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Wie geil ist das denn?! New Work ist im Mainstream angekommen – und nun?

Wie geil ist das denn?! New Work ist im Mainstream angekommen - und nun?

Bildnachweis: © stockasso – depositphotos.com

Ein wenig Rückschau gibt uns den richtigen Boost, um vorwärts zu kommen: In diesem Sinne nahm ich mit meiner Keynote auf dem diesjährigen pathfinder-Festival in Berlin ordentlich Anlauf, um gedanklich in eine Zukunft zu springen, in der uns wir aufs Neue befreien:

Wir haben uns bereits vom Taylorismus befreit und uns eine neue Souveränität in der Arbeitswelt erschaffen. Nun sehe ich die Chance, uns auch von einer neuen Art des Paternalismus zu befreien, der droht, uns die politische Souveränität zu entziehen. Davon möchte ich Dir hier erzählen.

Am Anfang war das Feuer

Aber von Anfang an. Ich beginne bei einem ganz persönlichen Feuer, dass mich damals entzündete: Für mich war Lean Management der Anfang. Ich hatte Mitte der 90er Jahre gerade an der Uni Hannover mit meiner Promotion begonnen, als ich das erste Mal mit Lean intensiv in Kontakt kam – und sofort war ich begeistert von den ganzen neuen Ideen, wie Arbeit organisiert werden kann. Rund zehn Jahre später kam »Agil«, und ich war mir sicher: Das ist wie Lean für die Softwareindustrie, wie geil ist das denn?! »In your face, liebe Betontayloristen«, es geht euch an den Kragen. Was für eine Aufbruchstimmung. Dann hörte ich später das erste Mal von New Work, für mich war es die logische Weiterführung von Lean Management und Agilität.

Seit der Zeit haben wir alle eine spannende Reise hingelegt. Und – Schulterklopfer – viel erreicht, was freiere Arbeitsorganisation angeht.

New Work ist im Mainstream angekommen

Heute ist New Work in der Mitte der Arbeitswelt angekommen. New Work gehört inzwischen zum Mainstream. In etwa so, wie Schlagermusik zum Mainstream gehört. Längst nicht jeder hört gerne Schlager, nur ein recht kleiner Teil der Bevölkerung tut dies. Und manche verabscheuen ihn sogar und trotzdem – vielleicht auch deswegen – gehört Schlager zum Mainstream, man reibt sich dran oder liebt ihn. Aber kaum jemand schüttelt achselzuckend weil unwissend den Kopf, wenn er auf Schlager angesprochen wird.

So ist es auch bei »New Work«. Die Idee ist mittlerweile in vielen Köpfen präsent, die Menschen haben den Begriff in die Unternehmen hineingetragen. Dort hat sich diese Art über Arbeit zu denken festgesetzt und ausgebreitet: Kein Unternehmen kann sich der Diskussion beispielsweise um Home Office und Sabbaticals mehr entziehen.

Natürlich sind Home Office und Sabbaticals für sich allein genommen nicht »New Work«, aber diese Möglichkeiten sind ein deutlicher Ausdruck einer Arbeitswelt, die sich verändert hat – und immer weiter verändern wird. Wir haben einen Point of No Return erreicht. In der Arbeitswelt gibt es für bestimmte Entwicklungen kein Zurück mehr. Kein Unternehmen kann sich der Diskussion um agiles Management mehr entziehen.

Jedenfalls ist es heute in der Arbeitswelt kaum noch möglich, New Work zu ignorieren. Klar, einige Branchen schaffen das dennoch. Augen zu und durch. Aber diese Branchen werden in 30 Jahren kaum noch existieren oder deren Akteure bleiben auf der Strecke. So weit lehne ich mich mal aus dem Fenster.

Gegen die Römer

Ideen entwickeln ja immer eine gewisse Eigendynamik. Sobald ein »-ismus« angehängt wird, ist es um den Ursprung der Idee meist geschehen – Taylorismus, Agilismus, New Work-ismus. Unabhängig von den ursprünglichen Begriffen führt New Work schon länger ein Eigenleben, entwickelt sich weiter, entspricht heute meist nicht mehr dem, was Frithjof Bergmann damals in seinem Ursprungspostulat darlegte.

Ist das gut? Ist das schlecht? Das möchte ich nicht entscheiden. Aber ich beobachte, dass sich der New Work-ismus ausdifferenziert: Es gibt brettharte Debatten darum, was nun »richtiges« und »falsches« New Work ist, wie eine Methode aus dem Agilismus-Baukasten denn nun ganz genau angewendet werden müsse.

