intrinsify

Jetzt aber mal langsam

Warum stete Produktivität auch nicht glücklich macht

Wir stopfen unseren Arbeitstag mit immer mehr Terminen voll, erledigen Aufgaben zunehmend gleichzeitig und immer schneller, denn wir fühlen uns dabei produktiv. Dabei wäre vielleicht das Gegenteil richtig.

Bildnachweis: © klss777 – depositphotos.com

Carl Honoré erzählt gern die Geschichte, wie er auf den Gedanken kam, sein Leben zu entschleunigen. Der Journalist und Autor hat zwei Kinder, und vor einigen Jahren – da war sein Alltag noch sehr stressig – ertappte er sich beim abendlichen Vorlesen dabei, wie er immer ungeduldiger wurde. »Ich wandte eine Technik an, die die meisten Eltern kennen – das Mehrere- Seiten-auf-einmal-Umblättern, damit die Bücher schneller zu Ende waren. Natürlich ertappten meine Kinder mich jedes Mal dabei, denn sie kannten die Geschichten ja.« Als er dann eines Tages ein Buch mit dem Titel One-Minute-Bedtime-Stories kaufte, also Gute-Nacht-Geschichten, die nur eine Minute dauern, hielt er inne und sagte sich: Moment. Hier stimmt etwas nicht.

»Wenn man in diesem Modus des Immer-Schneller fest- steckt, braucht man einen Schock, um zu merken, dass etwas nicht stimmt«, sagt er im Rückblick: »Für viele Menschen ist das der Körper: Man wird krank, erlebt ein Burn-out.« Für Honoré war es dieses Erlebnis mit seinen Kindern. Ich kenne das. Kinder, vor allem kleine Kinder, sind langsam. Irre langsam. Für alle, die keine haben: Sie sind quääääleeeend laaaaangsaaaam. Sie machen sinnlose Dinge. Sie sind nicht rational, nicht effizient, nicht pragmatisch. Sie stochern mit einem Grashalm im Ameisenbau. Sie untersuchen jeden Kieselstein in einem Kieselsteinbeet. Sie hüpfen von der kleinen erhöhten Treppe eines Hauseingangs auf den Bürgersteig. Bei jedem Haus der Straße. Es dauert ewig. Und es gibt nur zwei Arten, da- mit umzugehen: Man kann genervt sein, gelangweilt, kann sie antreiben, drängeln, kann laut werden. Das klappt meist, aber danach haben garantiert alle schlechte Laune. Oder man kann sich das Treiben mit buddhistischer Gelassenheit anschauen und sich über die sinnfrei verbrachte Zeit freuen.

Das Problem: Wenn ich aus dem Büro komme oder von einem Kundentermin, bin ich auf Effizienz getrimmt, auf Geschwindigkeit. Dann auf Kindertempo umzuschalten ist sehr, sehr schwer. Aber man kann es trainieren. Und genau das habe ich getan. Der erste Schritt ist, sich die unterschiedlichen Modi klarzumachen. Zu merken, warum einen das Trödeln der Kleinen gerade so aggressiv macht. Der zweite Schritt: durchatmen. Puls runter. Den Blick vom Handy nehmen und einfach mal schweifen lassen. Sich hinsetzen. Die geschenkten Minuten genießen. Schauen, wirklich schauen, was das Kind macht.

Und dann kommt der schwierigste Teil: der Versuchung widerstehen, diese geschenkte Zeit wieder effizient zu nutzen. Nicht mal eben eine E-Mail beantworten, während das Kind mit dem Laufrad kämpft. Nicht noch schnell den Kollegen anrufen, während die Kleine Blätter untersucht. Sondern am besten das Handy auf Flugmodus stellen. Beim Aufsteigen aufs Laufrad helfen. Die Blätter mit anschauen. Ich weiß, es klingt nach einem Rabenvater, aber: Für mich erfordert das eine nahezu übermenschliche Anstrengung. Und wenn sie ehrlich sind, geben das wahrscheinlich viele Eltern zu, zumindest heimlich.

