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Happy Working Selbstständige – auch wir müssen uns ändern

Raus aus dem Silo! Ein persönlicher Blick auf die Positionierung und Vernetzung von Selbstständigen:

Anfang Oktober 2017 fand der erste intrinsify Kaminworkshop mit Oliver Gorus in Stuttgart statt, der sich mit der Frage befasste: „Wie positioniere ich mich heutzutage als Solopreneur richtig, wie werde ich als Persönlichkeit erfolgreich?“

Wieso ich daran teilgenommen habe? Nun, ich leide unter einem besonders schweren Fall von „digitaler Introvertiertheit“. Meine Kunden finden mich nicht – wie auch? Ich bin digital bislang kaum präsent – ein bisschen Twitter, ein bisschen Facebook, ein bisschen Xing, mehr als passiver Konsument, anstatt regelmäßiger Sender von inspirierenden Inhalten, die viele Likes ernten. Also muss ich meine Kunden finden, was irgendwie klappt, doch auch sehr mühsam ist, viel Zeit bindet und nicht zeitgemäß erscheint.

Ich bin damit nicht allein. 15 selbständige intrinsify Mitglieder nahmen an diesem Workshop teil. Wir alle bewegen uns schon seit einiger Zeit mit verschiedenen Ansätzen auf dem Markt der Coaches, Trainer und Berater. Uns eint der Zustand, dass wir alle schon etwas erreicht haben, uns jedoch noch oder wieder im Suchmodus befinden. Klare Positionierung als Coach oder Trainer? Bislang bei den meisten Fehlanzeige. Da ist noch Luft nach oben, was für jeden von uns etwas anderes bedeutet.

Bildnachweis: © fiskness – depositphotos.com

Eines ist mir aus dem Workshop besonders hängen geblieben: Es geht darum, bei Menschen Resonanz zu erzeugen und nicht darum, eine Dienstleistung zu verkaufen, was die folgende Metapher verdeutlichen soll:

  1. Weg: klassisches Zielgruppenmarketing

Will ein bislang unbekannter Jazzmusiker ohne Plattenfirma und Agenten ein öffentliches Konzert geben, dann kann er sich zum Beispiel eine Bar mieten und hier auftreten. Dafür erstellt er Flyer und verteilt sie dort, wo er seine Zielgruppe vermutet, in anderen Jazzbars oder Plattenläden. Der Musiker wird erst am Abend seines Konzerts sehen, ob irgendwer Interesse an seinem Angebot hat und wie viele wirklich kommen werden. Dafür hat er allerdings schon Geld in die Flyer und die Miete und sehr viel Zeit in die Organisation und die Promotion investiert. Und im schlimmsten Fall wird er am Ende von der Handvoll Gästen, die den Weg in die Bar gefunden haben, auch noch ausgebuht.

  1. Weg: Positionierung über die Person bzw. die Resonanz

Der Musiker stellt sich mit seinem Instrument in die Einkaufsstraße einer Großstadt, fängt an zu spielen und schaut, wer stehen bleibt und seine Musik hören will. Wer fühlt sich also magisch angezogen von seiner Kunst, bei wem erzeugt er Resonanz? Es werden Junge und Alte, Frauen und Männer, gebildete und weniger gebildete Menschen sein, die stehen bleiben und als konsistente Zielgruppe gar nicht feststellbar sind. Das Publikum bekommt in diesem Moment sofort einen Eindruck, ob die Musik sie berührt. Sie lauschen dem Musiker einen oder mehrere Songs lang, werfen ihm zwei Euro direkt in seinen Gitarrenkoffer und kaufen seine selbstgebrannten CDs. Sie wissen, was sie bekommen und dass sich die Investition lohnen wird. Vielleicht würden sie bald sogar ein offizielles Konzert von ihm besuchen, für das sie bereit sind, mehr Geld zu zahlen.