Die Akteure kommen aus der Technik, der Sozialforschung, sogar aus der Politik. Es sind Unternehmer dabei, viele HRler, viele Enthusiasten aus allen Gebieten. Und sie schimpfen bitterlich aufeinander oder liken gegenseitig Facebook-Posts, die Poesiealbum-Einträgen gleichen.

Manchmal erinnert mich das an »The Life of Brian«, an die schöne Szene rund um die »Judäische Volksfront«, die nur zwei Gegner kennt: die bösen Römer und die »Volksfront von Judäa«. Glaubenskriege innerhalb einer Szene beweisen vor allem, dass die Szene wächst und die Abgrenzung nicht mehr nur nach außen geführt werden muss.

Auch diese Ausdifferenzierung sehe ich als Beleg für meine These, dass New Work im Mainstream angekommen ist.

Und weiter: Es gibt inzwischen mehrere Filme zum Thema, und diese laufen schon im Fernsehen und im Kino. Die »Augenhöhe«-Dokus oder der »Musterbrecher«-Film sind nur zwei der vielen Projekte mit großer Reichweite.

Keine der arrivierten Zeitschriften kommt mehr ohne das Thema aus, und das nur, weil sie Informationsdefizite bei den Rezipienten vermuten – alle wollen schließlich wissen, wie sie aussieht, die neue Arbeitswelt, die eigentlich schon die aktuelle Arbeitswelt ist.

Ich freue mich darüber, dass New Work Mainstream geworden ist. Ich bin dankbar, in einer Welt zu leben, die schon so viele Umbrüche in der Arbeit bewältigt hat.

Die Ära des Taylorismus ist vorbei

Worauf ich hinaus will: Der New Work-ismus hat eine Ära des Paternalismus beendet. Paternalismus stammt vom lateinischen »Pater« (»der Vater«) und ist eine sehr verbreitete Herrschaftsform, die im übrigen genauso auch von Frauen in Form von Maternalismus ausgeübt werden kann (die feinen Unterschiede sollen nicht unterschlagen werden, tun hier aber nicht zur Sache). Der Volksmund bringt Paternalismus so auf den Punkt: »Zuckerbrot und Peitsche«.

Und genau diesen Zuckerbrot und Peitsche-Paternalismus haben wir auf unserer Reise hinter uns gelassen. Selbstredend kennen wir alle noch Chefs, die diese Form des Paternalismus praktizieren, aber er wird inzwischen geächtet. Darüber wird gesprochen, kaum noch einer kommt einfach damit durch.

Die Welt ist nicht vollständig auf den Kopf gestellt worden, schon klar. Die Wirtschaft dreht sich nach wie vor um die Wirtschaft. Aber die Menschen im Unternehmen sind nicht mehr nur noch Maschinen mit Harndrang, sondern das was sie sind: Lebewesen mit Ideen, Gefühlen und Bedürfnissen.

Die Ära des Taylorismus ist vorbei! Wie geil ist das denn? Und was noch geiler wäre: Wir bekommen noch einen anderen Ismus in den Griff. Eine neue Form des Paternalismus, die Deine und meine Souveränität bedroht.

Wider eine neue Form des Paternalismus

Diese neue Art des Paternalismus kommt nobler daher, als der alte »Zuckerbrot und Peitsche«-ismus. Dafür ist er wesentlich subtiler, und das macht diese neue Bedrohung sogar noch gefährlicher. Wie Du hier Gefahr läufst, Deine Souveränität zu verlieren – und was ich dagegen zu tun vorschlage, habe ich auf dem pathfinder Festival ausführlich dargelegt. Schau doch mal rein.

Frohe Weihnachten wünscht,
Dein Lars Vollmer

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Sachbücher über Wirtschaft und Gesellschaft, wenn er nicht gerade für intrinsify unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk GmbH nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Nach seinem Wirtschafts-Bestseller »Zurück an die Arbeit« und dem Ende 2017 veröffentlichtem Buch »Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen« erscheint nun im Januar 2019 sein neues Buch »Gebt eure Stimme nicht ab! Warum unser Land unregierbar geworden ist«.

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BIrgit Sturm
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Danke, danke, danke für diesen wunderbaren Beitrag! Wenn Menschen wirklich frei und selbstverantwortlich denken und handeln, entsteht so unglaublich viel Energie, Zugkraft und Freude! Wir brauchen selbstbestimmte Menschen, die unsere Zukunft, die Zukunft unserer Unternehmen, die Zukunft unserer Erde gemeinsam gestalten! Ich freue mich schon jetzt auf Dein neues Buch!

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