Carl Honoré hat aus dieser Beobachtung ein Buch über Slow Parenting gemacht, also »langsame Erziehung«, und daraus dann eine übergreifende Theorie der Entschleunigung, die bald als Teil einer ganzen Bewegung eingeordnet wurde – dem Slow Movement –, auch wenn er darauf Wert legt, diesen Begriff nicht selbst geprägt zu haben. Seine Lehre von der Langsamkeit passt halt so schön in eine Reihe mit älteren Modebegriffen wie dem Slow Food. Inzwischen, so Honoré, gibt es eine regelrechte Slow Revolution mit durchaus ernst gemeinten Unterdisziplinen wie Slow Architecture, Slow Sex oder Slow Journalism. »Slow bedeutet in diesem Kontext nicht, alles in Schneckengeschwindigkeit zu machen«, so der Experte, »sondern vielmehr, die Dinge in der richtigen Geschwindigkeit zu tun. Mehr auf Qualität als auf Quantität zu setzen. Echte und bedeutsame menschliche Beziehungen aufzubauen. Im Moment präsent zu sein.«

»Ich bin ein schneller Mensch, ich liebe Geschwindigkeit«, sagt Honoré: »Schneller ist häufig besser – aber eben nicht immer.« In der modernen Welt sieht er einen allgemeinen Trend, immer und überall schnell zu sein, den es zu bekämpfen gilt. Für ihn geht es darum zu wissen, wann man schnell und wann man langsam sein muss. Mit verschiedenen Geschwindigkeiten zu spielen. »Wenn wir sehr beschäftigt sind, verlieren wir den Blick für die große strategische Richtung, in der wir unterwegs sind. In solchen Situationen tendieren wir dazu, alles immer hektischer zu tun – und das geht schief. Wir machen Fehler, wir denken nicht so kreativ oder innovativ, wie wir könnten, wenn wir uns mehr Zeit ließen.« Sehr oft hilft es in solchen Momenten schon, innezuhalten. Sich zu fragen: Was mache ich hier eigentlich und warum? Muss ich wirklich durch jede Sekunde meines Tages hetzen?

Experten wie Honoré sind davon überzeugt, dass Dinge langsamer zu tun nicht bedeuten muss, weniger produktiv zu sein, im Gegenteil: Ab und zu mal abzubremsen führt dazu, Aufgaben nicht nur besser, sondern auch effizienter zu erledigen – schon, weil weniger Fehler passieren. »Diese Erkenntnis setzt sich in Unternehmen zunehmend durch«, so Honoré, »und zwar über alle Hierarchiestufen hinweg. Vor ein paar Jahren waren es noch vor allem die Personalabteilungen, die sich Gedanken über Work-Life-Balance machten und fanden, man dürfe Mitarbeiter nicht wie Roboter behandeln, sondern müsse sie als komplette menschliche Wesen sehen.« Inzwischen sei die Botschaft auch in den Chefbüros angekommen, denn die CEOs seien ja selbst die größten Opfer des allumfassenden Geschwindigkeitswahns. »Sie erleben es nicht nur im Privaten, wo sie zu wenig Zeit mit den Menschen verbringen, die ihnen etwas bedeuten. Sie sehen auch, wie diese exzessive Hetze ihre Arbeit schlechter macht.« Chefs hecheln dem digitalen Kalender hinterher, den Tasks und Terminen, und schaffen es immer seltener, sich Raum zu verschaffen, um über die große Strategie nachzudenken.

Tatsächlich sind es häufig Unternehmen, die am erregtesten Puls der Zeit agieren – Tech-Companies wie Google oder Unternehmensberatungen wie McKinsey –, die ihren gestressten Mitarbeitern Meditationskurse verschreiben oder Mindfulness- Seminare. Der alte Chefspruch Sitz nicht einfach nur rum, tu et- was verwandle sich zunehmend in sein Gegenteil, so Honoré: Tu nicht einfach etwas, sitz mal still. »Vorgesetzte in diesen hochkompetitiven Branchen sagen das nicht, weil es ihnen ein schönes warmes Gefühl vermittelt, sondern weil es besser fürs Ergebnis ihrer Abteilung ist. Weil sie wissen, dass ihre Mitarbeiter dann leistungsfähiger werden.«

Seitdem die Wissenschaft sich verstärkt mit diesen Themen beschäftigt und zweifelsfrei belegt hat, dass das menschliche Gehirn schlicht nicht in der Lage ist zu multitasken, sind es kluge Arbeitgeber, die zu ihren Angestellten sagen: Stellt eure Gadgets auch mal aus. Fokussiert euch, seid nicht ständig abgelenkt. »Diese Botschaft wird nicht mehr nur in Yoga-Retreats verbreitet, sondern in großen Unternehmen und High-Tech-Firmen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben und nun wissen: Langsamer zu werden ist die beste Methode, um das meiste aus ihren Mitarbeitern herauszuholen.« Und so gelte umgekehrt für uns alle: Um das meiste aus unseren Gadgets herauszuholen, müssen wir mit dem Multitasking aufhören und das Monotasking lernen: Nicht viele Dinge gleichzeitig schlecht tun, sondern eine Sache nach der anderen – dafür aber richtig.

