Komplexes Denken lernen, Change durchstehen und die eigene Berufung leben

Ein Beitrag von: Lena Stiewe

Leseempfehlungen für die stille Jahreszeit

Leseempfehlungen für die stille Jahreszeit

Bildnachweis: © .shock – depositphotos.com

Inspiration tanken, sich neues Wissen aneignen, den eigenen Horizont noch ein Stück weiter ausbauen – für viele von uns gehört das Buch auf Reisen, vorm Schlafen gehen oder im Urlaub dazu.

Ich habe in der letzten Zeit drei auf ihre Art bemerkenswerte Bücher gelesen – und möchte Dir hier von ihnen erzählen.
„Unkompliziert!“

„Unkompliziert! – Das Arbeitsbuch für komplexes Denken und Handeln in agilen Unternehmen“ von Stephanie Borgert, Gabal Verlag, 176 Seiten

Eines vorweg: “Unkompliziert!” ist ein ARBEITSbuch – Du wirst damit nicht nur ganz schön ins Nachdenken kommen, sondern durch die verschiedenen Reflexionsaufgaben auch in eine andere Form der Umsetzung und Anwendung für den eigenen Arbeitsalltag.
Es richtet sich somit vor allem an Teams und Praktiker, an Führungskräfte, die Komplexität als Denkweise begreifen und anwenden wollen.

Und genau die werden schon den Einstieg lieben, denn die Frage nach dem “und was jetzt” begegnet allen, die im Kontext der Organisationsentwicklung unterwegs sind.

Ebenso wie die Erkenntnis, die uns manchmal wie Schuppen von den Augen fällt, das Begreifen von Vorgängen, die uns Verständnis und die Lust auf das Arbeiten am System (zurück) bringen – dicht gefolgt von dem unbedingten Willen, das jetzt umzusetzen: Nur wie?

Denn zurück vom Seminar, dem Vortrag, einem Workshop oder der Buchlektüre steht man plötzlich gefühlt vor einer riesigen Hürde – “Was genau sollen wir jetzt tun?”

Und beim Erklären des “Wie” geht Stephanie Borgert auch noch so herrlich pragmatisch vor. Allein auf den ersten Seiten wird durch die diplomierte Informatikerin und Managementberaterin schon so einiges klar gestellt: wir interpretieren und konstruieren die Welt um uns herum.

Mit unseren Gefühlen, Erfahrungen, Einstellungen haben wir unsere eigenen “Wahrnehmungsfilter”. Systeme sind komplex, es gibt nicht immer nur eine Lösung für ein Problem – und wir sind als Teil des Systems, mit unseren Beobachtungen, Erwartungen und Filtern auch immer Teil des Problems.

Das sitzt. Das musste aber auch mal geschrieben werden.

Teil Eins ist somit quasi ein Muss und eine echte Leseempfehlung. So Mancher, der sich noch nicht viel mit Organisationsentwicklung auseinandergesetzt hat, dürfte danach einiges zum Grübeln haben, wird sich neu genordet und geradegerückt fühlen. Teil Zwei zeigt nun darauf aufbauend für spezifische Situationen neue Herangehensweisen auf – wie kann ich mit dem gelernten Input aus dem ersten Teil nun ins Handeln kommen?

Und so schafft sie es, Methoden wie “Feedback” neu zu beleuchten, die Weichen anders zu stellen und grundlegend für sinnvollere Vorgehensweisen zu sorgen.

So kann im Anschluss gemeinsam und miteinander strukturell an Ursachen und nicht mehr länger an Symptomen – und somit nicht mehr am eigentlichen Problem vorbei gearbeitet werden.

Ich feiere Stephanie Borgert ehrlich gesagt schon allein für das Kapitel “verstehen kommt vor verändern”: Agile hier, New Work da – aber so manche Maßnahmen in Organisationen und Chefetagen der Republik kommen mir doch verdächtig unüberlegt vor (wie wir auch in dieser Podcastepisode im Detail besprochen haben: “New Work ist kein Selbstzweck”).

Du solltest nicht nur Deine Organisation gut kennen, wissen was gut und was schützenswert ist, sondern neben dem auch wissen, wo genau die Probleme sitzen und welche Ursachen dem zugrunde liegen, bevor du irgendwelche Veränderungen lostrittst. Auch wenn die Arbeit mit Wirkungsdiagrammen zum Beispiel manchmal erst neu gelernt werden muss – für die Herangehensweise an komplexe Zusammenhänge sind sie ein hervorragendes Werkzeug.

“Unkompliziert!” stellt für mich sowohl mit den Denk- und Reflexionsaufgaben als auch mit dem sehr unterstützendem Glossar und der interessanten Literaturliste eine extrem wirkungsvolle, hilfreiche Grundausstattung dar für alle, die künftig nicht mehr blind herumwerkeln, sondern strukturell Veränderung herbeiführen wollen.

