Theorie und Praxis: Warum sie kein Gegenteil sind

Ein Beitrag von: Mark Poppenborg
Theorie und Praxis: Warum sie kein Gegenteil sind

Photonachweis: © prettyvectors – depositphotos.com

Wer behauptet Theorie sei das Gegenteil von Praxis, macht es sich zu einfach.

Der Abteilungsleiter ist verzweifelt. Mal wieder. Es zieht sich wie Kaugummi. Seiner Mannschaft fehlt einfach die nötige Eigeninitiative. Und von Motivation ist leider auch nicht viel zu spüren. Dabei hat er schon so viel versucht. Bisher jedoch leider vergebens.
Und so setzt er jetzt auf den Rat von außen: Ein Berater wird gerufen. Der versteht sein Handwerk und liefert eine Theorie – darüber, wie Motivation funktioniert und unter welchen Bedingungen Menschen motiviert sind. Doch unserem Abteilungsleiter ist das zu abstrakt. „Geht das nicht konkreter? Praktischer?“Ein anderer Berater verspricht umsetzbares Methodenwissen. Motivation durch KVP (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess). Mit sofortigem Nutzen. Na, das klingt doch schon besser. Unser Abteilungsleiter ist begeistert von den konkreten Schritten, die die Methode vorsieht. Schnell steigt er in die Umsetzung ein.

Die Mitarbeiter sollen ab sofort Verbesserungsvorschläge an einem sogenannten KVP-Board sammeln. Vorschläge, die an der Wand landen, folgen anschließend einem festen Schema – bis sie zur Umsetzung kommen. Die Mitarbeiter wehren sich zwar etwas gegen die Methode, weil sie ihnen unpassend erscheint, aber man legt trotzdem los.

Schnell stellt man aber fest, dass die neue Methode eher als „Klagemauer“ genutzt wird. Die Mitarbeiter haben mit den KVP-Wänden eine neue Möglichkeit gefunden, Dinge durchzusetzen, denen der Chef vorher einen Riegel vorgeschoben hat.

Natürlich kann der Chef dieses Mal die Werkzeugbestellung schlecht verweigern, schließlich kommt sie über die neue Wunderwaffe. Wenn er jetzt „Nein“ sagt, würde er signalisieren, dass die KVP-Boards doch nichts taugen. Also winkt er durch.

Die Fälle nehmen aber zu, und am Ende muss er doch die Notbremse ziehen. Resigniert sieht er sich mal wieder bestätigt: Die Mitarbeiter denken nur an sich – und eben nicht im Sinne des Ganzen. Mist. Die Methode allerdings hinterfragt keiner…

Eine Methode ist ein Rezept. Für einen ganz konkreten Kuchen.

Was hier passiert, ist geradezu ein Klassiker: Es gibt ein Problem. Dafür nimmt man sich eine Methode zur Hand. Und die soll das Problem lösen. Klappt aber nicht. Und eben nicht, weil es in der Anwendung hakt. Nein, die Methode passt nicht zum Problem!

Ihr braucht einen Pflaumenkuchen, habt aber das Rezept für Lasagne am Wickel. Kann nichts werden.

Noch schwieriger wird es, wenn Ihr noch gar nicht wisst, was Ihr kochen oder backen wollt! Dann könnt Ihr in den Rezepten kramen so viel Ihr wollt, es führt zu nichts.

Schauen wir mal genauer hin.

Ein Rezept kennen wir ganz gut aus der Küche. Dabei haben wir eine Liste aus ganz konkreten Handlungsanweisungen. Erst A, dann B und so weiter. Möglich sind auch Wenn-Dann-Regeln. Wenn A flüssig geworden ist, dann B langsam hinzugeben. Auf jeden Fall legt ein Rezept im Voraus fest, was passiert.

Am Ende kommt, sagen wir, ein Kuchen heraus, der gut schmeckt – vorausgesetzt, das Rezept war gut und man hat sich daran gehalten. Welche Person das Rezept befolgt, ist unerheblich. Jeder kann es anwenden und kommt zum selben Ergebnis.

Rezepte vertragen keine Überraschungen.

Das funktioniert logischerweise nur dann, wenn nichts Unerwartetes passiert. Wenn eben nicht der Strom ausfällt oder ich mir die linke Hand verstaucht habe und das mit dem Rühren nicht so recht klappt.

Und es funktioniert auch nur dann, wenn das Rezept genau zu dem Fall passt, den ich auf dem Schirm hatte.

