sowohl Diktatur als auch Demokratie gehören auf dieselbe Seite einer wichtigen Unterscheidung. Nämlich der Unterscheidung zwischen Steuerung und Widerständigkeit.

Die geäußerte Kritik bezog sich u.a. auf meinen saloppen Umgang mit dem Demokratiebegriff. Diese Kritik ist absolut angebracht, denn ich habe den Begriff nicht präzise differenziert.

Meine Blogbeiträge auf diesem Blog sind inhaltlich immer fundiert, in ihrer Art aber provokant und auch eher populär-tauglich geschrieben. Dass man bei dieser Schreibart schon mal aneckt, ist nahezu unvermeidlich. (Wie bei jedem Blogbeitrag unten angemerkt, auch hier der Hinweis, dass meine Beiträge immer mit einer Ghostwriterin auf die hier beschriebene Weise entstehen – dieser Beitrag bildet eine Ausnahme, da ich ihn selbst formuliert habe).

Deshalb möchte ich in diesem Artikel die theoretische Grundlage meines letzten Beitrages erläutern. Diese besteht im Wesentlichen aus der Theorie sozialer Systeme nach N. Luhmann und den Denkwerkzeugen von G. Wohland.

Das erste Puzzlestück: Dynamik

Die Umwelt von Unternehmen ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend dynamischer geworden. Das bedeutet, dass Unternehmen immer häufiger von überraschenden Reizen behelligt werden, die sie nicht ignorieren können, weil sie sonst ihre Existenz gefährdeten.

Verursacht wird die Zunahme dieser Überraschungen im Wesentlichen durch die zunehmende Sättigung der Märkte. Wenn der Kunde Alternativen hat, spielt es eine Rolle was der Wettbewerb tut.

Es reicht nicht mehr, nur schwarze Autos zu bauen (in Anlehnung an H. Fords vermeintlichen Ausspruch, man könne sein Auto in jeder Farbe haben, solange sie schwarz ist). Oder etwas weniger platt: Wenn sich ein Kunde wegen Lieferverzögerungen beschwert, muss ein Unternehmen heute darauf eingehen.

Eine Überraschung ist ein neues Ereignis. D.h. es gibt noch kein Wissen, dass zur Lösung dieses Problems genutzt werden könnte. Kein Steuerungsimpuls in Form von Regeln und Prozesshandbüchern (Regeln und Prozesshandbücher sind gespeichertes Wissen) passt zum Problem. D.h. Steuerung versagt. Denn Steuerung ist Bereitstellung von Wissen.

Als Alternative muss eine Idee her, wie man mit dieser Situation umgehen könnte. Im Gegensatz zu Wissen, das als Struktur im Unternehmen gespeichert ist, können soziale Systeme allerdings keine Ideen erzeugen.

Soziale Systeme sind die Fortsetzung von Kommunikationen. Sie sind frei von Bewusstsein. Bewusstsein ist aber die Voraussetzung für das Erkennen von Ideen.

Damit soziale Systeme mit Überraschungen umgehen können, sind sie deshalb auf die psychischen Systeme angewiesen, die sie umgeben. Denn folgt man der Systemtheorie, sind Menschen eben kein Element des Sozialsystems sondern treten nur als relevante Umwelt in Erscheinung.

Psychische Systeme sind der Teil des Menschen, den wir Verstand nennen. Der Verstand produziert zwar keine Ideen, kann diese aber erkennen und in die Kommunikation einspeisen.

Was soziale Systeme aber sehr wohl leisten können, ist Kommunikationsstrukturen zu etablieren, die in passenden Situationen von passenden psychischen Systemen Gebrauch machen. Sie merken sich sozusagen, von welchen Psychen in welchen Situationen gute Ideen kommen. »Wenn sich ein Kunde mit einem neuen Problem beschwert, schick am besten den Klaus vor.«

Das zweite Puzzlestück: Steuerung vs. Widerständigkeit

Steuerung bezeichnet die Bereitstellung von Wissen (siehe oben). Das taugt nur für bekannte Probleme. Steuerung nutzt formale Macht, um zu wirken. Deshalb kann man sie nicht öffentlich ablehnen. Damit geht man das Risiko ein, seine Mitgliedschaft in der Organisation zu verlieren. Deshalb funktioniert sie so gut. Man macht, was der Chef sagt. Zumindest muss man so tun.

Steuerung ist also eine interne Referenz. Sie ist blind für externe Reize. Sie exekutiert nur bereits Bekanntes.

Widerständigkeit hingegen ist die Voraussetzung für natürliche Hierarchiebildung (im Gegensatz zur formalen). Man spendiert einer Person temporär Ansehen und drückt ihr gegenüber somit Gefolgschaft aus. Diese kann aber jederzeit wieder aufgekündigt werden.Deshalb kann Widerständigkeit sehr gut mit hoher Dynamik umgehen. Denn bei hoher Dynamik ist die Organisation, wie oben beschrieben, auf die Talente einzelner Mitarbeiter angewiesen und muss ihre Hierarchie flexibel ändern können.

