Die Zeiten der Schön-Wetter-Organisation sind vorbei

Ein Beitrag von: Lars Vollmer

Na endlich!

Bestimmt hast Du es auch schon raunen gehört: Die Krise kommt. Wann und wie heftig, weiß natürlich keiner so genau. Und bei manchen ist sie gefühlt sogar schon angekommen. Bei den Automobilisten zum Beispiel: So hört man von den ersten, die Mitarbeiter dürften seit Neuestem nicht mehr so ohne Weiteres auf Dienstreise gehen. Andere Unternehmen fahren vorsorglich schon mal ihre Investitionen zurück. Na ja, die Zügel werden halt ein wenig angezogen.

Und es wäre ja auch wahrscheinlich: Wir verzeichnen die längste Hochkonjunktur-Phase seit der Steinzeit. Irgendwann muss das mal wieder zurückfallen.
Höchst bemerkenswert ist, wie die Unternehmen methodisch auf den Krisenverdacht reagieren: Da zeichnet sich schon so einiges ab…

Bildnachweis: © tommaso1979 – depositphotos.com

 

Solche Sperenzchen aber auch…
Ich habe mich vorletzte Woche mit einer Mitarbeiterin eines großen Logistikkonzerns unterhalten. Sie war nicht die erste, die mir davon berichtet hat, dass bei ihnen viele der vor kurzem erst angestoßenen Veränderungen in Richtung „agiles Management“ wieder eingestampft werden. Die Begründung, die hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand kursiert: „Wenn die Krise kommt, können wir uns solche Sperenzchen nicht mehr leisten.“

Ich gebe ja gerne zu, dass „agiles Management“ für mich eines der größten Plastikwörter der letzten Jahre ist. Was sich bei den einzelnen Firmen dahinter verbirgt, reicht vom substanziellen Umbau der gesamten Organisation bis zum reinen Austausch des Schriftzugs auf der Fassade. Jeder durfte den Trend frei interpretieren – das hat ihn vielleicht auch so beliebt gemacht.

Nur jetzt, angesichts der möglichen Krise, werden die Unterschiede deutlich: So manche Firmen haben Agilität und all die anderen neuen Ansätze als eine Art trendy Vergnügungs- oder Beschäftigungsmethode betrachtet. Das kann „man“ mal machen, solange es einem gut geht – noch dazu, wenn diese ganzen jungen Leute das gerne haben wollen. Wenn es jetzt aber so langsam wieder hart auf hart geht, dann ist diese Zeit der Schön-Wetter-Organisation wieder vorbei. Da muss dann wieder richtig gesteuert werden. Die harte Manager-Hand und so – Du weißt schon.
So richtig überrascht bin ich von diesem Gegentrend nicht.

Immer schön anschlussfähig bleiben
Diese Rolle rückwärts ist kurios, aber normal. Es war bisher in jeder Krise so, dass moderne Ansätze unter Beschuss gerieten. Das war bei „Lean Management“ nicht anders. Es scheint mir sogar, dass diese Turnübung in die Kultur mancher Unternehmen, die gerne 30 oder 50 Jahre auf dem Buckel haben, schon derart eingesickert ist, dass alle spüren:

Diese neuen Ansätze sind nichts als eine phasenweise Erscheinung. Und als Manager bist Du gut beraten, ein harter Hund zu bleiben, der nur ab und zu den Schafspelz umhängt – so bleibst Du immer anschlussfähig, über alle Phasen hinaus.

Ich kann mir also vorstellen, dass angesichts der ungewissen Aussichten die New-Work-Szene mit all ihren Ausprägungen an Aufmerksamkeit verlieren wird, während die tayloristischen Kräfte wieder mal Oberwasser bekommen. Dabei steckt im Kern von Agilität gerade die Idee, dass wir Organisationsformen entwickeln, die mit der Ungewissheit der Zukunft besser zurechtkommen als die zentral gesteuerten Strukturen.

Und es ist ja nicht so, dass die Ungewissheit rundherum gerade abnimmt, wenn Du Dir anschaust, dass die USA knapp vor einem Krieg mit dem Iran stehen oder der Euro abstürzen könnte. Und doch beeilen wir uns, den Löschzug zu entsorgen, mit der Begründung, dass unser Haus brennt. Schon sehr merkwürdig.

