Regression zur Mitte: Wie Du bei der Führung von Mitarbeitern Deine Wirkung überschätzt

Ein Beitrag von: Mark Poppenborg
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Warum wir mithilfe der Falsifikation besser fragen sollten, warum etwas nicht geht

‚Irgendwas stimmt mit Martens nicht. Ich bin doch ganz anderes von ihm gewohnt…‘ Wenn du als Chef so etwas denkst, dann bist du ratzfatz in der Pflicht, oder?

Eine Führungskraft hat schließlich dafür zu sorgen, dass ihre Schäfchen zur Höchstform auflaufen. Und davon auch bestenfalls nie wieder abrücken.

Was tust du also als verantwortungsbewusster Chef? Richtig. Du bestellst Martens in dein Büro. Und weil du einer von den Guten bist, weißt du auch, dass Druck nichts bringt.

Du sorgst also dafür, dass Martens sich in deinem Büro wohl fühlt. Du lobst ihn ein bisschen. Du sagst, dass er sich getrost immer melden kann, wenn er mal Fragen hat. So ein richtig gutes Chef-Gespräch eben.

Und siehe da, nur wenige Tage später blüht Martens so richtig auf. Seine Arbeit wird besser – er leistet wieder so, wie du es dir wünschst. Zufrieden klopfst du dir auf die Schulter.

Denn du bist dir ganz sicher, dass zwischen deiner Handlung und dem beobachteten Resultat ein Zusammenhang besteht. Dass Martens jetzt zur Hochform aufläuft, weil du ihn gehörig motiviert hast. Ist doch offensichtlich.

Und weil dein Weg so erfolgreich war, sollen andere davon profitieren. Gute Erfahrungen soll man schließlich weitergeben.

Klappt auch beim nächsten Mal. Plumps.

Du erzählst also anderen Führungskräften von deinem Erfolg. Gemeinsam setzt ihr euch hin und entwickelt ein Best-Practice-Vorgehen. Ein Vorgehen dafür, wie man mit Situationen, in denen Mitarbeiter offensichtlich durchhängen, umgeht.

Komischerweise klappt dieser Weg dann nicht immer. Aber meistens werdet ihr gemeinsam in eurer Annahme bestätigt. Kein Grund zur Sorge also.

Reingefallen.

Zumindest besteht die Möglichkeit, dass du hier einem klassischen Phänomen auf dem Leim gegangen bist: Der sogenannten „Regression zum Mittelwert“. Dieses Phänomen sorgt liebend gern für einen handfesten Denkfehler – nämlich, dass die Entwicklung eine Ursache hat und exakt so weiter geht. Und damit bist du so was von NICHT alleine.

Heißt konkret?

„Regression zum Mittelwert“ beschreibt ein Phänomen, bei dem ganz natürliche Schwankungen um einen Mittelwert stattfinden. Sei es beim Würfeln, beim Abo unserer E-Mail Challenge oder meines Paleo Jerkys – oder eben auch beim Mitarbeiterverhalten.

Nehmen wir mal das Würfeln. Man wirft hintereinander weg, und mal kommt eine „Fünf“, mal eine „Zwei“ usw.. Im Durchschnitt werfen wir eine 3,5. Und um diesen Wert schwankt die „Leistung“.

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Nach einem „Ausreißer“ wird sich der nächste Wert mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder in Richtung Mittelwert bewegen. Und so ist es bei einer „Eins“ nicht unwahrscheinlich, dass man beim nächsten Wurf wieder besser da steht.

Wenn euer Kleiner also beim „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“ den Würfel bespricht und seiner Hand verschwörerisch einen leichten Links-Kick gibt, kann das klappen. Und wenn dann die „Sechs“ auf dem Tisch liegt, darf er getrost ein triumphierendes „Siehste“ in die Runde brüllen.

Sei ihm gegönnt. Doch was er jetzt nicht machen darf, ist auf eine Wiederholung zu hoffen. Denn sobald auch nur ein bisschen Zufall im Spiel ist, wird das nach hinten losgehen. Der nächste Wurf wird trotz Links-Kick wohl kleiner als „Sechs“ sein.

„Wenn…, dann…“ Das ist der Stoff, aus dem unsere mechanistischen Träume sind.

Wenn ich „dies“ tue, dann passiert „das“. So stellen wir uns die Welt ganz greifbar, determinierbar und steuerbar vor. Wir wünschen uns, dass die „Sechs“ kommt, WEIL wir den Links-Kick gemacht haben.

Wir wünschen uns, dass Martens sich positiv entwickelt, WEIL wir mit ihm gesprochen haben.

Doch sogar wenn man über sehr lange Zeit eine Korrelation, also eine gleich wirkende Entwicklung, zwischen zwei Phänomenen beobachtet, also zwischen deinem Führungsverhalten und dem Verhalten deiner Mitarbeiter beispielsweise, muss das noch gar nichts heißen.

Sex macht reich. Oder nicht?

Das Alter der „Miss Amerika“ korreliert zwischen 1999 und 2008 geradezu perfekt mit den Morden, die mit heißen Gegenständen und Dämpfen begangen wurden. Aber ein kausaler Zusammenhang ist wohl eher unwahrscheinlich. (Hier findest Du noch einige weitere dieser seltsamen Beispiele.)

