Muss jetzt keiner mehr weg?

Ein Beitrag von: Lars Vollmer

Die »Merkel muss weg«-Rufe sind zeitweise verstummt, die Anti-AKK-Parolen sind noch im Prototyping, selbst die Schilder mit der blonden Haartolle stehen gerade in der Ecke. Wir Beobachter von politischen Massenveranstaltungen könnten fast den Eindruck gewinnen, dass die Schuld für alles Schlechte in Deutschland und der Welt gerade niemandem persönlich angehängt wird. Ich kann Dir gleich zwei Gründe nennen, warum ich das gut fände.

Muss jetzt keiner mehr weg?

Bildnachweis: © panaramka.ukr.net – depositphotos.com


Der eine Grund hat etwas mit meiner Erfahrung als Unternehmer, vehementer Befürworter von Selbstorganisation und Familienvater zu tun: Ich habe es noch nie erlebt, dass auf der Basis von persönlichen Verunglimpfungen eine konstruktive Debatte entstanden ist.

Deshalb nervt es mich so, dass die persönliche Unterstellung als argumentatives Surrogat in Auseinandersetzungen überhand nimmt. Zapp nur mal in eine x-beliebige Talkshow hinein …

Raus aus meiner Ecke
Der andere Grund ist mir tatsächlich noch wichtiger. So wichtig, dass ich mich gezwungen sah, aus meiner angestammten wirtschaftlichen Ecke herauszutreten und gedanklich gesellschaftliches Parkett zu betreten.

Ich komme nämlich eigentlich vom Thema »Arbeit«, manchmal sogar von »Neue Arbeitswelt«. Dafür habe ich die von mir gegründete Beratungsfirma verlassen, intrinsify gegründet, darüber halte ich Vorträge, schreibe Bücher, Leitartikel, Kolumnen und Essays.
Die intensive Beschäftigung mit diesem Thema hat mir viele überraschende Erkenntnisse beschert.

Unter anderem die, dass es viele Parallelen zwischen den Entwicklungen in unserer Wirtschaft und in unserer Gesellschaft gibt. Deshalb habe ich angefangen, mein Thema weiterzudenken. Wenn Du so willst, New Work auf die gesellschaftliche Ebene zu heben. Ja, New Work ist heute weithin zu einer Worthülse verkommen. Aber ich denke sie dennoch – oder gerade deshalb – weiter.

Dann wird alles gut
Eine der frappanten Parallelen ist die Personalisierung von Problemen. Kaum tut sich in einem Unternehmen oder in der Gesellschaft eine Krise auf, wird ein Schuldiger gesucht. Schnell ist ein Manager, ein Politiker, ein Andersdenkender für den Posten des Sündenbocks gefunden. Alle freuen sich, denn wenn der dann erst mal weg ist, wird schon alles gut. So als ob durch den Austausch von einem oder vielen Köpfen die Ursache einer Krise behoben wäre.

Und so befruchten sich das Schwarze-Peter- und das Du-bist-raus-Spiel gegenseitig und zeigen drastisch Wirkung, auch in der Gesellschaft: Die ehemals großen Volksparteien verlieren dramatisch an Vertrauen und einender Kraft, die Meinungen in der Gesellschaft zentrifugieren immer mehr, werden extremer, unversöhnlicher, hermetischer. Gräben tun sich auf zwischen Politikern und Bürgern, zwischen Journalisten und Rezipienten, zwischen Befürwortern und Gegnern jedes Themas.

Und die Gräben werden immer tiefer, eine Lösung, mit der sich alle zufrieden geben, immer unmöglicher. Es scheint, dass Deutschland zunehmend unregierbar wird. Zumindest schaffen es die derzeit Regierenden nicht.
Muss also doch die Merkel weg? Oder Nahles?

Das gleiche Spiel
Ich fürchte, beides wird uns nicht helfen. Ich habe Dir ja angekündigt, dass ich sehr froh wäre, wenn wir das mit den Parolen sein lassen würden. Denn es wird sich rein gar nichts ändern, wenn statt Merkel oder Nahles einer oder eine mit einem gelben, grünen oder schlimmstenfalls auch blauen Leibchen als Spielführer auf dem Feld aufläuft. Es bleibt das gleiche Spiel. Und das ist das eigentliche Problem.

Schau Dir unser System an: Da ist auf der einen Seite das Volk, das alle vier Jahre an der Wahlurne seine Stimme abgibt. Du gibst Deinen Abgeordneten den Auftrag, im Namen des Staates – also in Deinem Namen –, dafür zu sorgen, dass alles für den Einzelnen gut geregelt wird.

