intrinsify

Über Geld spricht man nicht

Bildnachweis: © stevanovici – depositphotos.com

In unserer Gesellschaft sind die privaten Finanzen ein Tabuthema. Das eigene Geld, Kredite, Geldanlagen oder sonstige Vermögenswerte, da spricht man nicht gerne drüber. Das gilt für den beruflichen Kontext, in dem über Projektbudgets, Preise oder Sachkosten diskutiert wird, aber in den meisten Fällen nicht über die Gehälter. Und das gilt ebenso für Familienfeiern oder in geselliger Runde mit Freunden.

„Bayern – Barcelona gestern Abend, das war ja ein Spiel!“ ist anschlussfähig. „Ich würde euch gerne meine Ideen zur Anlagestrategie vorstellen“ sorgt hingegen eher für Irritation. Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich diskutiere nicht gerne über eine spannende Fußballpartie. Ich nehme nur wahr, dass Gespräche über private Finanzen auf wenig Resonanz stoßen.

Finanzbildung – Fehlanzeige in Deutschland

Auch auf den meisten Bildungswegen stolpert man nicht über Themen wie Umgang mit Geld, private Finanzplanung und Vermögensbildung, wenn man nicht gerade einschlägig studiert. Die meisten von uns kommen ohne große finanzielle Bildung an Punkte im Leben, an denen es um die Finanzierung einer Immobilie, die Absicherung der Existenzrisiken der Familie oder die Strategie für die Altersvorsorge bzw. Vermögensbildung geht. Laut einer Studie der ING-Diba aus dem Jahr 2013 gaben über die Hälfte der Befragten an, dass sie keine Finanzbildung besitzen. Gleichzeitig ist das Lösungsangebot für die oben erwähnten Probleme riesig und zum großen Teil unnötig kompliziert. Dabei ist das Überangebot an Informationen zum Thema wenig hilfreich. Das Gegenteil ist der Fall. Es sorgt mit unzähligen Widersprüchen für Desinformation und wirkt mitunter abschreckend.

Desinformation im Informationszeitalter

2010 ist das Buch „Der Informationscrash“ erschienen. Der Titel ist nicht gerade passend und vielleicht eher der Arbeit der Marketing-Abteilung des Verlags geschuldet. Denn vom selben Autor, Max Otte, erschien 2006 das Buch „Der Crash kommt“, in dem er die Finanzkrise voraussagte. Dieses verkaufte sich so gut, dass der Namensbestandteil „Crash“ es auch in das neue Buch geschafft hat. In diesem geht es aber gar nicht um einen Wirtschafts- oder Börsencrash. Max Otte legt dar, wie Verbraucher mit einem Überangebot an Informationen ihrer Mündigkeit beraubt werden, um ihnen teure Produkte zu verkaufen oder sie an langfristige Verträge zu binden.

Bürgerinnen und Bürger, die versuchen sich über die für sie relevanten Angebote zu informieren, sehen sich zunehmend mit einem Überangebot an Informationen (und gezielter Desinformation!) überrollt und überfordert. So kann man ihnen letztlich alles verkaufen.

Max Otte in „Der Informationscrash“, 2006

Man muss diesen Vorwurf nicht teilen. Ich glaube aber, dass es für private Verbraucher nicht einfach ist, sich im Finanzdschungel zu orientieren und sich ein klares Bild zu machen.

Vertrauensverlust

Die Tabuisierung des Themas im privaten Umfeld gepaart mit dem Information-Overload und fehlender Finanzbildung führt nicht zu einem selbstbewussten Umgang mit den eigenen Finanzen. Tipps in Finanzmedien oder Besuche bei Bankberatern bergen ihre Tücken. Ich behaupte nicht, dass Finanzberater per se keinen guten Job machen. Es gibt aber strukturelle Probleme. Verkaufsprovisionen, Absatzziele oder bezahlte Artikel in Finanzmagazinen sind Beispiele für Fehlanreize, die dazu führen, dass nicht immer das für den Kunden geeignete Produkt vorgestellt wird.