Denn ein Rezept beinhaltet nicht nur jeden Prozessschritt, sondern immer auch den Einsatzzweck. Es bündelt alles Wissen, das zur Lösung des Problems nötig ist. Das heißt natürlich auch, dass man Rezepte nur dann verwenden kann, wenn man bereits genügend Wissen besitzt, um ein Problem zu lösen. Sobald eine Überraschung auftritt versagt das Rezept.

Wenn also meine Gäste anrufen und mir von ihrer Gluten-Unverträglichkeit berichten, kann ich mein schönes Rezept in die Tonne schmeißen. Dann muss ich mir etwas anderes überlegen.

Abweichen verboten. Schade.

Wenn ich dann trotzdem den Kuchen wie geplant backe, wird es zwar ein Kuchen. Klar. Den isst aber keiner.

Und: Wenn ich ein KVP-Board Top-Down einführe, wird es sicher ein KVP-Board, hilft aber niemandem.

Oder auch standardisierte Brainstormings. Denkt mal an eigene Workshops zurück. Dann kennt Ihr bestimmt das ungute Gefühl, wenn Ihr einem bestimmten Brainstorming-Prozess folgen sollt – obwohl Ihr gerade merkt, dass es viel sinniger wäre, einen ganz konkreten Gedanken weiterzuspinnen, dem sich alle schon längst verschrieben haben.

In einem solchen Fall wird das Rezept plötzlich zur selbst geschaffenen Autorität. Und die steht der eigentlichen Lösung dann heftig im Weg.

Ein Rezept schreit. Ein Werkzeug schweigt.

Wenn ein Prozess mit Unsicherheit behaftet ist, dann bringt uns ein Rezept bzw. eine Methode eben nicht weiter. Dann brauchen wir etwas anderes. Etwas, das uns mehr Freiheiten lässt Freiheiten für eigene Ideen.

Da kommen die Werkzeuge ins Spiel. Werkzeuge legen ihren Einsatzzweck eben nicht selbst fest. Sie taugen nur im Zusammenhang mit einer Idee. Nehmen wir beispielsweise einen Schraubenzieher. Den nutzt man zwar oft, um Schrauben einzudrehen. Stimmt.

Genauso gut kann man damit aber auch eine Bierflasche öffnen, ein Auto knacken oder auch einen Mord begehen. Und vor allem noch viele andere Dinge tun – auf die wir gerade nicht kommen. Wenn Ihr Kinder habt, ahnt Ihr vielleicht, was ich meine…

Beispiele für Werkzeuge sind unser Schraubenzieher, ein Flipchart, die Kulturinterviews, die ich oft in Unternehmen mache oder auch ein KVP Board, das ohne Top-Down Anleitung daher kommt. Und die Theorie. Was ist nun Theorie?

Theorie ist ein Werkzeug. Wie praktisch.

Eine Theorie entsteht immer als Versuch, die Realität abzubilden. Sie sagt jedoch nie: So IST die Welt. Eine Theorie gibt also keine Anleitung. Sie ist keine Methode. Kein Rezept. Sie ist vielmehr ein Werkzeug, das zusammen mit einer Idee einen Nutzen haben kann.

Deshalb kann eine Theorie auch nie falsch oder richtig sein. Sondern vielmehr nützlich oder eben nutzlos. So wie jedes Werkzeug. Mal hilft der Schraubenzieher, mal hilft er nicht.

Wenn man eine Theorie als praxisfern verschreit, dann sagt man nichts anderes als: „Ich habe keine Idee, wie ich diese Theorie nutzen kann.“ Oder schlimmer noch, wie in dem Beispiel oben mit den KVP-Boards: „Gib mir eine Methode, dann muss ich nicht auf eine Idee kommen.“

Nicht Theorie ODER Praxis, sondern Theorie IN der Praxis.

Theorie ist also nicht das Gegenteil von Praxis. Man würde ja auch nicht sagen, „Schraubenzieher versus Praxis“. Nein, Theorie kann in der Praxis helfen. Oder eben gerade nicht. Aber sie kann nicht „schuld sein“. Und auch nicht „zu abstrakt“.

Wenn man sagt: „Liefere mir eine praxisnähere Theorie“ ist das so wie: „Liefere mir einen praxisnäheren Schraubenzieher“. Würde keiner tun, oder?