 

„Change mich am Arsch“

Cover „Change mich am Arsch – Wie Unternehmen ihre Mitarbeiter und sich selbst kaputtverändern“ von Axel Koch, Econ Verlag, 304 Seiten

In vielen Organisationen herrscht leider noch immer dieses Missverständnis vor, dass man “Change” irgendwie machen – oder gar “managen” könnte.

Im vergangenen Jahr sind mehr als 100 Millionen Arbeitstage durch Depression und Burnout ausgefallen. Und man muss glaube ich nicht selbst große Untersuchungen anstoßen um ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass sich die Veränderungen in unserer Arbeitswelt in den letzten Jahren für manche auch negativ ausgewirkt haben.

In “Change mich am Arsch” gelingt es Axel Koch gleich zu Beginn, dieses beklemmende Gefühl hervorzurufen, das einem bei aufgezwungenen Veränderungen manchmal überkommt: man spürt den äußeren Druck, Zwang, sucht den Ausweg. So genial der Titel ist, so berühren die Geschichten auch – vor allem mich, die selbst schon die ein oder andere “Change-Horrorstory” durchleben musste.

Koch stellt dabei heraus, was wohl viele von uns schon geahnt haben – dass wir doch eigentlich Gewohnheitstiere mit einer natürlichen „Change-Aversion“ sind – und der ständige Ruf nach erneuter Anpassung und Wandel uns krank machen können.

Und so blickt er mit uns auf Facetten von “Change”: Auf Geschichten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit Veränderungen umgehen mussten. Standortwechsel, Umstrukturierungen der Abteilungen und der eigenen Aufgabenbereiche, das Ausrufen von plötzlich hippen Arbeitsumgebungen, die dazu führen, sich täglich im Großraumbüro einen neuen Arbeitsplatz suchen zu müssen.

Doch auch die Halbwertszeit von Führungskräften bringt dauernden Change mit sich – es kommen neue Persönlichkeiten mit neue Ideen, neuen Zielen, einer mehr oder weniger guten Menschenkenntnis und Empathiefähigkeit. Wieder Veränderung.

Diese Art des Wandels, des kommunikationslosen Entscheidungen-vorgesetzt -Bekommens, des „friss oder stirb“ gibt es in so vielen Unternehmen seit vielen Jahren.

Wir müssen uns bewusst machen, dass dieses Gefühl, nur eine Schachfigur zu sein, kein Mitspracherecht zu haben, nicht gefragt worden zu sein Besitz von vielen Menschen in Unternehmen genommen hat. Und dadurch wird auf drohende Ansagen wie „wir müssen uns an den Wandel gewöhnen“ oder „Digitalisierung verändert alles grundlegend“ eher mit Angst und Ablehnung reagiert als mit Neugier.

Axel Koch erklärt Begriffe wie VUCA, zeigt die Zusammenhänge auf, wie durch Digitalisierung, Automation und neue Anforderungen an Führung und Selbstorganisation „Dauer-Change zum Normalzustand“ wird.
Und er berichtet von verschiedenen Schicksalen, missglückten Change-Projekten und anderen Gruselgeschichten, die einen die Augen verdrehen lassen oder den Schweiß auf die Stirn treiben.

Zudem wird eine Aufmerksamkeit für die Folgen geschaffen und wie Unternehmen bisher zu oft mit den eigenen menschlichen „Ressourcen“ umgegangen sind: gechanged, verheizt, ausgewechselt, kaltgestellt, mit physischen und psychischen Folgen für die eigene Belegschaft und wirtschaftlichen Folgen für die Unternehmen, die durch falsche Maßnahmen in der Kostensenkung oder ähnliches an Effizienz und Produktivität verloren und wo mit den Mitarbeitern auch Wissen ging.

Doch diese Berichte und Geschichten haben einen wichtigen Grund, denn so zeigt Koch auf, was passiert, wenn nicht zuende gedachte Veränderungen den Mitarbeitern aufgedrückt werden, die Kraft und Energie kosten, belasten – und Du als Leser realisierst immer mehr, dass Du Dich selbst kennen und Dir vertrauen musst, um in solchen Mühlen nicht unterzugehen. Denn DU sitzt am Steuer des eigenen Arbeitslebens.
Du kannst Chancen und Grenzen erkennen, Vertrauen in Dich haben, dadurch klüger entscheiden und nicht nur intuitiv den nächsten Schritt tun.

Mithilfe eines Modells und Reflexionsfragen kannst Du nach der Lektüre die eigene Ausgangslage besser erkennen und deuten. “Veränderung kostet Zeit und Kraft “- doch wenn Du Deine Erwartungen kennst, wird es leichter.