Ich selbst gehe bei meinen offenen Angeboten bislang den ersten Weg über das Zielgruppenmarketing. Es ist erstaunlich, dass es tatsächlich Käufer für meine Angebote gibt, denn die kennen mich gar nicht, haben mich nie zuvor gesehen, wissen nicht wie ich denke und arbeite. Doch was ich dafür alles tun muss und das jedes Mal von Neuem: Broschüren erstellen, drucken und versenden. Denn ich glaube, dass meine Zielgruppe eher konservativ ist und noch auf dem Postweg erreicht wird – mit einer Hochglanzbroschüre, die ein Hochglanzprodukt verspricht. Dafür muss ich mindestens einmal im Jahr die Kontaktliste aktualisieren und erweitern – Gesetz der großen Zahlen – telefonisch nachfassen oder E-Mails schreiben, teure Anzeigen im Netz schalten, die meine Zielgruppe schlecht erreichen, weil der Algorithmus sich ständig ändert. Wie gesagt, mühsam, zeitraubend, oft unangenehm und so gar nicht zeitgemäß. Mal bin ich auf diese Weise erfolgreich und mal weniger. Es hängt stark davon ab, wie eifrig ich werbe und verkaufe. Von nix kommt bekanntlich nix.

Oliver Gorus rät dringend zum zweiten Weg, wenn man von den richtigen Kunden gefunden werden und anständige Honorare erzielen will. Die Musiker-Metapher bedeutet für uns Selbständige, dass wir uns heute in die Einkaufsstraßen und Flaniermeilen des Internets begeben müssen. Unser Wissen in Artikeln, Büchern, Videos und Podcasts veröffentlichen, sie auf Amazon, Facebook, LinkedIn, XING, auf eigenen oder externen Blogs (kostenlos) teilen. Dadurch bauen wir Vertrauen auf, denn durch das Teilen und Geben lernt man uns besser kennen und weiß, was wir können. Wer bleibt stehen und zieht sich das ganze Wissen von uns rein? Bei wem erzeugen wir Resonanz?

Das ist ja nicht neu, auch ich weiß eigentlich wie es geht. Es gibt viele Vorbilder, die es genauso machen. Aber, und auch das haben wir von Oliver Gorus gelernt, es ist wichtig, dass man zuerst weiß, womit man sich als Persönlichkeit positionieren will, was also die Message ist, für die man da draußen bekannt sein will. Wenn man das weiß, dann und erst dann sollte man mit dem Bloggen, Podcasten, Posten und Bücherschreiben konzentriert beginnen. Es geht darum, Resonanz zu erzeugen und nicht einfach nur irgendein austauschbares Angebot zu verkaufen. Und das ist schwer! Das ist wirklich harte Arbeit, das ist Arbeit an sich selbst, den eigenen Glaubenssätzen, Überzeugungen, den Potenzialen und Limitierungen. Wir sehen nur die Ergebnisse derjenigen, die es bereits geschafft haben. Sie alle werden hart dafür gearbeitet haben und tun es noch immer. Bin auch ich bereit, das zu investieren, mein Wissen kostenlos zur Verfügung zu stellen, gewohnte Muster zu verlassen, so wie ich es von meinen Klienten verlange? Will ich mich zeigen? Habe ich überhaupt etwas zu sagen?

Dass ich hier gerade sitze und diesen Blogbeitrag schreibe, ist also ein echtes Novum für mich. Ich möchte meine Gedanken gerne an dieser Stelle mit den Menschen teilen, die ich als Gleichgesinnte und nicht als Konkurrenten betrachte – all die selbständigen Berater, Coaches, Trainer und andere Solopreneure. Mir geht es nämlich um noch mehr.

Meine Botschaft: Raus aus dem Berater-Silo – unterstützen statt abschotten!