Wenn Ihr nicht wisst, was Ihr mit dem Schraubenzieher anfangen sollt, dann ist Euch offenbar der Weg noch nicht so recht klar. Das Problem ist neu. Und wenn Ihr dann nach einer Anleitung ruft, tappt Ihr wieder rein in die „Rezeptfalle“.

Denn eine Bauanleitung bzw. ein Rezept, funktioniert ja gerade nicht, wenn das Problem neu ist. Wenn ich nicht so recht weiß, wie ich von A nach B komme. Wenn ich eben eine ganz neue Idee brauche.

Werkzeug + Anleitung = vergeigt.

Oft werden Werkzeuge zu Methoden degradiert, indem man sie mit einer Anleitung verknüpft. Irgendwo wurde beobachtet, dass eine Firma ein Board entwickelt hat. Dieses Werkzeug nutzte man dort, um die Arbeit zu koordinieren. Gute Idee. Klappt.

Ein Externer beobachtet dieses Werkzeug und denkt: „Oh, das muss ja auch anderswo funktionieren“. Jetzt macht er aus einer Beobachtung eine Methode: Er beschreibt die konkreten Schritte zur Anwendung dieses Werkzeugs. Und schafft damit wieder eine Autorität. Diese Anleitung, dieses Rezept ist fix. Es kann nicht mehr mit Überraschungen umgehen.

Und in diese „Rezeptfalle“ ist auch unser Abteilungsleiter mit seinen KVP Boards getappt. Er hat aus einem Werkzeug durch die Top-Down-Einführung eine Methode gemacht. Und: Die Methode passte noch nicht mal zum Problem. Denn das Problem waren nicht die unmotivierten Mitarbeiter, sondern vielmehr eine Organisationsstruktur, die Pflichterfüllung förderte und Verantwortungsübernahme bestrafte.

Die Mitarbeiter hatten über Jahre hinweg gelernt, dass es opportun ist, besser keine Entscheidungen zu treffen, weil sie damit immer ein Risiko eingingen. Die impliziten Botschaften der Methode „KVP Board“ standen jetzt der Organisationstruktur und den täglichen Erfahrungen diametral gegenüber. Gefordert waren jetzt zugleich mehr Verantwortungsübernahme und Pflichterfüllung.

Nicht dass Ihr mich falsch versteht. Ich halte extrem viel von KVP. Jedoch als ein Werkzeug, das Mitarbeiter mit ihren Ideen einsetzen. Wenn es sinnvoll ist. Nicht aber  als Methode, die Top-Down eingeführt wird.

Letztlich will ich weder Methoden, noch Werkzeuge verteufeln oder heilig sprechen. Wir brauchen beides.

Werkzeuge für neues Terrain. Jedes Rezept ist hier völlig nutzlos. Und wir brauchen die Methode mit ihren wunderbar konkreten Anleitungen. Und zwar dann, wenn uns eine Situation völlig klar ist. Hier wären Werkzeuge jeder Art mit ihren Freiheitsgraden reine Verschwendung.

Und um ein prominentes Beispiel noch beim Namen zu nennen: Kulturwandel ist nie, aber auch wirklich nie durch Methoden zu lösen. Wenn Euch jemand erklärt, wie man Kultur verändert, dann könnt Ihr ihm postwendend erklären, dass es dafür kein Rezept gibt, weil es immer wieder anders ist und sich kein Fall wiederholt.

Ganz abgesehen davon, ist die Kultur eines Unternehmens nie ein zu lösendes Problem, aber das rollen wir an anderer Stelle auf.

Wenn wir uns also fragen: Theorie oder Praxis? Dann ist das die falsche Frage. Besser: Welchen praktischen Fall haben wir hier? Und dann setzen wir entweder eine Methode ein. Oder wir nehmen eine Theorie zu Hilfe. Für mehr happy working people!

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Guido Bosbach
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Guido Bosbach

Hallo Mark, ich mag Deinen Vergleich mit den Rezepten (u.a. weil ich ihn auch schon benutzt habe und gemeinsam Brot backen als Führungsreflexion anbiete) – jedoch, und deshalb funktioniert dieser Reflexionsansatz: Nicht mal ein gutes Rezept garantiert einen guten Kuchen. Solange ich nicht unter 100% festgelegten Laborbedingungen backe, brauche ich immer auch Aufmerksamkeit, Gefühl und Erfahrung bei dem was ich tue, bzw. ich muss (mir und anderen) Raum geben, um die Erfahrung zu sammeln. Sonst braucht nicht mal der Strom ausfallen damit’s nicht klappt, sondern nur das Mehl mal aus einer anderen Mühle stammen. Was ich zudem beobachte, ist dass… Weiterlesen »

