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Neues Arbeiten – Die Exponentielle Gefahr

Es spricht vieles dafür, dass das so genannte Neue Arbeiten sein Emanzipationsversprechen nicht einlöst, stattdessen zu massiver Arbeitsverdichtung, ständiger Erreichbarkeit und digitaler Erschöpfung führt. Was ist schiefgegangen?

7.30 Uhr. Ich bin vor einer Stunde aufgestanden. Erster Handgriff: Espressomaschine an. Zweiter Handgriff: Smartphone aus der Ladestation im Bad nehmen, Nachrichten checken.

Natürlich hat meine Kollegin gestern Nacht noch auf die Mail geantwortet, die ich ihr um 23.32 Uhr geschickt hatte. Ein Kunde ist in den USA, hat auch geschrieben. Auf Twitter, Facebook, LinkedIn ist eh eine Menge passiert, ich scrolle alle drei kurz mit einer Hand durch, während ich die ersten Schlucke Kaffee nehme. Sehe Links zu drei Artikeln, die mich interessieren, speichere diese in einer App namens Pocket, um sie später zu lesen.

Dann duschen, rasieren, anziehen, Tisch decken, Tochter wecken. Während sie frühstückt, stehe ich am offenen Küchentresen, belege Schulbrote, fülle Apfelsaftschorle in die Trinkflasche, rede ein bisschen mit ihr (sie ist morgens genauso maulfaul wie ich).

Und schaue zwischendurch immer wieder auf das Smartphone, denn jetzt fangen die ersten Arbeitsmails an einzutrudeln. Jetzt ist natürlich noch niemand im Büro, aber meine Kollegen melden sich trotzdem schon mit ersten Ideen und Vorschlägen für den Tag. Ich stelle mir vor, dass sie – wie ich – gerade in der Küche sind, oder im Bad. Termine werden kurzfristig verschoben, Agendas angepasst, erste To-dos verteilt.

Bildnachweis: © stokkete – depositphotos.com

Früher waren wir »chained to the desk«, wie die Amerikaner sagen, also: an den Schreibtisch gekettet. Diese Ketten abzustreifen war meine Mission der letzten acht Jahre.

Und nun sehe ich mit Grausen, dass wir sie nur durch neue, flexiblere und längere, aber zugleich unnachgiebigere Ketten ersetzen: Wir sind »chained to the screen«, und das ist auch kein besseres Leben.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in zehn Jahren zurückblicken und sagen werden: Ach ja, das war die Zeit, als wir alle ständig auf unsere Smartphones geschaut haben. Als wir alle ununterbrochen gearbeitet und nie abgeschaltet haben. Als wir immer effizienter gearbeitet haben – nicht um Zeit für Freunde, Familie und Hobbys zu haben, sondern um noch mehr zu arbeiten.

Die Frage, ob wir mit einem wissenden Lächeln zurückblicken, weil wir die Fehler erkannt und beseitigt haben – oder ob es eine schmerzhafte Nostalgie sein wird, weil alles immer noch schlimmer wurde: Diese Frage entscheidet sich heute. Wir haben es in der Hand, uns unser Leben zurückzuholen. Wir müssen es nur wollen.

Wir stehen an einem Scheideweg, was die digitale Transformation der Arbeit angeht. Wir haben viele – teils sehr mächtige – neue Werkzeuge, aber es fehlen uns die meisten Kulturtechniken und Regeln, diese so einzusetzen, dass wir uns dabei nicht selbst schaden.

Darum all diese nächtlichen E-Mails und Notifications, die Kultur des Always-On auch am Wochenende, das wachsende Gefühl, dass die Arbeit nie aufhört. Wir müssen dringend anfangen, uns darüber zu verständigen, wie wir in dieser neuen Arbeitswelt miteinander umgehen wollen.

Das gilt für Abteilungen, Unternehmen, die Gesellschaft, die Politik. Denn wir stellen jetzt die Weichen dafür, wie wir in den nächsten 10, ja sogar 20 Jahren arbeiten und leben werden. Und wenn wir sie falsch stellen, schaffen wir uns womöglich ein Unglückssystem, aus dem wir uns nicht mehr werden befreien können.

Es spricht viel dafür, dass wir schon bald intelligente Virtuelle Persönliche Assistenten haben werden, die unsere Vorlieben und Abneigungen kennen, unsere Gefühle lesen können und unseren Terminkalender für uns managen.

