Erfolgskapazität

Wie Du Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit in Einklang bringst
Mark Poppenborg sitzt an einem Barhocker an einem Tisch und denkt nach.
Share on linkedin
Share on twitter
Share on email
Share on whatsapp
Person faltet Papierboote
Philipp Simanek
Fortschritt durch Experimente
Fady El-Murr zu Gast im intrinsify Podcast
Philipp Simanek
20 Jahre erfolgreich mit Experimenten
Schienen mit Weiche
Lars Vollmer
Als Aldi den Absatzplan crashte
Mann erzählt Kindern eine Geschichte
Mark Poppenborg
Das Märchen vom guten Chef
Person markiert etwas in einem Buch
Mark Poppenborg
Was Lesern meines Buches unter den Nägeln brennt?

Wie Du Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit in Einklang bringst

»Fokussiert euch auf die Wertschöpfung«, empfehle ich regelmäßig. »Ist das Unternehmen denn nicht auch für seine Mitarbeiter und die Gesellschaft da?«, fragen sich manche darauf hin. Wie umgehen mit diesem Dilemma? Wie kannst Du als Führungskraft oder Unternehmer diesem Spannungsfeld konkret begegnen? Die Antwort ist einfacher als es scheinen mag.

»Manchmal kommt mir bei Euch der Mensch zu kurz« wird mir immer mal wieder von Lesern entgegnet. Es wundert fast. Denn vor allem, wer die Anfänge von intrinsify kennt, weiß, dass uns die Menschlichkeit im Herzen antreibt.

Es wundert fast. Denn vor allem, wer die Anfänge von intrinsify kennt, weiß, dass uns die Menschlichkeit im Herzen antreibt.

Und wer möchte dem schon widersprechen? Eine Arbeitswelt, die als Ergebnis einer gier-getriebenen Profitorientierung den Menschen und die Gesellschaft hintenüberfallen lässt, kann niemand wollen, höchstens die gierigen Unternehmer.

Es braucht einen „Mittelweg“, einen Kompromiss aus wirtschaftlichem Erfolgsstreben und Menschlichkeit.

Folgst Du dieser Überzeugung? Wenn ja, dann liegt die Lösung dieses Widerspruchs für Dich vielleicht in einer Ausbalancierung. Um unserer aller Willen, dürfte dann ein wenig Profit für ein wenig mehr Menschlichkeit eingetauscht werden.

Das Top-Management bzw. die Gesellschafter des Unternehmens müssen sich ihrer Verantwortung gerecht werden. Anstatt nur in ihre eigene Tasche zu wirtschaften, sollten sie sich fragen, wie sie ihren Mitarbeitern ein Umfeld bereitstellen können, das erfüllt, gerne auch Spaß macht und zum Lebensglück beiträgt. Auch sollten sie sich fragen, wie sie ihren Teil zu der gesellschaftlichen Entwicklung beitragen können.

Aber Moment, was für eine Annahme liegt dieser Denkweise eigentlich zugrunde? Bei genauerem Hinsehen, folgt diese Argumentationslinie einigen fundamentalen Denkfehlern. Präziser: Es wird ein Widerspruch konstruiert, der in aller Regel gar nicht existiert.

Wirksamkeit statt Entschädigungsbespaßung

Der Wunsch nach mehr Menschlichkeit unterstellt einen immanenten Widerspruch zwischen Arbeit und Menschlichkeit. Er unterstellt, Arbeit sei eine zu bändigende Last. Diese Last kann im günstigsten Fall zwar von Spaß begleitet sein oder Raum für Menschlichkeit lassen, doch die Arbeit sei nie die Quelle für menschliche Erfüllung.

»Neben all der harten Arbeit, muss auch Spaß erlaubt sein!« Solche und ähnliche Aussagen zeugen von dieser Geisteshaltung.

Deshalb brauche es einen Lastenausgleich. Eine Kompensation für das geleistete Opfer. So nach dem Motto: »Wenn Unternehmer Menschen ‚benutzen‘, um sich selbst zu bereichern, dann können sie sich zumindest mit ein wenig Glücksbewirtschaftung revanchieren.« So eine Art Entschädigungsbespaßung.

Diese Überzeugung steht aber im Widerspruch zu allem, was wir theoretisch wie empirisch über menschliche Motivation wissen. Und zudem macht sie aus Unternehmern Tyrannen und aus Mitarbeitern entmündigte Untertanen. Das entspricht weder der Realität noch einem erstrebenswerten Selbstverständnis.