Widerständigkeit kann im Gegensatz zu Steuerung wirkungsvoll mit externen Reizen umgehen. Sie erlaubt der marktnahen Peripherie des Unternehmens dort die Entscheidungen zu treffen, wo es sinnvoll ist.

Zu unserer Ausgangsfrage

Bei demokratischen Entscheidungsverfahren, wird die Verantwortung für die Entscheidung an eine Mehrheit abgetreten. Damit fallen solche Entscheidungsverfahren auf die Seite der Steuerung. Natürliche Hierarchie ist nicht mehr möglich. Das Verfahren bestimmt die Entscheidung.

Wird eine Entscheidung mehrheitlich getroffen und man stellt später fest, dass die Entscheidung falsch war, dann lernt zwar jedes Individuum, aber jeder lernt etwas anderes. Denn Lernen ist individuell. Es ist die Veränderung bestimmter Strukturen, in diesem Fall von Gedanken. Das Sozialsystem selbst lernt nicht. Zumindest nicht im Bezug auf das Problem.

Deshalb wird das Sozialsystem im Bezug auf das Problem auch nicht schlauer. Es gibt keine gemeinsame Lernerfahrung, auf der es die nächste Entscheidung aufbauen könnte.

Ein Individuum kann aus dem Scheitern lernen, neue Hypothesen aufstellen und aus dem Gelernten neu entscheiden. So könnte das Problem gelöst werden. Ein Gremium kann dies nicht.

Die Beliebtheit von Mehrheitsentscheidungen in Unternehmen lässt sich mithilfe der Moral begründen. Moral unterscheidet zwischen gut und schlecht. Es wird oft angenommen, dass die Ausrottung des Bösen, also allen moralisch negativ bewerteten Zuständen schon ausreichen könnte, um Unternehmen leistungsfähiger zu machen.

Wenn alle Mitarbeiter beteiligt sind und man sich gut versteht, dann müsste doch auch die Leistung steigen. Dies ist eine Umkehrung der Kausalität. Vielmehr führt hohe Leistung zu gemeinsamem Stolz auf die Arbeit und damit zu hoher Zufriedenheit.

Dass es trotzdem zu Konflikten kommen kann, muss noch lange nicht leistungsmindernd wirken. Man kann Peter für ein Arschloch halten, aber man weiß halt, dass er die Aufträge ranholt. So gut wie Peter kann das keiner.

Zufriedenheit ist nicht die Voraussetzung für Erfolg, aber nicht selten die Folge. Denn der Erfolg stiftet eine gesunde Kultur und das Ergebnis können dann happy working people sein. Die Ursache für Höchstleistung sind sie jedoch nicht.

Fazit

Gegen den häufig und u.a. von Andreas Zeuch verwendeten Begriff der Mitbestimmung ist nichts einzuwenden, wenn damit lediglich gemeint ist, dass der Chef nicht jede Entscheidung treffen muss.

Wenn mit Mitbestimmung hingegen kollektive Willensbildungsprozesse gefordert werden, hat man nichts gewonnen. Denn diese sind eben nicht das Gegenteil von formaler Hierarchie, sondern das gleiche.

Sowohl die Diktatur als auch die Demokratie steuern ohne Berücksichtigung der externen Marktreize. Sie können sich immer nur auf interne Reize wie Mitarbeiterinteressen und bestehendes Wissen beziehen. Somit sind sie für den Umgang mit Dynamik ungeeignet.

Dynamikgeplagte Unternehmen können nur dann überleben, wenn natürliche Hierarchiebildung und fortgesetztes Lernen einzelner möglich ist.

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Dienstag, 8. September 2015

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Hans Habegger
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Hans Habegger

Hallo Mark, Volltreffer, sag ich da nur. Genau auf den Punkt. Ich fürchte nur, dass für viele, die mit romantisch verklärten Augen davon träumen, dass die Prinzipien der Basisdemokratie auf Unternehmen übertragbar seien, deine Erläuterung als theoretisch abtun werden. Jene will ich auf zwei Dinge Hinweisen: 1. auf die Schlagzeilen, die Zappos (zappo.com) in jüngerer Zeit macht, wo Mitarbeiter sich nicht mehr trauen, den Mund aufzumachen aus Angst vor dem Stigma „no cultural fit“ und seinen Folgen 2. auf einen Verlag in Deutschland (schrotundkorn.de), den die Gründer an die Mitarbeiter verkauft haben – ja, alle Mitarbeiter haben Anteile – und… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Hallo Hans,

vielen Dank für Dein Feedback. Die Sorge, dass man es als weltfremde Theorie abtut teile ich. Dabei ist es ja gerade der Versuch weniger weltfremd und dafür fundiert zu argumentieren. Aber wem erzähle ich das. danke auch für die spannenden Rückmeldungen zu den beiden Fällen. Seit Holocracy bei Zappos zur Autorität geworden ist, passiert bestimmt ganz schön viel Theater. Aber da habe ich aktuell zu wenig Einblick, um mich zu äußern.
BG zurück.