Wir werden selbst fahrende Autos nutzen, deren künstliche Intelligenz nicht nur den kürzesten Weg zu unserem Ziel ermittelt, sondern auch unsere Wertvorstellungen kennen wird. Unser Smart Home wird wissen, wie viele private Daten wir bereit sind, mit der Welt zu teilen.

Kurz: Die Dinge wissen schon bald mehr über uns als viele unserer Mitmenschen. Das wird – da bin ich Techno-Optimist – vieles einfacher machen. Ich freue mich auf diese nahe Zukunft.

Wie wir hingegen die Zusammenarbeit mit anderen Menschen organisieren, diesen hochkomplexen, oft irrationalen und stets emotionalen Entitäten, bleibt eine Herausforderung.

Ich bin überzeugt: Das Problem ist nicht die Technik, sondern es sind die Menschen, die sie falsch nutzen.

Ich plädiere nicht für die Rückkehr zu einem vorgeblich paradiesischen vortechnischen Zustand. Die Entwicklung hin zu mehr Vernetzung, Digitalisierung und Kollaboration ist nicht mehr umkehrbar. Wir müssen sie nur in unserem Sinn steuern. Und dazu erst einmal definieren, was dieser Sinn eigentlich ist.

Ein Freund von mir, der Technologiekritiker John Havens, sagt es sehr schön: »Wie sollen Algorithmen wissen, was unsere Werte sind, wenn wir sie selbst nicht formulieren können?«

Die Dringlichkeit, von Analyse und Anklage zu konkreten Lösungsansätzen zu kommen, stellt sich umso zwingender, als wir in vielen technologischen Bereichen das Gesetz des exponentiellen Wachstums sehen: Analog zur Leistung von Computerchips, die sich etwa alle zwei Jahre verdoppelt, verändern sich auch andere durch Technik geprägte soziale und gesellschaftliche Bereiche immer schneller.

Wir Menschen können uns aber nur lineares Wachstum vorstellen, nicht exponentielles. Es ist wie mit dem Gleichnis vom Schachbrett, auf dessen erstem Feld ein Reiskorn liegt, auf dem zweiten liegen zwei, auf dem dritten vier, und so weiter. Etwa ab der Mitte des Schachbretts werden die Mengen und Zuwächse so groß, dass sie unsere geistige Verarbeitungskapazität übersteigen.

Es kann sein, dass wir uns bei der Digitalisierung der Arbeitswelt gerade in der Mitte des Schachbretts befinden. Bisher war die Veränderung schnell und verwirrend. Schon sehr bald wird sie unvorstellbar. Ein Grund mehr, diese Debatte jetzt zu führen.

Ich habe daran mitgewirkt, die Geister zu rufen. Ich will helfen, sie zu bändigen.

 

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus „Digitale Erschöpfung“, dem aktuellen Buch von Markus Albers. Zuvor hat er bereits in „Morgen komm ich später rein“ und „Meconomy“ über die Zukunft der Arbeit geschrieben – da noch deutlich optimistischer.

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Geschrieben von

Blogauthor Markus Albers intrinsify.me
Markus Albers

Markus Albers lebt als Autor, Berater und Unternehmer in Berlin. Er ist Mitgründer und Geschäftsführender Gesellschafter von Rethink sowie Mitgründer von Neuwork. Er schreibt die Kolumne „Flight Mode“ für Lufthansa Exclusive. Seine Texte wurden unter anderem in Monocle, Brand Eins, Die Zeit, GQ, AD, Vanity Fair, Spiegel, Stern, SZ-Magazin und der Welt am Sonntag veröffentlicht. Markus’ Bücher „Meconomy“, „Morgen komm ich später rein“ und „Digitale Erschöpfung“ wurden vielfach besprochen und in fünf Sprachen übersetzt. Zu den Buchthemen hält er Vorträge, moderiert Panels und Workshops. Markus Albers ist Mitglied der International Academy of Digital Arts and Sciences sowie Juror von Forework.