Nein, Arbeit IST Selbsterfüllung. Denn Arbeit bedeutet, etwas für andere (Kunden und Kollegen) leisten zu können, ja gar zu dürfen. Und sich selbst für andere als wirksam zu empfinden, gibt dem Leben einen Sinn. Es befriedigt unser Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit. Nimm Menschen ihre Arbeit und sie fühlen sich ihrer Würde beraubt.

Jetzt räumst Du vielleicht ein: »Den ganzen Tag am Rechner zu sitzen und sinnlose Excel-Tabellen zu pflegen, ist doch keine Leistung für andere. Oder sich von seinem Chef anschreien lassen zu müssen. Oder Formulare auszufüllen.«

Eben!

Hier liegt des Pudels Kern: Wir gehen zu schlampig mit dem Begriff Arbeit um. Wir bezeichnen alles als Arbeit, sobald wir unserem Arbeitgeber unsere Zeit zur Verfügung stellen. Wir setzen Arbeitszeit gleich Arbeit.

Doch echte Arbeit kommt ja immer nur dann zustande, wenn unsere Tätigkeit für die Gesamtleistung des Unternehmens (also für die Wertschöpfung) unverzichtbar ist. Alles andere ist keine Arbeit, sondern nur Beschäftigung, die aufgrund unzulänglicher Rahmenbedingungen zustande kommt.

Und hier schließt sich der Kreis: Ein gesundes Selbstwertgefühl wird durch Tätigkeiten erzeugt, die wir als wertvoll empfinden. Und das ist bei echter Arbeit deutlich wahrscheinlicher als bei Beschäftigung.

Wenn unsere Tätigkeit für die Erzeugung der Unternehmensleistung unverzichtbar ist, empfinden wir sie typischerweise auch als wirksam. Andersherum, wenn unsere Tätigkeit sinnlos erscheint, dann meist weil sie tatsächlich verzichtbar wäre.

FUTURE LEADERSHIP

die intrinsify Ausbildung
Löse Führungsprobleme, die andere noch nicht mal verstehen.

Es ist also nicht die Arbeit, die uns belastet, sondern die Abwesenheit von Arbeit. Sinnlose Beschäftigung belastet uns.

Oder noch einmal anders: Die Ursache der empfundenen Unmenschlichkeit in der Arbeitswelt ist gerade nicht irgendein bedingungsloser Leistungsfokus, sondern die vielerorts beobachtbare Abwesenheit echter Leistungsgelegenheiten.

Wenn es also die sinnlose Beschäftigung ist, die uns unseren Job weniger menschlich empfinden lässt, dann ist die Lösung in der Reduzierung dieser Beschäftigung zu finden. Und damit liegt der Fokus wieder auf der Wertschöpfung. Denn Wertschöpfung ist Arbeit.

Deshalb versuchen wir mit intrinsify so leidenschaftlich über intelligentes Organisationsdesign aufzuklären. Denn die Quelle für die viele Beschäftigung ist ein überholtes Verständnis von Management – eine Unkenntnis über Organisationsprinzipien, die mit der heutigen Dynamik umgehen können.

Viele Organisationen versuchen Dynamik steuernd zu verwalten. Damit steht das konventionelle Management der Wertschöpfung häufig im Weg. Das erzeugt sinnlose Beschäftigung. Unter dem Radar müssen die Mitarbeiter es dann ausbügeln. Und je schwerer ihnen das gemacht wird, desto frustrierender ist der Job.

Darüber können weder bespaßende Entschädigungsversuche noch das Ausrufen höherer Ziele (Purpose) hinwegtäuschen. Im Gegenteil, diese verursachen nur „Kickertisch-Zynismus“.

Unternehmen und Mitarbeiter haben also etwas gemeinsam: Sie profitieren beide von echter Arbeit und leiden beide unter sinnloser Beschäftigung. Die Mitarbeiter leiden, weil Beschäftigung frustriert, und das Unternehmen leidet, weil Beschäftigung unwirtschaftlich ist.

Auf diese Weise sind Menschlichkeit und Wertschöpfungsorientierung notwendig miteinander verbunden.