Mir fällt es nach sieben Jahren Selbständigkeit immer noch schwer zu sagen, dass ich als Beraterin, Trainerin oder Coach arbeite. Ich habe da immer diese stets gut gelaunten Business-Typen vor Augen, die so wahnsinnig kommunikationsstark sind, schließlich sind sie ja Kommunikationstrainer. Sie quatschen jeden, der sich nichtsahnend auf ein Gespräch einlässt, gnadenlos selbstbeweihräuchernd zu und gehen damit fast jedem auf die Nerven. Mit diesem Beratertypus möchte ich nicht in Verbindung gebracht werden.

Auch wenn man diesen speziellen Beratertyp bei intrinsify eher selten zu Gesicht bekommt, liegt unser Fokus in der Öffentlichkeit oder in sozialen Netzwerken meiner Meinung nach dennoch viel zu oft darauf, Kontakte zu potenziellen Kunden aufzubauen, Entscheider anzusprechen und Visitenkarten zu verteilen. Selten sind die Adressaten davon begeistert, im Gegenteil sie finden es lästig. Auf Konferenzen gibt es für unsere Berufsgruppe nicht selten nur limitierte Tickets – weil die Veranstalter befürchten, wenn zu viele Berater da sind, fällt die Qualität der Veranstaltung. Die Teilnehmer, die einem klassischen Angestelltenjob nachgehen, könnten sich von uns belästigt fühlen. Die Welt scheint ohne uns eine bessere zu sein.

Die oben beschriebenen, sich selbst zu jeder Gelegenheit anpreisenden Beratertypen werden sich davon nicht aufhalten lassen, schließlich ist zu beobachten, dass erstaunlich viele von ihnen mit dieser Art auch heute noch erfolgreich sind.

Stillere, bescheidenere Berater und Trainer, denen es nicht so leicht von der Hand geht, sich selbst zu positionieren und über das, was sie alles Tolles können, laut zu sprechen, sollten vielleicht über einen anderen, zeitgemäßen Weg nachdenken. Dieser kann wie oben beschrieben erfolgen.

Doch zunächst möchte ich auch darauf eingehen, wie wir selbständige Berater miteinander umgehen. Wenn ich auf eine Konferenz gehe, dann sehe ich meistens auch noch viele andere Berater, die sich oftmals hinter vorgehaltener Hand im Gespräch mit einem potenziellen Kunden darüber beschweren, dass so viele Berater anwesend sind. Mich erinnert das immer an den typischen deutschen Urlauber, der sich im Ausland darüber beschwert, dass so viele deutsche Touristen da sind …

Wie wäre es stattdessen, wenn wir auf der nächsten Konferenz nicht mehr potenziellen Kunden auflauern, sondern stattdessen uns mit unseresgleichen beschäftigen, die Beraterkollegen kennenlernen, uns auszutauschen, vielleicht eine Mastermindgruppe gründen?

In diese Richtung denken auch Meike Nittel, die sich bereits im intrinsify Umfeld bewegt und ihre Partnerin Katja Rossel. Beide luden kürzlich zu einem Workshop mit dem Titel „Free-Agent-Entrepreneure“ in Berlin ein. Worum geht es bei diesem Konzept? Es geht darum, den Kuchen für alle größer zu machen und nicht sich selbst das größte Stück zu nehmen und dafür zu sorgen, dass alle anderen nur die Krümel bekommen.

Ich durfte noch während des Workshops erleben, wie das funktioniert. Meike zeigte plötzlich auf mich und teilte dem Publikum mit: „Das ist übrigens Isabel. Isabel ist in Berlin-Brandenburg die Ansprechpartnerin für das Netzwerk intrinsify. Sie bietet regelmäßig inspirierende Meetups an, wo man spannende Menschen trifft.“ Huch, plötzlich stand ich im Mittelpunkt, bin ein bisschen rot geworden und spürte zeitgleich eine sehr große Freude in mir aufkommen. Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet. Nach dem Workshop versammelte sich eine Traube Interessierter, die wissen wollten, was ich da bei intrinsify anbiete, wie man da hinkommen kann und ob wir in Kontakt bleiben. Wow, so einfach kann das sein?