Bildnachweis: © Tobias Kruse

Erschienen am

Donnerstag, 15. Februar 2018

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Cornelia
Gast

Lieber Markus, interessant – der Blick in deinen Rückspiegel! Und über deine Beobachtungen, Befürchtungen. Die teilen sicher Viele. Haben die Alle silber im Haar? Ich habe ihn fleissig geteilt. Neulich sah ich mit meinen Teenager-Töchtern eine coole Sendung mit Jugendlichen. Es ging u. a. über Smartphones. Drei Tage ohne? Unvorstellbar!! Die Dinger verwachsen mit ihren Händen. Schlimmer noch – Herz und Hirn verschmelzen mit den Inhalten ohne sie echt zu würdigen oder hinreichend kritisch zu konsumieren. Außerdem las ich neulich einen Blogbeitrag von einer 29jährigen – es ging um die Frage, warum sie und ihresgleichen sich wider besseren Wissens so… Weiterlesen »

Markus
Gast

Hallo Cornelia, danke für Deinen Kommentar. Ich bin auch vorsichtig optimistisch, was die junge Generation angeht. Aber das kommt nicht von selbst, wir müssen dazu neue Kulturtechniken erlernen und vermitteln.

Ilja Preuß
Gast

Ich glaube, dieser Fokus auf den Effekt der Digitalisierung auf die Arbeit zeigt, wie sehr wir noch im „alten Denken“ stecken. Arbeit ist getrennt vom Rest des Lebens, und eine Störung. Wenn ich das ablege, sehe ich, dass es um ein viel allgemeineres Thema geht, das auch gar nicht neu ist. Ich habe mich lange selber unter Druck gesetzt, ans Telefon zu gehen, wenn meine Eltern anrufen. Inzwischen mache ich das nicht mehr, und das gefällt ihnen nicht immer. (Note to self: mal wieder anrufen.) Aber ich kann da selbstbewusst und mit Liebe zu stehen. Und das gleiche will ich… Weiterlesen »

Alexander Gerber
Gast

Hallo Markus, das Wesen dessen, was hier als Problem umkreist wird, hast Du angerissen aber aus mir verborgenen Gründen nicht benannt. Das, was Smart Devices für uns tun und tun können ist managen. Nicht umsonst wird die Verwaltung der Arbeit im NewWork-Zusammenhang denen zurückgegeben, die am meisten davon verstehen: den Arbeitern. Was also können Smart Devices und alle KI dann noch für uns tun?` Sie können uns das abnehmen oder zumindest vereinfachen, was uns davon abhält das zu tun, wofür wir dann auch zu Recht bezahlt werden. Sie können gebundene Kräfte freisetzen, die uns dann zu einer erstaunlichen Erkenntnis bringen.… Weiterlesen »

Markus
Gast

Hallo Alexander, ich halte diese optimistische Variante der Zukunft der Arbeit (KI macht das langweilige Zeug, wir verwirklichen uns selber) für möglich, aber nicht gesichert. Bisher zumindest zeigen alle Statistiken in die umgekehrte Richtung: Die gut ausgebildeten arbeiten immer mehr. Ich hoffe natürlich auch, dass Du Recht behältst. Es wird aber in jedem Fall noch eine Weile dauern, bis dieses Szenari für eine signifikante Anzahl von Arbeitnehmern eintritt. Das der „Digitalen Erschöpfung“ ist heute schon aktuell.

Björn
Gast
Björn

Hallo Markus,
Das der Mensch nur linear denken könne, dem möchte ich widersprechen. Ich bin der Überzeugung, dass der Mensch exponentiell denken kann, wenn er es will. Dazu ist der Verstand aber nicht der geeignete Partner, sondern die Intuition und der Verstand Hand-in-Hand.

HG
Björn

Markus
Gast

Hallo Björn, ich bin da in Wahrheit kein Experte, lese aber in verschiedenen Quellen immer wieder, dass die exponentielle Veränderung eben doch sehr schwer für den evolutionär auf lineare Entwicklungen trainierten menschlichen Verstand zu verarbeiten ist. Ich würde dem auch intuitiv zustimmen. Wenn Du andere Quellen hast, würde mich das interessieren.

Susanne Neunes
Gast

Hallo Markus, Danke für den Artikel. Dann gehe ich mal los und hole mir das Buch. Ich beschäftige mich auch mit den unerwünschten Nebenwirkungen der neuen Arbeitswelt, kann Deinen Vegleich mit dem Schachbrett nur unterstützen und bezüglich Deiner Einschätzung zum Tempo bin ich auch ganz auf Deiner Seite. Letztendlich ist die Komplexität/das Neue durch die üblichen Denkweise nicht steuerbar (falls das überhaupt geht). Es ist so toll, dass mittlerweile so viele Firmen agiler, hybrider oder was auch immer werden, aber raus kommt manchmal nur das altbekannte Multiprojektmanagement mit Multitasking, unklaren Zuständigkeiten, langen Diskussionen darüber wie man die intrinsische Motivation noch… Weiterlesen »

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