»Bin ich mit dieser Definition womöglich idealistisch oder verantwortungslos weltfremd? Auch wenn es dem Management gelingt, Beschäftigung weitestgehend auszurotten, würden sich dann nicht viele Manager trotzdem alles in die eigene Tasche stecken und versuchen, in erbsenzählerischer Manier, auch das letzte Leistungspotenzial aus den Mitarbeitern herauszuquetschen? Passiert nicht genau das – tagein, tagaus?«

Gier-Kanalisierung

Das bringt mich zu einem weiteren Denkfehler: Kurzfristige Bereicherung rechnet sich nicht.

In einem satten Markt, mit vielen Wettbewerbern und Kunden, kann es sich ein Unternehmen langfristig nicht leisten, jeden umgesetzten Cent an seine Gesellschafter auszuschütten. Das ist mit zukünftigem Erfolg vollständig unvereinbar.

Ein Unternehmen muss Kunden in einem umstrittenen Markt etwas bieten, damit sie sich freiwillig von ihrem Geld trennen. Es muss Kunden also stets einen Nutzen stiften. Dazu löst es Probleme und investiert in das Potenzial, auch in Zukunft Probleme lösen zu können. Sonst wäre seine Existenz gefährdet.

Wer Kunden über den Tisch zieht, verliert sie an den Wettbewerb. Wer sich unanständig verhält, ebenfalls. Wer seine Mitarbeiter schlecht bezahlt oder ihnen unzumutbare Arbeitsbedingungen bereitstellt, verliert diese an andere Arbeitgeber. Ein erfolgreiches Unternehmen dient also immer auch der Gesellschaft, durch Kundennutzen und durch „gute“ Arbeitsplätze.

Ein in die eigene Tasche wirtschaftendes Management entzieht seinem Unternehmen die Substanz, die es für zukünftigen Erfolg braucht. Da müssen wir gar nicht nach mehr Menschlichkeit rufen, das regeln Kunden und Mitarbeiter von ganz alleine.

Man kann es auch so formulieren: Die disziplinierende Kraft des Wettbewerbs kanalisiert Gier. Ein gieriges Management kann seine Gier nur befriedigen, indem es mit dem Unternehmen Kunden und Mitarbeitern etwas besseres bietet, als im Markt üblich. Geld fällt nicht vom Himmel, es muss durch Wertschöpfung erwirtschaftet werden.

Deshalb sind Höchstleistungsunternehmen immer eine beliebte Wahl für Kunden und Bewerber. Die von mir zuletzt häufiger genannte Beutlhauser-Gruppe (1.200 Mitarbeiter, Industriegüterhandel) braucht sich beispielsweise in einem umkämpften Arbeitsmarkt um Bewerber keine Gedanken machen.

Diese kommen ungefragt, weil sich Gelegenheiten zur Leistung herumsprechen. Genauso wie sich kosmetische Employer Branding Fassaden herumsprechen, bloß mit umgekehrter Wirkung.

»Weiche ich der Kernkritik aus? Wir sehen doch, wie viele Menschen bei der Arbeit leiden. Wir sehen doch, dass Manager sich selbst bereichern, ohne im Interesse des Unternehmens zu handeln. Und wir sehen doch, dass Unternehmen der Gesellschaft und der Umwelt schaden.«

Gibt es solche Ausnahmen? Selbstverständlich. Und diese lassen sich grob gesprochen in zwei Kategorien einteilen.

Die erste Kategorie besteht aus den Unternehmen, die aus der Substanz leben. Ihr vergangener Erfolg ist der Speck, aus dem sie zehren. Sie erlauben sich den Luxus, auf das Primat der Wertschöpfung zu verzichten.

Auch wenn die Zahlen noch akzeptabel aussehen, wirft die Unternehmenskultur dieser Unternehmen bereits düstere Schatten voraus. Denn in der Kultur spiegelt sich nicht primär der Erfolg, sondern die Erfolgskapazität wider. Darunter verstehe ich die Bedingungen der Möglichkeit für Erfolg.

Erfolgskapazität schließt folgende Bedingungen zwingend ein:

  • Gesunde Arbeitsquote: Im Unternehmen herrscht ein gesundes Verhältnis zwischen Arbeit und Beschäftigung. Wäre das nicht so, wäre man teurer, unflexibler oder sonst wie unattraktiver für den Kunden. (Ausrotten kann man Beschäftigung natürlich nie ganz.)
  • Finanzielle Substanz: Das Unternehmen hat ausreichend Kapital, um sich Ressourcen, Mitarbeiter und Investitionen leisten zu können.
  • Leistungszuversicht: Im Unternehmen gibt es Ideen wie man den Wettbewerber schlagen kann, es gibt also einen Glauben an zukünftige Leistung.

