intrinsify

Über Wissensriesen und Umsetzungszwerge

Ihr kennt den Reflex? Klappt Euer Vorhaben nicht so wie gewünscht funkt es blitzschnell aus dem gedanklichen Vordergrund: „Ach wenn ich doch nur wüsste …!“
Probleme haben ihre Wurzeln in einem Mangel an Wissen, so der Autopilot unseres Bewusstseins.

Bildnachweis: © bloomua – depositphotos.com

Dabei ist Wissen im Allgemeinen reichlich vorhanden. Wissenschaft produziert Wissen am laufenden Band. Es wird gesagt, das Wissen der Welt verdopple sich mit zunehmendem Tempo, inzwischen innerhalb weniger Jahre. Technisches Wissen hat vermutlich eine Halbwertzeit gemessen in Jahren, die Du locker an einer Hand abzählen kannst. Exponentiell wachsendes Wissen verdünnt sich mit irrelevantem Wissen. Angeblich (ich kann das nicht überprüfen, es scheint aber glaubhaft) werden 50% der wissenschaftlichen Arbeiten nie zitiert, es sammeln sich Doubletten in Bibliotheken und auf Servern. Nur die Zahl der Publikationen wächst schneller als das Wissen selbst. Darunter ist allerdings alles vertreten: von der wissenschaftlichen Revolution bis zur Wiederholung falscher Ergebnisse über einen völlig unbedeutenden und zugleich sinnfreien Gegenstand.

Erschwerend kommt hinzu, dass wie so vieles im Leben diese riesigen Wissensschätze auch noch ungerecht verteilt sind. Niemand weiß alles, aber was gerade fehlt wird irgendeiner doch wohl wissen. Oder? Umverteilung liegt also nahe, das ist ja auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen moralisch gut angesehen, auch wenn man das in unserem Fall lieber „Transfer“ oder „Förderung“ nennt. Der Grundgedanke jedoch, er bleibt: Wir haben reichlich davon und geben ab; einfach so, besser gegen Dank, am allerbesten gegen Honorar.

Zwei sehr unterschiedliche aktuelle Beobachtungen aus dem Leben eines Beraters haben mich darüber nicht zum ersten Mal nachdenken lassen. In dem einen Fall geht es um die Zusammenarbeit öffentlicher Hochschuleinrichtungen und der privaten Wirtschaft. Das gut gemeinte Anliegen: Dialog zwischen Wissenschaftlern und Unternehmern über ihr Zusammenwirken, um Wissen und Technologien von Hochschulen in die Wirtschaft zu transferieren. Gute Idee, nichts dagegen zu sagen! Oder doch, so bei genauem Hinsehen und Nachdenken …..

Haben die Unternehmen ein Wissensproblem? Mangelt es in Industrie, Mittelstand und Start Ups an Ideen? Oder ist das Problem vielmehr, dass gute Ideen zuerst gelobt und dann von Bedenkenträgern zerpflückt werden? Ist ein dreimal gescheiterter Gründer ein echter Unternehmer oder ein Versager? Eine Bank denkt über diese Frage nicht lange nach! Wir beklagen fehlenden Realitätsbezug frischer Ideen, aber ist nicht genau das das Problem? Ist doch denkbar, dass ohne eben diesen Realitätsbezug erst wirklich Voraussetzungen für neue Innovationen und Geschäftsmodelle entstehen. Na, hast Du jetzt noch Lust auf eine tolle neue Idee?

Und nun verbünden sich zwei zu einem Transferbündnis, von denen jeder glaubt, der jeweils andere hätte, was dem jeweils einen fehlt. Ist das ein Bündnis zweier Starker, die sich gegenseitig beschleunigen? Oder ein Bündnis zweier Lahmender, die nur ein falsches Bild voneinander haben? Um eine bunte Blumenwiese zu schaffen reicht es nicht aus, eine farbige Plastikbox mit Blumenerde und Sämereien auf den Betonboden einer Tiefgarage zu stellen. Eine Wiese wird das jedenfalls nie, das System prägt das Umfeld und nicht umgekehrt.

In dem anderen Fall ging es um die Förderung von Startups mit guten Ideen zu regional geförderten Themenschwerpunkten. Das Muster ähnlich: der größte Teil des gut gemeinten Förderprogrammes besteht aus der Vermittlung von „best Practices“ aus der Startup-Szene. Geschäftsmodellierung, Übertragung von Forschungsergebnissen auf die Projekte, Finanzierungsberatung usw. sind allesamt ehrenwerte und gute Ideen, die nicht falsch sind. Doch sie gehen am Thema vorbei. Unternehmen und Startups fehlt nicht das richtige Wissen, wo soll es das bei erst- und einmaligen Vorhaben auch geben. Abgesehen von Zeit und Geld für das nötige Probieren fehlt die nötige Beratung und Unterstützung beim Umgang mit Dynamik und Unsicherheit, der Mut wirklich Neues zu probieren statt auf Methoden- und Erfahrungswissen anderer zu bauen.