Die Finanzindustrie erscheint zudem nicht allen als Freund und Helfer. Nach einer Studie der Edelman Gruppe „Trust Barometer“ haben in Deutschland nur noch gut ein Drittel der Befragten Vertrauen in die Finanzindustrie:

Fragt man die Deutschen nach den vertrauenswürdigen Branchen, dann liegen Bildungseinrichtungen und der Einzelhandel in der Gunst ganz weit vorne. Schlusslicht ist wie im Vorjahr die Finanzindustrie mit Vertrauenswerten von gerade einmal 35 Prozent.

Finanzielle Selbstständigkeit

Die neue Wirtschaft fördert und fordert mehr Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Ich möchte das weiter fassen. In unserer Gesellschaft plädiere ich für mehr Eigenverantwortung. Das gilt in globalisierten Märkten im Unternehmen, in denen selbstorganisierte Teams komplexe Probleme lösen, genauso wie im privaten Umfeld – und für Selbstständige sowieso.

Bemüht man eine kalifornische Suchmaschine mit dem Begriff „Finanzielle Selbstständigkeit“, bekommt man knapp 10.000 Ergebnisse, in deren verlinkten Inhalten der Begriff nicht einheitlich verwendet wird.

Unter finanzieller Selbstständigkeit verstehe ich, dass man Entscheidungen für seine privaten Finanzen selbst und ganz bewusst trifft.

Welche Probleme Finanzentscheidungen mit externer Referenz, sei es aus Finanzmedien, Bank-, Vermögens- oder Versicherungsberatern mitbringen, habe ich oben schon erwähnt. Auf weitere Aspekte werde ich in einem der folgenden Artikel noch eingehen. Es gibt gute Gründe in privaten Finanzangelegenheiten selbst zu entscheiden.

Finanzielle Unabhängigkeit

Ich möchte hier noch den Begriff Finanzielle Unabhängigkeit besprechen und abgrenzen. Finanziell unabhängig zu sein bedeutet im engeren Sinne, nicht mehr für jemanden anderen arbeiten zu müssen, um seine Ausgaben zu decken. Jemand, der zu seinem Chef „Fuck You“ sagt (also laut, nicht nur denkt), der hat das in den meisten Fällen erreicht :-). Um finanziell unabhängig zu sein, muss man nicht unbedingt auch reich sein. Es kommt darauf an, dass das regelmäßige passive Einkommen die Ausgaben im gleichen Zeitraum deckt, ganz gleich ob man dazu das Einkommen erhöht oder zum Beispiel durch einen minimalistischen Lebensstil die Ausgaben senkt.

Ferner ist die finanzielle Selbstständigkeit keine Voraussetzung für finanzielle Unabhängigkeit. Letztere kann in zugegebenermaßen nicht allzu vielen Fällen auch durch Erbe oder Lottogewinn eintreten. Ebenso steht der ein oder andere Sportler oder Künstler schlagartig vor Millionen, ohne jedoch finanziell selbstständig zu sein. Profisportler und Künstler sind offenbar anfällig dafür, ihr Geld zu verprassen, werden mitunter schlecht beraten, häufen Schulden an, und der ein oder andere rutscht am Ende sogar in die Privatinsolvenz.

Beteiligung an der Produktivität der Wirtschaft

„Börse und Aktien, das ist was für die Reichen und die Zocker“, hört man oft. Den Satz lasse ich nicht gelten. Auch schon früher nicht, aber spätestens seit das Zinsniveau unter die Teuerungsrate gefallen ist, sollte man diesen Satz aus seinem Repertoire für schnelle Konter streichen.

Der Besitz von Aktien, das ist Beteiligung an der Produktivität der Wirtschaft – ich plädiere genau dafür. Ich halte es für absolut sinnvoll, nicht nur seine Arbeitskraft für die Wirtschaft zur Verfügung zu stellen (Zeit gegen Geld), sondern auch einen angemessenen Teil seines verdienten Geldes direkt in Unternehmen zu investieren (Kapital gegen Beteiligung). Mit diesem Thema werde ich mich im Schwerpunkt befassen.