Marvin Ludwig
Gast
Marvin Ludwig

Ich möchte mit meiner Reaktion keinesfalls den hier zu erweckenden Eindruck verstärken, dass sich eine Diskussion zum Thema Unternehmesdemokratie alleine durch Bezug auf Luhmann lösen lässt. Vielmehr spielt gerade das Thema Moral aus meiner Sicht sogar noch eine viel zu untergeordnete Rolle. Zudem lässt sich mit Luhmann so ziemlich alles begründen 🙂 Dennoch mit Blick auf Luhmann eine Replik auf das hier wohl zentrale Argument des Nicht-Lernens sozialer Systeme. “Das Sozialsystem selbst lernt nicht. Zumindest nicht im Bezug auf das Problem.” Soweit korrekt, ein soziales System lernt nicht im Bezug auf ein konkretes Problem. Das heißt aber nicht, dass ein… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Hallo Marvin, vielen Dank für Deine interessante Rückmeldung. Du hast natürlich vollkommen recht. Das „Nicht-Lernen“ bezieht sich nur auf das Problem. Sonst lernen Systeme in Form ihrer eigenen Strukturveränderung ständig, da sind wir uns einig. Dass es das System auch nicht interessiert, was die Individuen lernen, stimmt natürlich auch. Aber was hier entscheidend ist, ist der Grad der strukturelle Kopplung zu den psychischen Systemen. F. Simons Aktionen-Akteure-Diagramm stellt diesen Zusammenhang verständlich dar. Unter dem Einfluss hoher Dynamik ist die Kopplung zu den psychischen Systemen enger und einzelne Individuen können eine sehr entscheidende Entscheidungsprämisse darstellen. Hier ist die Abhängigkeit des Systems… Weiterlesen »

Frank Widmayer
Gast
Frank Widmayer

Wie oben schon gesagt: Mit Luhmann kann man alles begründen – oder eben nichts ;-). Nach meinem Verständnis bietet Luhmanns deskriptive Systemtheorie ja gerade keine praktische Handlungsorientierung und hilft uns also nicht wirklich weiter, wenn es darum geht, Alternativen für bestehende Unternehmensmodelle zu entwickeln. Um in der obigen Unterscheidung zu bleiben: Es existieren heute also viele Ansätze von Diktatur in Unternehmen (eine vorab definierte Person weiß, was am besten ist und entscheidet) und bisher eher wenige Beispiele für demokratischere Formen (die Entscheidung wird eher im Konsens und im Kontext getroffen, generelle Leitlinien sind „demokratisch“ verabschiedet). Beide Modelle können doch wohl… Weiterlesen »

Dr. Andreas Zeuch
Gast
Dr. Andreas Zeuch

Hi zusammen, nun wurde schon einiges gesagt – aber eines fehlt mir noch komplett: Mark und Hans sorgen sich darum, dass die obige Argumentation als theoretisch betrachtet werden könnte. Hm, ja, ich finde sie ziemlich theoretisch und werde vielleicht auch noch auf innere (sic!) Widersprüche eingehen. Aber vor allem: Es gibt doch Fallbeispiele, es gibt unternehmerische Praxis. Genau das zeige und belege ich mit meinem neuen Buch. Wie wäre es also, statt sich in verschiedene theoretische Debatten zu verlieren, über diese Fälle zu schreiben? @Hans: Du schreibst: „für viele, die mit romantisch verklärten Augen davon träumen, dass die Prinzipien der… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Hey Andreas, danke für Deine Rückmeldung. Ich freue mich auch, dass die Diskussion so eifrig geführt wird. Um kurz auf einen Aspekt Deiner Argumentation einzugehen: Die Tatsache, dass bestimmte demokratische Prinzipien in der Unternehmenspraxis beobachtet werden können, sagt ja rein gar nichts. Ich habe auch von Unternehmen wie Patagonia gelesen, in denen man jeden Tag mittags surfen geht und die sehr erfolgreich sind. Das sind zwei unabhängige Beobachtungen. Daraus eine Kausalität zu machen halte ich für naiv. Wenn ich behaupte: Die Unternehmen, in denen Entscheidungen demokratisch getroffen werden, sind trotzdem erfolgreich, wäre diese Aussage genauso zulässig wie die positive Kausalität… Weiterlesen »

Ardalan
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Ardalan

Hi Mark, ich glaube dass es ein großer Denkfehler ist, so einen Begriff wie „natürliche Hierarchie“ zu benutzen. Es gibt so etwas nicht. Es ist ein reines Gedankenkonstrukt und eine Fehlannahme mit weitreichenden und sehr schmerzhaften Konsequenzen. Ganz offen: Es macht mich ziemlich traurig, dass Du diesen Denkweg eingeschlagen hast, während so viele andere möglich gewesen wären. Ich lese auch heraus, dass Du einen sehr verkürzten Demokratiebegriff hast, der sich von den gegebenen politischen Institutionen blenden lässt, die keineswegs „demokratisch“ sind, wie zahlreiche Studien der letzten Jahre gezeigt haben: Keine Repräsentation, keine echte Beteiligung, kein echter Einfluss, etc. – In… Weiterlesen »

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