Die Gewählten nehmen diesen Auftrag an und regeln. Und regeln. Und regeln. Und falls einer gegen diese Regeln verstößt, gibt es staatliche Institutionen, die dieses Verhalten maß-regeln.

Ich nenne das ein Hirtensystem: Das Volk, also wir, die Schafe, bestellt seine Hirten, also die Politiker, um uns als Herde zu schützen und zu leiten. Es ist also die existenzielle Aufgabe der Hirten, auf diese Herde aufzupassen.

Falls Du schon mal einen Hirten beobachtet hast, dann weiß Du, dass er stets dafür sorgt, seine Schäfchen im Blick zu behalten. Das muss er auch, denn wie will er sonst seinem Wachauftrag nachkommen? Einzelne Schafe, die sich von der Herde entfernen wollen, um an anderer Stelle nach Lösungen zu suchen, muss er daran hindern. Sonst verletzt er seinen Auftrag. Er führt also Regeln ein und pocht auf deren Einhaltung.

Der Deal funktioniert nicht mehr
Solange die allermeisten Schafe zufrieden sind, in dem vom Hirten abgesteckten Areal zu grasen, funktioniert der Deal ›Sicherheit gegen Freiheit‹ ganz gut. Doch wehe, der Wohlstand wächst nicht mehr so wie früher an Ort und Stelle nach. Dann haben immer mehr Schafe den Eindruck, dass sie mit dem jetzigen Standort und den alten Lösungen nicht mehr gut bedient sind. Sie fühlen den Drang, sich auf die Suche nach neuen Möglichkeiten zu begeben. Und machen sich auf den Weg. Sie versuchen es zumindest. Denn der Hirte muss sie qua Amt daran hindern.

Je mehr von den Schafen auseinander streben, desto stressiger wird der Hirtenjob. Es ist nur zu verständlich, dass der zu immer rigideren Mitteln greift, um die Ausreißversuche zu unterbinden. Er hat schließlich den Auftrag dazu. Wenn er den nicht erfüllt, wird er nicht wieder gewählt. Und ist seinen Job los.

Ich glaube, wir befinden uns in einer Phase, in der immer mehr Schafe von den immer rigideren Mitteln der Hirten immer mehr genervt sind. Sie streben um so vehementer auseinander. Mit der Konsequenz, dass der Hirte noch mehr Reglementierungen einführen muss. Der Teufelskreis wird sichtbar.

Was meinst Du: Ändert sich etwas, wenn wir den Hirten feuern und durch einen neuen ersetzen?

Jedes Schaf für sich
Und dann? Die Hirten abschaffen, allen Schafen ihre Freiheit schenken und darauf vertrauen, dass die meisten von ihnen kreativ und clever genug sind, sich neues Weideland zu erschließen? Jedes für sich und keines für alle? Ist es das?

Ich fürchte: Nein. Diese extrem libertäre Denkschule hat ihre Bewährung in der Praxis nie bestanden und wird auch heute nicht die Lösung sein. Was denn dann die Lösung ist, willst Du wissen? Ich auch. Denn dienen kann ich mit einer solchen nicht. Ich möchte aber gerne, dass wir darüber debattieren. Statt über die da oben oder die mit der anderen Meinung zu wettern.

Deshalb lege ich doch direkt mal los und befeuere unsere Diskussion mit dem einen oder anderen Impuls. Dafür habe ich mir zum Beispiel den Fußball-Club Barcelona genauer angesehen. Das kann ich ganz hautnah tun, denn ich lebe einen großen Teil des Jahres in dieser großartigen Stadt und besuche auch hin und wieder das Camp Nou für ein Heimspiel von »Barça«.

Die Mannschaft steht in diesem Jahr – wie so oft – an der Spitze der spanischen Liga und das ist kein Zufall. Aus meiner Sicht haben sie für ihr Spiel eine perfekte Mischung gefunden. Sie kombinieren mannschaftliche Geschlossenheit mit genialem Einzelkönnertum und lassen situativ mal das eine, mal das andere walten.

Und das, obwohl die beiden Spielauffassungen komplett unterschiedliche Sichtweisen erfordern.

Fünf – drei – zwei
Für die mannschaftliche Geschlossenheit braucht es ein herausragendes Gespür für kollektive Strukturen. Bestes Beispiel ist die Fünfer-Kette. Wenn Du Dich für Fußball interessierst, weißt Du, was ich meine:

Hat die eigene Mannschaft den Ball, bauen drei Abwehrspieler das Spiel von hinten auf, während die beiden Außenverteidiger weit nach vorne rücken und die Sturmreihen offensiv unterstützen. Hat der Gegner den Ball, rücken die Außenverteidiger in die Abwehrreihe zurück und bilden eine gleichmäßig über die Breite des Spielfelds verteilte Abwehrlinie aus fünf Spielern. Diese fünf müssen sich als Verbund sehen. Acht mal drauf, wenn Du wieder ein Spiel schaust. Genau darauf zu achten und auf alle anderen kollektiven Strukturen, dass nenne ich den »Fünfer-Ketten-Blick«.