Selbst entscheiden in Finanzangelegenheiten – Thema bei intrinsify

Das Thema Finanzen kann sehr kompliziert sein – muss es aber nicht. Und ja, beim Investieren kann man teure Fehler machen. Die gute Nachricht: Viele davon lassen sich vermeiden. Ich werde versuchen Orientierung zu bieten und auch für Anfänger, die sich dem Thema nähern wollen, verständlich zu bleiben. Das schließt nicht aus, dass ich mit den Fortgeschrittenen und Profis von euch gerne auch kontrovers diskutiere. Immer mit dem Ziel, die finanzielle Selbstständigkeit zu fördern. Und da das trockene Thema Finanzen mehr Spaß macht, wenn es um Geschichten aus dem Leben geht, ist dein Input willkommen:

Deine Fragen zum Thema

  • Leserfragen: Ich habe eine Frage zum Thema!
  • Fallbesprechung: Ich stehe vor einer Entscheidung oder möchte Feedback zu meiner aktuellen Situation und meinen Überlegungen bekommen!

In beiden Fällen kannst Du gerne die öffentlichen Kommentare nutzen. Nach dem Motto – über Geld spricht man nicht, oder doch?
Für eine Fallbesprechung kannst Du auch das Formularfeld am Ende dieses Blogbeitrags verwenden. Auf Wunsch bleibst Du anonym, aber Deine Geschichte wird thematisiert. Bitte beachte allerdings, dass in diesem Rahmen keine umfassende Analyse der persönlichen Finanzsituation oder Ausarbeitung einer Strategie möglich ist.

Über mich

Wie schon in der Autoreninfo erwähnt, bin ich über die Themen sinnstiftende Arbeit und moderne Unternehmensführung auf Intrinsify aufmerksam geworden. Seit mittlerweile zwanzig Jahren bin ich auf dem Finanzmarkt aktiv, habe Fehler gemacht, Aktien und andere Finanzprodukte gehandelt, Börsentipps verfolgt, Lehrgeld bezahlt, mich in der Bank beraten lassen und zwischen Krisen und Boom Höhen und Tiefen erlebt. In dieser Zeit habe ich meine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht und mich fortlaufend mit dem Thema beschäftigt, was letztlich dazu geführt hat, dass ich in Fragen zu meinen privaten Finanzen selbst entscheide. Wer mehr über meinen Weg erfahren möchte, ist eingeladen, meinen Dreiteiler Die Börse und ich auf meinem Blog zu lesen.

Eines ist mir noch wichtig. Ich bin kein Versicherungs- oder Vermögensberater und erhalte keinerlei Provisionen von irgendeiner Institution. Ich schreibe nicht im Auftrag. Alle angeführten Beispiele, Namen von Unternehmen oder Finanzprodukten, die ich möglicherweise im Blog verwende, dienen dem Verständnis und sind nicht als konkrete Tipps zur unreflektierten Nachahmung gedacht. Ihr handelt in jedem Fall eigenverantwortlich. Und genau das möchte ich unterstützen.

So long, not short

Torben

Hier kannst Du eine konkrete Frage stellen oder kurz Deinen Fall und Deine Überlegungen schildern. Die Angabe der E-Mail Adresse für evtl. Rückfragen ist optional und erscheint nicht öffentlich. Wenn es passt, werde ich Deine Frage direkt in den Kommentaren beantworten oder Deinem Thema vielleicht einen Artikel widmen. Natürlich steht Dir wie immer auch gern die Kommentarfunktion zur Verfügung:

Deine Fallbesprechung zum Thema "Finanzen"
Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Torben Müller intrinsify.me
Torben Müller

Torben ist über die Themen sinnstiftende Arbeit und moderne Unternehmensführung auf Intrinsify gestoßen. Zwei seiner großen Leidenschaften sind Wirtschaft und Börse. Im Laufe seiner zwei Jahrzehnte Finanzmarkterfahrung, hat er sich entschieden seine privaten Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Heute investiert er strategisch und „passiv“, teilt seine Erfahrungen in Blogs und ist Sparringspartner in Finanz-Coachings.

Hinterlasse einen Kommentar

6 Kommentare auf "Über Geld spricht man nicht"

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz
X