Schulen haben ja schon manchmal etwas Verblüffendes. Neulich beim Elternabend erzählt die Lehrerin einem Raum voller Erwachsener, dass die Kinder im kommenden Halbjahr die Knochen der Frösche lernen werden.
So weit, so gut, denke ich mir. Vermutlich sollen verschiedene Mnemotechniken vermittelt werden und dazu braucht es ein möglichst alltagsfernes Beispiel, bei dem ein Kind nicht schon durch Vorwissen herausstechen soll.
»Und welche Lernmethode möchten Sie damit vermitteln?«, frage ich interessiert nach.
»Welche Lernmethode? Nee, nee, es geht um die Knochen vom Frosch. Die Kinder sollen wissen, wie das Skelett aussieht.«
Ups, das haut mich aus den Socken! Ich bin offensichtlich der Naivität erlegen zu denken, dass da ein tieferer Sinn dahintersteckt. Denn ein für 99,9% aller Schüler irrelevantes Wissen zu vermitteln, das die Kinder bei Bedarf im Internet nachlesen könnten, … ist das nicht sinnlos, wenn nicht das Lernen selbst als Lerngegenstand einfließt?
Aber mit der Debatte über Lehrpläne und das Schulsystem möchte ich euch hier verschonen. Es geht mir um etwas ganz anderes. Denn die Kinder werden es trotzdem pauken müssen und das basiert auf einem spezifischen Mechanismus, den ihr auch in euren Unternehmen wiederfindet.
Von vorne.
As you know
Wissensweitergabe bzw. Wissensvermittlung geht in etwa so: Wenn ein Vorarbeiter weiß, wie eine Maschine eingestellt werden muss, dann erklärt er es seinen Kollegen. Wenn die Marketingchefin weiß, in welchem Format der Pressetext an die Redaktion geschickt werden muss, dann schreibt sie das auf und sagt es ihrem jungen Mitarbeiter. Wenn die Kollegin in der Buchhaltung weiß, auf welches Konto die Ausgaben für Büromaterial gebucht werden müssen, dann wird auch das dokumentiert und dem Auszubildenden gezeigt. Und wenn die Lehrerin eben weiß, wie ein Froschskelett aussieht, dann bringt sie das den Schülern bei.
Einfach, oder? Na ja, ganz so problemlos, wie ich es hier dargestellt habe, ist es natürlich nicht. Die Weitergabe von Wissen – sei das nun in der Schule, in Organisationen, Unternehmen, in der Politik, im Privatleben – funktioniert nämlich nur, wenn dem Wissenden auch Glauben geschenkt wird.
Und das ist nicht so banal, wie es hier klingt. Warum? Damit euch nämlich geglaubt wird, braucht ihr mehr als präzise Erklärungen. Auch gute Argumente allein reichen nicht. Ihr braucht entweder Ansehen – manche nennen es ›Autorität‹ – also geschenktes Vertrauen, dass das, was ihr behauptet, auch stimmt bzw. funktioniert.
Ansehen ist etwas Informelles, das kann euch der Chef nicht verleihen. Auch könnt ihr euch nicht selbst entscheiden, ob ihr Ansehen habt, das tun exklusiv die Anderen. Ihr bemerkt vermutlich, wenn es so weit ist, aber bis dahin kann es dauern. Und es ist kontextabhängig, d.h. in dem einen Team genießt ihr viel Ansehen, in einem anderen möglicherweise viel weniger.
Ein Unternehmen profitiert natürlich von Ansehen, das einzelnen Mitarbeitern geschenkt wird, aber es kann sich nicht darauf verlassen. Jetzt kommt der zweite, viel verlässlichere Mechanismus zum Einsatz – und der heißt Macht! Macht ist der Beschleuniger für die Wissensvermittlung, ja, er ermöglicht wirtschaftliche Wissensvermittlung überhaupt erst.
Machtvoll
Nehmt ein ganz konkretes Beispiel: Würde der Azubi die Info zur Buchung von einem Praktikanten annehmen, ohne nochmals nachzufragen oder nachzuschlagen? Eher unwahrscheinlich, er würde es vermutlich hinterfragen, weil zwischen den beiden kaum ein Machtgefälle besteht. Es würde sich eine Debatte entbrennen, an dessen Ende keinesfalls zwingend das bessere Argument, geschweige denn das richtige Wissen die Oberhand behält.