Und das ist die Free Agent-Entrepreneure-Idee: „Mach Andere groß und nicht dich selbst. Statt allein kleine Brötchen, können wir miteinander wesentlich größere Kuchen backen.“

Indem ich als Beraterin anderen, die ebenfalls ein tolles Angebot haben, meine Aufmerksamkeit schenke, Interesse an der Person und ihrem Angebot habe, sie also kennenlerne, kann ich einschätzen, wer das Angebot dieser Person braucht. Im besten Fall inspirieren wir uns gegenseitig durch einen vertrauensvollen Austausch und bauen diesen langfristig auf.

Das sollte nicht willkürlich passieren, so als hätte man einfach nur den Deal quid pro quo „wenn du mich da empfiehlst, dann bringe ich dich da rein“. Stattdessen geht es darum, Personen und Projekte zu empfehlen, die einen wirklich begeistern, von denen man weiß, wenn ich dich empfehle, dann wird das richtig gut, dann haben wir alle was davon. Wenn ich jemanden empfehle, dann doch nur Könner, echte Profis, interessante und zugleich sehr angenehme Persönlichkeiten, die mich neugierig machen und wirklich für das stehen, was sie tun. Da muss die Chemie stimmen, schließlich hole ich diese Person in mein Netzwerk rein, wo sie anschlussfähig sein muss, genauso wie ich in einem anderen Netzwerk.

Für all das müssen wir uns aber kennenlernen, müssen voneinander wissen, wie wir denken und ticken, wer was gut kann. So schließt sich der Kreis – Positionierung, Persönlichkeit, Resonanz. Zeig‘ dich, teile dein Wissen, sag‘ was du zu sagen hast!

In Berlin startet am 10. April beispielsweise exklusiv nur für intrinsify-Mitglieder das Format „Kollegiale Beratung“ für interne und externe Berater im agilen Umfeld, durch die Initiative von Andreas Ulrich, der selbst als interner Agile Coach agiert. Hierzu werden wir in Kürze gesondert einladen. Das gleiche Format findet auch in Köln am 16. Mai statt. Hierzu können sich alle interessierten Berater ab sofort anmelden, denn diese Veranstaltung ist öffentlich. Es geht dabei weniger um die Erfolge im Berateralltag, als vielmehr um die Fragezeichen, Sackgassen und eingeschlagene Irrwege, aus denen Impulse der Kollegen womöglich Auswege aufzeigen können. Solche Formate gelingen nur auf Basis von Offenheit und Vertrauen zu den Kollegen.

Wer es größer mag, kann sich ab sofort für das erste intrinsify Berater Event anmelden, das am 25. und 26. Mai in Berlin stattfinden wird. Hier werden wir uns Impulse darüber holen, wie Beratung in unserer Zeit mehr Wirksamkeit erzeugen kann und dabei so manche liebgewonnenen Methoden und Konzepte als Luftblasen entlarven, die wir gemeinsam zum Platzen bringen.

Also liebe Berater und die, die es werden wollen, lasst uns in den Austausch gehen. Was sind Eure Erfahrungen?

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Geschrieben von

Blogauthor Isabel Brandau intrinsify.me
Isabel Brandau

Isabel Brandau, Ansprechpartnerin für das Local Berlin-Brandenburg, ist selbst seit sieben Jahren selbstständig als Businesscoach und Prozessberaterin unterwegs. Sie hat lange nach einem Thema in der neuen Arbeitswelt gesucht, worüber sie öffentlich schreiben und sprechen will – endlich hat sie es gefunden. Sie bloggt und podcastet bei intrinsify über alles jenseits der Festanstellung – eben einen New Work-Lifestyle als Selbstständige und Entrepreneure.

Erschienen am

Donnerstag, 22. Februar 2018

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24 Kommentare auf "Happy Working Selbstständige – auch wir müssen uns ändern"

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