Test: Wie fragil ist Euer Unternehmen?

Ein Beitrag von: Mark Poppenborg
Wie fragil ist Euer Unternhemen?

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4 Fragen, die euch zeigen, wie fragil euer Unternehmen ist

Vielleicht kennt ihr das auch? Ihr sucht eine Wohnung. Ihr habt etwas gefunden, das gut passen würde. Nach dem Besichtigungstermin überreicht euch der Vermieter lässig einen Bewerbungsbogen.

Neben den persönlichen Daten steht da immer auch die Frage nach dem Arbeitgeber. Wo seid ihr angestellt? Und was steht monatlich auf euerm Gehaltsscheck?

Und wehe, ihr seid selbstständig, führt ein eigenes Unternehmen oder arbeitet freiberuflich! Der Vermieter zieht die Augenbrauen hoch und legt die Stirn in Falten. Da wisst ihr, ihr seid raus aus dem Rennen.

Warum zuckt er zurück, der Vermieter? Weil er Angst hat. Angst, dass ihr als Freiberufler nicht in der Lage seid, die monatliche Miete sicher zu überweisen. Als Angestellter jedoch ist das für ihn gar keine Frage. Das läuft.

Wirklich?

Ist denn sicher, dass der Kahn, bei dem ihr angeheuert habt, wirklich erfolgreich über die Weltmeere kurvt?

Möglicherweise schillert der Name zwar noch am Bug, aber euer Kahn läuft bereits Gefahr, in existenzielle Bedrohung zu geraten. Wer weiß?

Fragil oder robust?

Gut, wenn du ein Gefühl dafür hast, wie es um dein Unternehmen bestellt ist – egal, ob Du Unternehmer, Geschäftsführer, Vorstand, Mitarbeiter oder Praktikant bist. Diese vier Fragen können Dir helfen, das Risiko etwas besser einzuschätzen.

Test zur Fragilität eines Unternehmens

Frage 1: Wie hoch ist der Zentralisierungsgrad von nicht-repetitiven Aufgaben auf einer Skala von 1-10?

1 Punkt: Alle Entscheidungen werden am Ort des Geschehens getroffen. Dort nämlich, wo das Wissen zur Problemlösung am Größten ist.

5 Punkte: Mitarbeiter fassen sich immer mal wieder an den Kopf, weil etwas zentral entschieden wurde, das überhaupt nicht zum Problem passt – und sie jetzt wieder eine Behelfslösung finden müssen.

10 Punkte: Hier gibt es nur noch Dienst nach Vorschrift. Es herrschen so viele Regeln, Prozessanweisungen und zentrale Vorgaben, dass man aus den Behelfslösungen gar nicht mehr rauskommt und ständig gegen das System arbeiten müsste, um noch im Sinne des Kunden zu agieren. Das wird irgendwann so anstrengend, dass man einfach aufgibt.

Frage 2: Wie viele Verbindlichkeiten hat das Unternehmen?

1 Punkt: Das Unternehmen ist komplett durch Eigenkapital finanziert und hat große Liquiditätspuffer, um auf Überraschungen zu reagieren. Sämtliche Verträge und Verpflichtungen sind kurzfristiger Natur.

5 Punkte: Das Unternehmen hat zwar einige Kredite, aber auch eine angemessene Liquidität, um auf ein überschaubares Maß an Überraschungen zu reagieren und Auftragsausfälle oder Zahlungsverzüge zu kompensieren. Mittelfristige vertragliche Verpflichtungen können auch ohne riesige Konventionalstrafen beendet werden.

10 Punkte: Das Unternehmen ist um ein Vielfaches seines Jahresgewinns verschuldet und hat nur sehr kurzfristige Liquiditätspuffer. Außerdem hängt es an langfristigen Verträgen.

Frage 3: Wie groß ist die persönliche Abhängigkeit der Entscheider?

Wie fragil ist Euer Unternehmen?

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1 Punkt: Der Entscheider hängt mit Haut und Haaren an dem Schicksal des Unternehmens– und das für lange Zeit. In der Regel ist er Anteilseigner, der bei positiver Unternehmensentwicklung stark profitiert, im Gegenzug jedoch schwere finanzielle Verluste inkl. Gesichtsverlust fürchten muss.

5 Punkte: Den Entscheider trifft es zwar unangenehm, wenn sich das Unternehmen in die falsche Richtung entwickelt, er muss aber keine schwerwiegenden finanziellen Folgen erleiden. Ohne weiteres kann er das sinkende Schiff verlassen und zu einem anderen Unternehmen wechseln.

10 Punkte: Der Entscheider profitiert – wenn überhaupt – ausschließlich von einer positiven Entwicklung (z.B. durch große Boni). Seine Anstellung ist nur auf eine gewisse Zeit angelegt, wie beispielsweise beim Vorstand einer börsennotierten AG. Sein Anreiz? Kurzfristig gut dastehen, um sich für den nächsten Job attraktiv zu machen. That‘s it.

Frage 4: Wie groß ist die Dynamik des relevanten Marktes?

1 Punkt: Für die Kunden des Unternehmens gibt es kaum ernsthafte Alternativen, sodass der Innovationsdruck sehr gering ist. Preis und Qualität müssen vom Kunden mehr oder weniger „geschluckt“ werden.

5 Punkte: Es tummeln sich Wettbewerber im Markt, die durch Innovationen technischer, prozessualer oder sozialer Natur immer wieder zu eigenen Innovationen zwingen. Aber alles in verträglichem Maß.