Die meisten Ideen scheitern im Vorstadium an nicht überprüften Vorurteilen. Neue Ideen stellen in Frage. Doch das scheinbare „Das geht nie“ ist zu oft ein verkapptes „Ich will das nicht“. Die Kernfrage ist immer: Wie können wir Kundenprobleme (die externe Referenz!!!) auf bessere und günstigere Art lösen. Das hat zuerst mal nichts mit der Realität zu tun. Im Gegenteil: Neue Realitäten sind es, die wir schaffen wollen. So geht es in der Wirtschaft zu!

Und in der Wissenschaft? Möglicherweise geht es um die Gewinnung neuer Erkenntnisse, die neue Horizonte eröffnen, Bekanntes in Frage stellen, das Falsifizieren neuer Hypothesen? Bestimmt eine Mischung von alledem, aber nicht zum Selbstzweck. Wozu sollten wir Geld für etwas ausgeben, das keinen erkennbaren Nutzen hat: Große Aufgaben wie der Sieg über bisher unheilbare Krankheiten sind tolle Forschungsthemen. Mir würde ein wirklich dichtes Fahrradventil helfen, damit ich weniger pumpen muss. Das Problem der Forscher ist oft, dass sie Wissen zu transferieren versuchen, dessen Nutzen sich dem Adressaten nicht erschließt. Ist der Nutzen erkennbar braucht es Leute, die Ideen gegen Widerstände durchsetzen.

Hip, agil und disruptiv wird etwas nur durch Leute, die etwas bewegen wollen. Bedeutsam ist ihre Einstellung zu dem, was sie schaffen wollen. Wer sich dabei an den Grenzen des Erlaubten orientiert und ausgetretene Pfade läuft, der kommt nicht weit. Große Systeme – das gilt auch für den Forschungsbetrieb in der Wissenschaft – engen ganz schön ein, sie machen wenig Lust auf Musterbruch. Gute Ideen brauchen den Umweg über den Irrtum, um reif zu werden. Scheitern ist der Lernvorgang, aber natürlich ist Scheitern nicht das Ziel, sondern nach aller Erfahrung das notwendige Übel – verbunden mit Schmerz und Frust – auf dem Weg zum Durchbruch. Vielleicht. Doch wer will das schon? Wer kann sich den Freiraum dafür schaffen? An der Uni? Im Unternehmen? In der kurzen Phase einer wohlgemeinten Startup-Förderung?

Ein echter Durchbruch für Unternehmen, Startups und Wissenschaft kann die Abkehr von der einseitigen Themenförderung sein. Die richtigen Personen fördern, die mit dem Drang etwas bewegen zu wollen, das wäre schon was. Dann dauern Forschungsvorhaben nicht so ewig lange, nur Ergebnisse zählen, nicht die Förderdauer, die scheinbare Passung in irgendein Cluster, die Mühsal der Forschenden im Bürokratiedschungel der Förderrichtlinien oder die Anzahl der mitwirkenden Doktoranden, die eigentlich nur ihre Dissertation finanzieren wollen. Erfinden zählt nichts, es erfolgreich an den Markt bringen, das ist alles.

Solange jeder denkt, der andere schließt seine Lücken, kommen aus diesen Transferprojekten bloß unendliche Meetings heraus. Wenn scheinbar Wissende mit scheinbar Handelnden konferieren entstehen nur Meetings. Macht also Schluss mit den Transferprojekten, besser echte Unternehmer in Forschung und Wirtschaft und Neuer Wirtschaft fördern und vernetzen. Scheinzwerge des Handelns sind werthaltiger als Scheinriesen des Wissens, wenn ich mir die Metapher eines bekannten Lokführers und seines Freundes in abgewandelter Form zu Eigen machen darf.

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Martin Lennartz intrinsify.me
Martin Lennartz

Martin Lennartz hat den „konstruktiven Irritierer“ als sein Markenzeichen gewählt. Der steht für Musterbruch: erst wenn Bekanntes nicht mehr funktioniert, öffnen wir uns für Neues. Irritationen sind Unterbrecher der Selbstverständlichkeit. Martin arbeitet nach einer „klassischen“ Business-Karriere heute als selbstständiger Coach und Berater. „Vom Saulus zum Paulus“ scherzt er über sich selbst.
Wir schätzen seinen breiten Erfahrungshintergrund und seine Experimentierfreude. Er ist eines unserer „intrinsify-Urgesteine“ und Ansprechpartner für das „Local Hochdeutsch“.

Erschienen am

Donnerstag, 19. April 2018

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei
X