Das Einzelkönnertum dagegen kann und muss sich ganz auf die Chancen und den Weg des Individuums konzentrieren. Wer könnte das besser als Superstar Lionel Messi? Wenn Du ihn so über den Platz schlurfen siehst, dann hast Du den Eindruck, dass er sich kein bisschen für seine Mitspieler interessiert. Scheinbar abwesend schaut er mal hier, mal dahin. Bis, ja, bis er von einer Sekunde auf die andere den genialen Moment erkennt, in die Lücke stößt, die kein anderer gesehen hat, und das Tor schießt. Auf das Individuum zu achten, mit all seiner Genialität oder Abscheulichkeit, das nennen ich den »Messi-Blick«.

Wie kommen die nur dazu?
Meiner Beobachtung nach sind auch die voneinander abrückenden Gruppen in unserer Gesellschaft durch diese unterschiedlichen Blicken geprägt: die mit dem kollektivistischen Fünfer-Ketten-Blick auf der einen und die mit dem individualistischen Messi-Blick auf der anderen Seite. Sie nehmen gleiche Situationen ganz anders wahr und haben entsprechend abweichende Lösungsideen dafür. Und sie können vor allem überhaupt nicht nachvollziehen, wie die anderen zu einer anderen Auffassung kommen können: Wo die Sachlage doch eindeutig ist. Aus ihrer Sicht.

Weil sie nicht realisieren, dass es am Blickwinkel liegt, gibt es nur eine einzige plausible Erklärung für die Verstocktheit der anderen: Die müssen doof oder böse sein. Oder beides. Damit landen wir wieder bei der persönlichen Diffamierung …

Trauen wir uns?
Was mich an der Beobachtung fasziniert, ist, dass es dem FC Barcelona offensichtlich gelungen ist, auf beiden Seiten das Bewusstsein für die Unterschiede und für die gemeinsame Verantwortung zu schaffen. Sie finden in jeder Spielsituation eine gute Lösung: mal mit dem Messi-, mal mit dem Fünfer-Ketten-Blick.

Gelingt auch uns diese Kombination, muss tatsächlich keiner mehr weg. Dann haben wir gute Chancen. Denn das, was wir in Deutschland an Veränderung brauchen, hängt nicht an Personen. Es hängt am System und für das sind wir alle verantwortlich. Was wir brauchen habe ich in meinem neuen Buch skizziert, ich nenne es die »Verantwortungsgesellschaft«. Ganz ohne Sprüche und Schilder. Ich fände es schön, wenn wir uns das zutrauen würden.

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Matthias Lanig
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Matthias Lanig

? Agree – gestern Abend jedenfalls hat´s so ja wieder funktioniert?

Christian Köhler
Gast
Christian Köhler

Ein hervorragender Beitrag. Ein toller Anstoss. Wir alle sind das System und wir alle müssen eigenverantworlich handeln und manchmal auch zurücktreten, denn sonst werden wir gemaß-regelt. Und dann auch zu recht. Ich hatte neulich ein ganz interessantes Gespräch… Mein Mitfahrer „regte“ sich darüber auf, dass der Bundestag Zeit verschwendet, um über die Zulassung von E-Rollern zu beraten. Mein Beitrag war: „Ein tolles Land, indem es keine anderen Probleme gibt als dieses.“ Und wenn ich dann auf einer deutschen Autobahn in einer der diesen lebenslangen Baustellen stehe auf denen keine Menschen arbeiten, will ich ihn anrufen und sagen, dass er doch… Weiterlesen »

Anne G.
Gast
Anne G.

Danke für diesen Impuls, Lars. Ich mag Deine Parallele mit den Hirten und den Schafen und der Weide. Agree. Es ist eben leicht, schnell mal einen Schuldigen zu finden – und schwer, sich selbst zu den Beteiligten zu zählen, egal ob aktiv oder passiv. Aber „wir“ werden immer mehr, ich bin zuversichtlich.

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Sachbücher über Wirtschaft und Gesellschaft, wenn er nicht gerade für intrinsify unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk GmbH nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Nach seinem Wirtschafts-Bestseller »Zurück an die Arbeit« und dem Ende 2017 veröffentlichtem Buch »Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen« erschien im Januar 2019 sein neues Buch »Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist«.

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