Stefan
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Stefan

Hallo Mark, ich finde eine noch nicht durchgeführte Methode und ihr möglicher (durch Anwendung in anderen Unternehmen bewiesener) Wirkungsgrad ist vor der Durchführung in diesem konkreten Fall auch eine Theorie – quasi ein bewährtes Werkzeug, bei dem man weiß, dass dieser Schlüssel auf diese mögliche Schraube passt. Insofern betrachte ich die Methode als eine weitere Theorie – eine weitere Zutat des größeren Kuchens – nur, dass diese Zutat mit höherer Wahrscheinlichkeit zum gelungenen Kuchen führt. Schließlich ist das Gefühl, die Erfahrung und das Wissen jedes einzelnen in dem System gefragt und stets abzugleichen und anzupassen. Wenn dann strukturelle Hindernisse herrschen,… Weiterlesen »

Mark
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Mark

Hallo Ihr Beiden und danke für Eure Kommentare. Mir geht es in diesem Artikel ja insb. darum, dass die Unterscheidung zwischen Werkzeug und Rezept wichtig ist. Zu den Werkzeugen gehört u.a. die Theorie und zu den Rezepten gehört u.a. die Methode. Beide haben ihre Berechtigung in der Praxis, keine ist der Praxis näher oder ferner und schon gar nicht sind sie das Gegenteil von Praxis. Bis dahin klingt es so, als seien wir uns auch einig. Bloß mal brauche ich Theorie und mal Methoden. Theorie passt zu neuen Problemen, Methoden zu bekannten. Und entgegen Eurer Aussage gibt es meiner Meinung… Weiterlesen »

Ardalan
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Ardalan

Hi Mark, tolle Unterscheidungen. Bin voll bei Dir mit Deinem Theorien-Pragmatismus. Jetzt weiß ich auch besser, warum ich Rezepte und Methoden gleich ungern mag: Weil ich sie nur mag, wenn ich grad mal wieder total faul bin. Ich bin mir nur grad nicht so ganz sicher, ob diese Unterscheidungen zwischen „Theorie“, „Methode“, „Werkzeug“ und „Idee“ jemals von irgendwem im Eifer des Business, also in der Praxis 😉 wirklich benutzt werden werden. Irgendwie scheint es da eine natürliche Tendenz zum Vergessen / Nicht-Gebrauch der Unterscheidung zu geben… 😉 Macht aber nix: Wahrscheinlich hab nur ich grad im Moment keine Idee, was… Weiterlesen »

Claas Dibke
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Claas Dibke

Hallo Mark, eine sehr anschauliche und gute Darstellung. Ich erlebe diese Thematik sehr oft wenn Beratung mit „vorbereiteten“ und „praxiserprobten“ Schablonen (Methoden) in eine Organisation kommt, ohne das Problem vorher richtig zu kennen. Diese vermeintliche Lösung, die in einer anderen Organisation gut funktioniert wird, wie du gut beschreibst, zu einem Rezept, welches nicht zum Problem passt. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist die Entwicklung des Lean Managements in den 90er Jahren. Bei der Adaption von Werkzeugen des gut funktionierenden Toyota Produktionssystems (TPS) ist genau dies passiert. Die ursprüngliche Denkweise und Kultur ging verloren aber die Methoden waren in aller Munde.… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Vielen Dank für Deine wertvollen Ergänzungen Claas. Und Ardalan, danke für die kluge Frage. Das Rezept, um diese von Dir gewünschte Unterscheidung vorzunehmen, würde ich so versuchen zu formulieren: Unterscheide zunächst, ob Du es mit einer Methode oder einer Theorie zu tun hast, in dem Du nach Handlungsanweisungen suchst. Solltest Du diese finden, hast Du es wahrscheinlich mit einer Methode zu tun. Eine Methode liefert die Anleitung zur Umsetzung, deshalb ist es ja auch ein Rezept. Die Theorie hingegen ist davon frei. Denn die Theorie beschreibt ja nur. Sie versucht die Komplexität der Realität zu reduzieren, damit man sich in… Weiterlesen »

Dirk
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Das „Schablonendenken“ ist für mich stets der falsche Ansatz, da es meist einfach zu komplex ist Situationen so zu lösen. Der Motivation durch KVP kann ich nur zustimmen und den Ansatz finde ich sehr interessant!

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Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Montag, 23. November 2015
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