Das würde auch so leicht keiner glauben. Bei derart skurrilen Sachverhalten, ist die Gefahr eher gering, dass wir leichtfertig in die Denkfalle tappen. Da würde jeder sicher sofort sagen: „Nee. Logisch. Zufall.“

Aber wenn es auch nur einen Hauch verständlich erscheint, zappeln wir im Netz. Dann halten wir Korrelation für Kausalität.

Bei unserer Geschichte mit dem Führungsverhalten ist das genauso ein Ding. Es ist absolut MÖGLICH, dass die Leistung von Martens nach oben schnellt, WEIL ihr beide so perfekt miteinander gesprochen habt.

Möglich, ja. Aber nicht zwingend. Es ist völlig normal, dass Leistung schwankt. Und dass sich die Werte nach oben entwickeln, nachdem ihr miteinander gesprochen habt, KANN durchaus etwas mit eurem Gespräch zu tun haben. Es kann aber ebenso gut Zufall und eine Ausprägung des normalen Schwankens sein.

Beton gehört auf die Baustelle. Nicht in den Kopf.

Ziemlich vermintes Gelände, oder? Manche Annahme ist richtig, manche ist falsch. Aber wenn wir in die Falle tappen, betonieren wir beide.

Wie können wir das verhindern? Wie verhindern wir, dass sich unsere Annahme mit jeder, möglicherweise zufälligen, Bestätigung immer weiter verfestigt? Der beste Weg: Sich im Kopf völlig locker machen.

Du wirst immer Gründe finden, warum Deine Annahmen stimmen. Dieses Bestätigen, auch Verifizieren genannt, sind wir letztlich gewohnt.

Der Gegenspieler: Falsifizieren. „Der Falsifikationismus geht davon aus, dass eine Hypothese niemals bewiesen, aber gegebenenfalls widerlegt werden kann.“ Dieser Satz aus einem Wikipedia-Artikel trifft es meiner Meinung nach perfekt.

Unser Tipp: Suche nicht nach Bestätigung deiner Überzeugung, sondern nach Gegenbeweisen und Entkräftung!

Suche nach Beispielen, indem deine Annahmen NICHT stimmen. Wenn Du auch nur eines findest, hast du einen guten Grund, deiner inneren Theorie zu misstrauen.

Auf diese Weise gelangst du deutlich schneller zu nützlichen Erkenntnissen – zu Erkenntnissen nämlich, die einer Realität entsprechen und nicht nur für ein bequemes „Kopfkino“ sorgen.

Wenn du also glaubst, dass ein Lob deiner Mitarbeiter zu neuen Höchstleistungen führt oder meinetwegen auch ein ordentlicher Tadel – oder was auch immer, dann versuche dich selbst davon zu überzeugen, dass deine Annahme falsch ist.

Denn dann weißt du wirklich, was Sache ist und extrapolierst nicht einfach munter vor dich hin.

Sei doch nicht so negativ!

Dieses Vorgehen ist zwar extrem wirkungsvoll, kommt im Alltag jedoch schrecklich destruktiv daher. Sucht es doch stets nach Ansätzen, warum etwas eben gerade NICHT geht.

Und damit schafft man sich nicht nur Freunde: „Sei doch nicht so negativ. Lass uns doch lieber überlegen, was geht“, kommt prompt der Gegenentwurf zurück. Fast schon vorwurfsvoll. So, als beginge ich eine moralische Verfehlung.

Dass man bei der Falsifizierung eine viel größere Wirkung erreicht, wird in solchen Momenten gern ignoriert.

Übrigens: Wenn ich Dinge benenne, die nicht gehen, dann lasse ich auch die Denkverantwortung bei demjenigen, der gerade das Problem hat. Wir haben ja schon darüber geschrieben, wie wichtig es ist, dass derjenige die Entscheidung trifft, der auch die Konsequenzen dafür trägt.

Doch wenn alles schreit: „Wie geht das? Wie führe ich heute richtig?“, dann ist nach wie vor derjenige willkommen, der sagt, wie es geht. Und eben nicht derjenige, der sagt wie es nicht geht. Der Knaller ist aber letzterer.

Zugegeben, es ist nicht so einfach, sich selbst ein Bein zu stellen. Wir wünschen euch aber, dass ihr den Mut habt, nach dem „Geht nicht“ zu suchen. Für mehr happy working people!

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Lydia
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Lydia

Huh, so viel Logik macht die Welt so kompliziert. Mein Hirn bewegt sich allzu gerne in der schlichten Wenn-das-dann-das-Komfortzone. Andererseits, wenn ich das Hirn einschalte, finde ich es grundsätzlich fragwürdig, Rezepte aus Einzelbeispielen abzuleiten. Wenn das gleiche Vorgehen beim gleichen Mitarbeiter das nächste Mal nicht ‚funktioniert‘, muss das nicht heißen, dass es beim ersten Mal keinen Zusammenhang gab. Vielleicht war es in dem Moment genau das, was Martens brauchte. Oder die Verbesserung war mulitkausal (noch wahrscheinlicher): Martens Stimmung war gerade wieder grundsätzlich auf der aufsteigenden Welle, er ist zum Vorsitzenden des Heimatvereins gewählt worden und nun hat auch noch sein… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Ganz der gleichen Meinung, Lydia. Zur Resignation soll keiner unserer Artikel einladen, nur Denkpfade eröffnen.
Danke auch. LG

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Geschrieben von

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Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Montag, 10. August 2015
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