Neuerdings kommen sogar technische Produkte heraus, die uns bei dieser Suche nach mehr Langsamkeit unterstützen sollen. Apps wie Offtime messen, wie lange ich was am Smartphone tue. Offtime ermutigt mich, meine Nutzungsdauer zu reduzieren, das Ergebnis der Tech-Diät dann mit anderen zu teilen und diese so auch mit dem neuen Langsamkeits-Virus zu infizieren.

Das Mobiltelefon MP01 des Schweizer Herstellers Punkt beispielsweise kann SMS verschicken, hat eine exzellente Sprachqualität sowie ein viel gelobtes schlichtes Äußeres, gestaltet von Design-Star Jasper Morrison – und das war’s. Keine Apps, keine E-Mails. Kein Snapchat, Facebook, WhatsApp. Die Technologiepresse hat für derartige Geräte bereits einen neuen Gattungsbegriff gefunden: das Dumbphone.

Petter Neby, Erfinder des dummen Telefons, sagt in einem Interview mit der Schweizer Handelszeitung: »Wenn die neue Technologie uns glücklicher und produktiver gemacht hätte, hätte ich nie ein Handy entworfen. Aber Smartphones lösen Stress und Ängste aus. Die Leute können nicht mehr allein sein und brauchen den Kick von außen.« Deswegen das schicke Dumbphone: »Ein Instrument, das attraktiv ist und absichtlich dafür gestaltet wurde, hilft uns, offline zu sein.« Carl Honoré nutzt das MP01 hauptsächlich, um möglichst selten in die Versuchung des Multitaskings zu kommen – hat aber zur Sicherheit stets ein iPhone dabei, für jene Fälle, in denen er dann doch mal online gehen oder eine Mail verschicken muss.

Er ist davon überzeugt, dass wir einen historischen Wendepunkt erreicht haben. »Spätestens seit der Industriellen Revolution gibt es diese nach oben führende Kurve einer ständigen Beschleunigung. 150 Jahre, in denen alles immer schneller geworden ist.« Im Großen und Ganzen war das eine positive Entwicklung, sagt er. Aber in den letzten Jahren begann das Pendel zurückzuschwingen. »Wir haben eine Kultur geschaffen, in der Geschwindigkeit ein Wert an sich geworden ist. Und all diese Beschleunigung fängt an, ihren Tribut zu fordern: Sie schädigt unsere Gesundheit, unsere Ernährungsgewohnheiten, unsere Beziehungen, Familien, unsere Gesellschaft. Bei der Arbeit behindert sie unsere Fähigkeit nachzudenken, Dinge zu schaffen, innovativ zu sein. Und sie verursacht jede Menge Umweltschäden.« Für ihn ist es darum nur logisch, dass die Slow Revolution dabei ist, sich zunehmend auszubreiten.

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus „Digitale Erschöpfung“, dem aktuellen Buch von Markus Albers. Zuvor hat er bereits in „Morgen komm ich später rein“ und „Meconomy“ über die Zukunft der Arbeit geschrieben.

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Markus Albers intrinsify.me
Markus Albers

Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Mitgründer von Neuwork. Er schreibt die Kolumne „Flight Mode“ für Lufthansa Exclusive. Seine Texte wurden unter anderem in Monocle, Brand Eins, Die Zeit, GQ, AD, Vanity Fair, Spiegel, Stern, SZ-Magazin und der Welt am Sonntag veröffentlicht. Markus’ Bücher „Meconomy“, „Morgen komm ich später rein“ und „Digitale Erschöpfung“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Zu den Buchthemen hält er Vorträge, moderiert Panels und Workshops. Markus Albers ist Mitglied der International Academy of Digital Arts and Sciences sowie Juror von Forework.

Bildnachweis: © Tobias Kruse

Erschienen am

Donnerstag, 7. Juni 2018

Hinterlasse einen Kommentar

3 Kommentare auf "Jetzt aber mal langsam"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz
X