10 Punkte: Der Markt ist ein einziges Haifischbecken. Eine Veränderung jagt die nächste und Kunden können innerhalb weniger Monate abspringen.

Fertig? Gut.

Dann wollen wir mal reflektieren. Keine Sorge. Wir werden jetzt nicht à la Brigitte-Test die Punkte zusammenzählen und die jeweilige Unternehmens-Schublade beschriften. Nur so viel: Je höher die Summe deiner Punkte, desto fragiler ist dein Unternehmen wahrscheinlich. Heißt im Klartext: Je mehr Punkte, desto schneller kann es vorbei sein.

Warum ist das so? Gehen wir die einzelnen Punkte durch:

Warum macht Zentralisierung fragil?

Zentralisierung führt dazu, dass Mitarbeiter immer irgendeinem vorgegebenen Prozess, einer Regel oder einer Anweisung folgen müssen.

Doch diese Vorgaben sind in der Regel meilenweit weg vom Ort des Geschehens und damit von der aktuellen Situation, sprich, ob sie passen oder nicht, entscheidet eher Zufall als Kompetenz. Über die Güte der Lenkbewegungen müssen wir da nicht weiter reden. Mit steigender Dynamik am Markt werden auch die Fehlentscheidungen offensichtlicher – und gefährlicher.

Je stärker nun die Einhaltung der Regeln auch noch kontrolliert wird, desto weniger sind Mitarbeiter bereit, im Sinne der Wertschöpfung Ausnahmen zu machen. Weil sie dann stets mit persönlichen Konsequenzen rechnen müssen. Und, mal ehrlich, wer holt sich schon freiwillig eine blutige Nase?

Und noch etwas für das „Fragilitätskonto“: Zentralisierung fördert Einzelkämpfertum, da Vorgaben sehr häufig auf individuellen Messungen beruhen. Mit Einzelleistung können Unternehmen aber heute keinen Blumentopf mehr gewinnen. Vielmehr macht Kooperationsbereitschaft wie das gefällige Über-Die Schulter-Schauen beim Kollegen oder das sachorientierte Priorisieren einer Aufgabe heute wirkliche Leistungsfähigkeit aus. Zentralisierung treibt diese Kooperationsbereitschaft aus. So verblödet die Organisation und verliert ihre Innovationsfähigkeit.

Zentrale Fehlentscheidungen + Einzelkämpfer, die Dienst nach Vorschrift machen = fragil

Warum sind Verschuldung und langfristige Verpflichtungen gefährlich?

Langfristige Verträge sorgen dafür, dass Unternehmen gegenüber Lieferanten, Partnern oder Kunden Leistungen erbringen oder beziehen müssen, die schon längst nicht mehr dem Marktstandard entsprechen oder meilenweit am eigenen wirtschaftlichen Ideal vorbei laufen. Das macht das Unternehmen unflexibel und veränderungsresistent.

Hohe Schulden verpflichten zu Zugeständnissen – zu Entscheidungen, die man ohne sie nicht treffen würde. Das Unternehmen muss damit eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit und gefährliche Restriktionen in Kauf nehmen.

Unbeweglich + starke Belastungen = fragil

Warum gefährden Manager auf Zeit den langfristigen Erfolg?

Im alten Rom hat man den Architekten der Brücke bei der Einweihung unter die Brücke gestellt. Warum? Nun, damit war diesem von Anfang klar, welches Risiko er bei seiner Konstruktion persönlich eingeht. Und er wird sich folglich so was von reinhängen. „Skin in the game“, ist die englische Phrase, um diese persönliche „Haftung“ zu beschreiben. Um sich wirklich für ein Ziel verantwortlich zu fühlen, muss man die Konsequenzen tragen – und das auch von Anfang an wissen.

Je kleiner die persönlichen Konsequenzen für Entscheider sind, desto weniger gewissenhaft werden sie folglich mit ihrer Verantwortung umgehen. Schlecht fürs Unternehmen.

Kurze Verweildauer der Führungskräfte + Entscheidungen ohne persönliche Konsequenz = fragil

Warum macht Dynamik alles nur noch schlimmer?

Dynamik ist letztlich keine Eigenschaft des Unternehmens selbst und insofern ist dieser Punkt bei genauer Betrachtung nicht ganz passend in dieser Liste.

Dynamische Märkte sind deshalb dynamisch, weil es Unternehmen gibt, die Druck ausüben. Die leiden aber nicht unter der Dynamik.

Leiden tun die anderen, die diesen Druck nicht auslösen, nicht auslösen KÖNNEN. Wenn wir also ein angeschlagenes Unternehmen in einem dynamischen Markt haben, dann werden die hohen Wellen dieses Unternehmen viel schneller in Gefahr bringen als die ruhige See in einem trägen Markt. Hier kann es sicher noch eine ganze Weile vor sich hin dümpeln.

Fragiler Kahn + hohe Wellen = fragil²

Diese Liste ist beim besten Willen nicht vollständig. Natürlich kann auch eine veraltete Produktpalette oder eine Gesetzesänderung oder der Firmensitz oder ähnliches entscheidend sein. Und trotzdem bietet diese Liste eine schöne Grundlage für eine gemeinsame Diskussion im eigenen Unternehmen.

Wie fragil ist euer Unternehmen? Diskutiert es doch mal im nächsten Workshop mit Euren Kollegen

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Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Donnerstag, 17. März 2016
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