Happs!
Manche Unternehmen haben schon verstanden, dass moderne Ansätze eben nicht das Schön-Wetter-Programm sind, sondern ihre einzige Chance, am Markt zu überleben, so wie die hier schon häufig erwähnte Firma Allsafe aus dem beschaulichen Engen am Bodensee. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass diverse New-Work-Ansätze Bestand haben werden, auch wenn sie in vielen Unternehmen erst einmal in der Versenkung verschwinden könnten.

Ich möchte wetten, dass von den groß angelegten Programmen wie „Leadership 2020“ bei Daimler nur ein paar Krümel übrig bleiben werden, während der Rest des Kuchens mit einem Happs im Schlund des Krisenmodus verschwindet.

Auch für Dinge, die bisher „einfach mal ausprobiert wurden“, wird die Luft dünn. Dann heißt es: „Jetzt hört doch mal auf mit euren komischen Workshops. Jetzt müssen wir erst mal wieder zupacken und zwar alle zusammen …“ Das wird ja durchaus pathetisch verpackt und führt zu einer ganz eigenen Dynamik, doch ist und bleibt es eine Experimentierbremse.
Dennoch sehe ich insgesamt nicht nur schwarz …

Das Feel-Good-Kröpfchen
Ich könnte mir die Krise sogar als heilsamen Reinigungsprozess vorstellen. Denn wie wird das wohl ablaufen? Wahrscheinlich werden zuerst die Ansätze kippen, die sich darauf beschränken, an den einzelnen Menschen zu appellieren. Fromme Aufrufe wie „Lasst uns eine neue Fehlerkultur etablieren!“ werden ziemlich schnell weggespült. Wo dagegen strukturell tiefgreifende Maßnahmen eingeleitet wurden, wo Silos aufgelöst und schädliche Bonussysteme abgeschafft wurden und werden, wird vieles erhalten bleiben – da bin ich mir ziemlich sicher.

Du siehst: Heute ist es wichtiger denn je, die Moden von den substanzvollen Ansätzen zu unterschieden. Den Unternehmen kann ich nur empfehlen: Leute, ihr müsst die Theorien und die Glaubenssätze hinter den Dingen verstehen, damit ihr die Trends sein lassen könnt, aber die Ansätze, die euch wirklich Wertschöpfung bringen, nicht gleich mit absägt. Dann könnt ihr die Wunschträume ins Kröpfchen der Krise und die Werkzeuge, die echte Wirkung erzeugen, ins Zukunftstöpfchen eurer Firma sortieren.

So gesehen kann die Krise auch eine Chance sein – da bin ich hoffnungsfroh, dass sich die reine Wohlfühl-Spreu vom wirkungsvollen Weizen trennt. Bei vielen Ansätzen wird eine Kausalität vermutet, wo nur eine Korrelation vorliegt. Firmen verdienen nicht deshalb Geld, weil sie solche Posten geschaffen haben, sondern sie haben sie geschaffen, weil sie Geld verdient haben und sich das nun leisten können.

Versteh mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Feel-Good-Manager persönlich. Unter denen sind viele tolle, kluge und loyale Menschen. Aber ich bin eben davon überzeugt, dass sie einem Irrtum aufsitzen. Und solchen Irrtümern wird es in der Krise tatsächlich an den Kragen gehen – tut mir leid, meine Lieben!
Und allen anderen wünsche ich viel Erfolg bei der Verteidigungsschlacht um die substanzielle Veränderung.

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Thomas Maier
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Lieber Lars, Aufmerksamkeit lässt sich am Besten mit „bedrohlichen Inhalten“ generieren, so kommentiere ich den Beitrag. Für seine Interessen können Sie genutzt werden. Unser Stammhirn springt sofort an. Die gleiche Tour mit anderen Fragen erbringt ein vollkommen unterschiedliches Ergebnis, davon bin ich überzeugt. Der Fragende trägt Verantwortung. Nach welcher Schablone hast DU gefragt? Agilität als Muss? Wen in den Mensch drinnen hast Du befragt? Davon gibt es viele in jedem mit allen Kompetenzen sich jederzeit anzupassen. Deswegen lese ich es mit lobbyistischen Motiven, den Beitrag. Es kann total anders kommen. Wir können frei wählen was wir denken und somit unsere… Weiterlesen »

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Sachbücher über Wirtschaft und Gesellschaft, wenn er nicht gerade für intrinsify unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk GmbH nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Nach seinem Wirtschafts-Bestseller »Zurück an die Arbeit« und dem Ende 2017 veröffentlichtem Buch »Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen« erschien im Januar 2019 sein neues Buch »Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist«.

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