Oder als Donald Rumsfeld damals 2003 auf der UN-Sicherheitskonferenz angebliche Beweise für Atomwaffen im Irak lieferte, zeigte er zwar beeindruckende Bilder und argumentierte – zumindest aus seiner Sicht – logisch. Aber letztlich war es doch die (wirtschaftliche) Machtposition Amerikas, die dafür sorgte, dass die meisten anderen Nationen das Gesagte als Wissen ansahen und sich der Militäraktion anschlossen. Oder glaubt ihr, dass Länder wie Litauen oder Jordanien mit derselben Präsentation die gleiche Wirkung erzielt hätten? Also ich nicht.
Ja, wer Macht hat, kann sein Wissen ohne ausschweifende Diskussion zuverlässig weitergeben. Wer Macht hat, dem wird geglaubt, ohne dass er darauf angewiesen ist, andere mit ausgeklügelten Argumenten und Beweisen davon zu überzeugen, dass er recht hat. Stellt euch vor, ihr müsstet alles, was ihr zu euren Mitarbeitern sagt, erst einmal langwierig und vollumfänglich erklären. Das wäre wahnsinnig aufwändig und letztlich unwirtschaftlich!
Akademisch ausgedrückt: Macht ermöglicht trotz Dissens der Akteure das Handeln im Konsens.
Darum ist Macht in Verbindung mit Hierarchie zu einem ausgeprägten Gestaltungsmerkmal von Organisationen geworden. Je stärker das Machtgefälle, desto schneller, also mehrheitlich auch wirtschaftlicher, geht die Wissensübertragung. Und kein Unternehmen kann es sich erlauben, bei Problemlösungen Zeit zu verlieren.
Versteht mich nicht falsch. Das ist kein grundsätzliches Plädoyer für mehr Hierarchie und ausgeprägtere Machtstrukturen in Unternehmen, intrinsify macht nicht plötzlich eine Rolle rückwärts.
Es kommt darauf an
Ich will damit lediglich darlegen, welche beschleunigende Funktion Macht in einem sozialen System hat. Sicherlich verhindert diese Art der Wissensübertragung das eigene Denken und veranlasst lediglich zum Exekutieren von Anweisungen. Aber für komplizierte Probleme ist diese Form von Steuerung (hier definiert als zur Nutzung verpflichtende Bereitstellung von Wissen) eben die beste Lösung, die optimale Herangehensweise. Fragen nach dem moralischen Aspekt dieser Machtausübung sind da eher irrelevant.
Also: Wenn tatsächlich Wissen für die Problemlösung verfügbar ist, dann ist dies auch heute noch Erfolg versprechend. So wie in der Buchhaltung eben – ihr werdet nicht (legal) erfolgreicher, wenn ihr mit Buchungskonten experimentiert oder bei jeder neuen Eingangsrechnung ein Brainstorming initiiert, auf welchem Buchungskonto diese Rechnung denn am besten aufgehoben wäre.
Andererseits gilt aber auch: Für die allermeisten wettbewerbsrelevanten Situationen ist heute eben kein ausreichendes Wissen verfügbar. Erfahrungen von früher schon und viele gut gemeinte Vermutungen auch, manchmal sogar wissenschaftlich formulierte Hypothesen, aber eben kein gesichertes Wissen.
›Wie viel Stück von dem Produkt werden wir im nächsten Monat verkaufen?‹, ›Mit welcher Logistikstrategie werden wir schneller als unser Wettbewerber liefern können?‹, ›Welches Foto auf der Anzeige wird die Kunden eher zum Kauf verleiten?‹ You name it.
Für alle jene Situationen, es sind komplexe Situationen, ist Macht als zentrales Organisationsmerkmal bestenfalls ungenügend.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde erstmals im Juni 2015 auf larsvollmer.com veröffentlicht und für die Neuauflage komplett überarbeitet.





Wenn es zu Entscheidungen kommt, dann sind diese sehr schnell, aber auch maximal so intelligent wie das eine Gehirn des Machthabers.
Was bei komplizierten Problemen aber recht unkritisch und bei sehr zeitsensiblen Problemen (Feuerwehr, Segelboot) erfolgskritisch ist. Beim komplexen Problemen stimme ich Dir selbstredend zu. Nur: was im Beitrag hat Dich dazu veranlasst, etwas zu Entscheidungen abzuleiten? Gruß, Lars