Ich finde, als Diplom-Psychologe schafft er es bemerkenswert, den Bogen zu spannen und einen mit guten Tipps und Denkwerkzeugen wieder zu „entlassen“, egal ob als Betroffene oder als Mensch, der Changemaßnahmen steuert und verursacht.

Es ist wie eine “Checkliste für den Umgang mit Change” – es gibt nicht DIE Methode, nicht den einen richtigen Weg oder eine Haltung, die sich besser zeigt als andere. Wenn Du Mechanismen, Eigenschaften, Denkfallen kennst, und lernst, sie zu lesen und anders anzuwenden, bist Du für den nächsten “Change” gewappnet.

 

„Out of the box“

„Out of the Box – vom Glück, die eigene Berufung zu leben“ von Mathias Morgenthaler, Zytglogge Verlag, 382 Seiten

Es gibt diese Situationen im Leben, in denen man etwas erkennt. Dir etwas klar wird – und dann gibt es nunmal keinen Weg mehr zurück.
Zum Beispiel, dass ein klassisches, enges Jobprofil für viele Jahre in einem eher gesichtlosen, soliden Unternehmen nicht mehr das Maß aller Dinge ist.

Oder dass die aktuell vorherrschende „Resignation im Pendlerverkehr“ ein Ende finden muss, wenn man für die Aufgabe, zu der man gerade fährt, weder Interesse noch Freude aufbringen kann.

Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen ein wie Frithjof Bergmann es auch nennt einseitiges „Lohnarbeitssystem“, welches sie unzufrieden werden ließ.

In solchen Situationen der Entscheidung ist schnell klar, dass man seine ganz eigene Lösung finden muss – und doch helfen einem dabei die Geschichten Anderer: wie sie in der Situation gehandelt haben, welche Wege sich ihnen auftaten, die positiven Beispiele, die uns unterstützen, die Inspiration und Kraft geben.

In „Out of the Box – Vom Glück, die eigene Berufung zu leben“ von dem Journalisten und Coach Mathias Morgenthaler finden sich neben dem Vorwort von Marcel Bernet vor allem im ersten Teil „Die Anpassungskarriere“ so viele Argumente für eine neue Bewertung der Begriffe Karriere, Ausbildung und Berufswahl, dass man mit dem zustimmenden Nicken kaum noch aufhören kann.

Im mittleren und umfangreichsten Teil von „Out of the Box“ werden diese leidenschaftlichen Geschichten des eigenen Wegs und der eigenen Berufung nicht nur gesammelt, sondern durch sehr kluge und pointierte Interviews auf das Wesentliche gebracht. Und diese Gespräche inspirieren so sehr! Und wecken die Lust in Dir, raus aus einem möglichen Rad hin zu einer Aufgabe zu finden, die wirklich etwas mit Dir zu tun hat.

Durch die persönlichen Sichtweisen, Erzählungen eigener Irrwege und dem respektvollen Aufzeigen der Lebensentscheidungen Anderer bekommst Du ein verdammt gutes Gefühl dafür, warum es sich schlussendlich lohnt, sich selbst auf diesen Weg zu machen.

Egal, wie alt oder wie weit weg Du davon bist.

Für mich wäre allein das Interview mit Frithjof Bergmann die Lektüre schon wert gewesen. Oder das mit Catharina Bruns. Oder das mit Uwe Lübbermann. Oder das mit Horst Bohnet. Oder…

Auch wenn im dritten und letzten Teil des Buchs die „10 Thesen“ nicht als eine ultimative 10-Schritte-Anweisung zum Glück verstanden werden sollten, so können diese doch Grund für „Mutanfälle“ sein, die wir manchmal eben brauchen.

Dass die Arbeitswelt sich wandelt, ist kein Geheimnis mehr – aber wenn Du Dir selbst die richtigen Fragen stellst, macht Dir dieser Wandel keine Angst mehr.

 


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Geschrieben von

Blogauthor Lena Stiewe intrinsify.me
Lena Stiewe

Mit Charme, Witz und Köpfchen wirbelt Lena als Teammitglied bei intrinsify, findet und verknüpft lose Enden und sorgt unter anderem dafür, dass Du über die sozialen Netzwerke mit unseren Neuigkeiten versorgt wirst.

Als Sozialwissenschaftlerin hat sie ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der „Alten Welt“ gesammelt und spricht gerne offen und mit Humor über ihren Weg hin zu einer Arbeit, die verschiedene Interessen vereinbaren lässt. Dabei gibt sie ihre Erfahrungen mit der selbstbestimmten, neuen Arbeitswelt gerne weiter.

Im Podcast von intrinsify interviewt sie spannende Gesichter aus der Szene der Neuen Wirtschaft und stellt für Dich auch schonmal die ganz praktischen Fragen, die einem in so einer Situation in den Sinn kommen können.

Erschienen am

Sonntag, 16. Dezember 2018
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