In Abwesenheit von Erfolgskapazität gibt es weder langfristigen zukünftigen Erfolg, noch eine zufriedene Belegschaft. Deshalb empfinden wir aus dem Speck lebende Unternehmen nicht selten als schlechte Arbeitgeber.

Die zweite Kategorie besteht aus Unternehmen, die nur so tun als wären sie es.

„Willst Du Konventionen folgen oder selbst denken?“

Pseudo-Wirtschaft

Die Rede ist von Betrieben, die den disziplinierenden Kräften der Märkte nicht ausgesetzt sind. Dort können sich Bereicherungsinteressen ungestört durchsetzen.

Wenn der Wettbewerb um Kapitalgeber (am Aktienmarkt) wichtiger wird als der Wettbewerb um Kunden, oder wenn Aufträge nicht am Markt errungen, sondern durch Regulation verteilt werden, dann verliert Leistung an Bedeutung.

Unternehmen, die in regulierten Märkten nicht um die Gunst des Kunden, sondern um die Privilegien der Politik werben müssen (z.B. für Subventionen oder exklusive Zugänge zu „Märkten“ etc.), mögen in der Lage sein, auch ohne gute Arbeit, viel Geld zu verdienen.

In der Pseudo-Wirtschaft fällt Geld tatsächlich vom Himmel. Leistung ist dann nicht mehr die Pflicht, sondern die Kür. Das ist jedoch, wie so häufig, ein systemisches Problem, kein menschliches.

Ich möchte nicht missverstanden werden, ich verteidige diese pseudo-wirtschaftlichen Aktivitäten nicht. Im Gegenteil, ich verachte sie. Das ist jedoch nachrangig.

Vorrangig ist, dass diese zweite Kategorie von Betrieben sich nicht durch unternehmensinterne Veränderungen „heilen“ lässt. Hierfür ist vielmehr ein Eingriff auf politischer Ebene nötig. Das Faß lasse ich hier deshalb ungeöffnet.

Interessant bleibt für mich daher die erste Kategorie, die der Unternehmen in der „echten“ Wirtschaft. Dort müssen sich Unternehmen der schonungslosen Realität stellen, dass die Kundenwahl im Durchschnitt auf das beste Preis-Leistungsverhältnis fällt.

Deshalb werden Unternehmen in freien Märkten begünstigt, wenn sie echte Arbeit ermöglichen und sinnlose Beschäftigung im Zaum halten. Denn nur diese Unternehmen werden erfolgreich. Mit anderen Worten: Der Schlüssel ist dort eine stärkere Wertschöpfungsorientierung.

Wird hingegen auf Menschlichkeit gepocht, stößt das nicht selten das Tor zur Entschädigungsbespaßung auf und lenkt von den eigentlichen Hausaufgaben ab.

Deshalb erscheint mir diese Erkenntnis so wichtig und wiederholenswert: Der Ruf nach mehr Menschlichkeit leistet selbiger nicht selten einen Bärendienst, denn er täuscht über die wahren Wirkmechanismen von Erfolg und Zufriedenheit hinweg.

Bei mir hat diese Sichtweise vor vielen Jahren einen großen Knoten gelöst. Wo ich Wirtschaft lange mit Ausbeutung und Gier assoziiert hatte, konnte ich erkennen, dass sich diese nur unter marktfeindlichen Bedingungen durchsetzen kann. Daraufhin habe ich das moralische Kriegsbeil beiseite gelegt und mich auf das gestürzt, was alle verbindet: Die Lust an echter Arbeit.

Wenn Du Dich also fragst, wie Du einen gesunden Kompromiss zwischen Wertschöpfungsorientierung und Menschlichkeit herstellen kannst, dann kann die Antwort nur falsch sein. Denn, mit Verlaub, bereits die der Frage zugrundeliegende Annahme ist falsch.

Wertschöpfungsorientierung IST ein Dienst an der Menschlichkeit.

Dich könnte auch dieser Artikel interessieren: »Dieses große Problem hat fast jeder Chef«
Autor
Diskussion
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments
News von intrinsify

Starte in die intrinsify Welt, indem Du Dich zu unseren News anmeldest. Jeden Donnerstag neue Impulse zu moderner Unternehmensführung und Organisationsentwicklung.

FUTURE LEADERSHIP

die intrinsify Ausbildung
Löse Führungsprobleme, die andere noch nicht mal verstehen.
die intrinsify Ausbildung