Überwachung am Arbeitsplatz: Wie sie in 6 Phasen entsteht

Ein Beitrag von: Mark Poppenborg
Wie man die albernen Regeln am Arbeitsplatz wieder loswerden kann.

Bildnachweis: © stnazkul – depositphotos.com

Wie sie entsteht, die Überwachung am Arbeitsplatz. Und wie man sie wieder loswird.

8.30 Uhr. Pling. Gestempelt. Und wenn es die gute alte Stempeluhr nicht mehr gibt, dann sorgt der Chefrundgang dafür, leere Stühle zu identifizieren. Und zu hinterfragen. Warum ist Meier noch nicht am Platz? Weiß jemand, wo Frau Hartmann steckt?

Der Vertriebler will seinen Kunden besuchen. Es gibt da ein Problem mit der neuen Hardware. Und so will er den Techniker mitnehmen. Dann heißt es, Reiseformulare ausfüllen und Argumente liefern, damit der Techniker auch mit DARF.

Später steigen beide in die Bahn. Sie müssen ein paar Mal umsteigen, denn der Kunde sitzt ziemlich in der Pampa. Ein Mietwagen wäre praktischer gewesen, aber den gibt’s erst, wenn der Zielort per Bahn wirklich nicht erreichbar ist. Oder wenn man zur ersten Führungsebene gehört.

Mittagspause. Wie lange? Naja, kommt drauf an. Eine halbe Stunde für eine Halbtagsstelle, Vollzeit-Mitarbeiter dürfen eine ganze Stunde futtern.

Ganz hart wird es, wenn der Arbeitsplatz videoüberwacht wird. So was gibt es, beispielsweise in Verkaufsräumen oder Schalterhallen. Klar, man darf die Aufzeichnung nicht zur Mitarbeiterüberwachung nutzen. Aber man könnte… Blödes Gefühl.

Jeder wird sie kennen, diese Überwachung am Arbeitsplatz. Möglicherweise kommt sie in verschiedenen Ausprägungen daher. Aber letztlich sieht jedes Unternehmen zu, dass es den Mitarbeiter irgendwie im Auge behält.

Ja, aber warum denn? War das schon immer so? Nicht unbedingt.

Es ist ein bisschen wie beim Zauberlehrling, der die Geister nicht mehr loswird, die er gerufen hat. Am Anfang ist alles ruhig. Aber nach dem ganzen „Walle walle“ geht es richtig zur Sache.

Und auch in den Unternehmen ist am Anfang eigentlich immer alles gut. Erst wenn einer anfängt, nach Regeln zu rufen, dann kommen die Geister aus ihren Schlupflöchern. Dann wird Masche für Masche an einem dichten Netz zur Arbeitsplatzüberwachung gestrickt.

Aha. Und warum ruft irgendwann einer nach Regeln?

6 Schritte zur Überwachung am Arbeitsplatz

Schritt 1: Die Ausnahme

Am Anfang besteht eigentlich immer ein Vertrauensverhältnis. Die Mitarbeiter handeln aus dem Bauch heraus und tun das, was sie für sinnvoll halten. Doch irgendwann tut ein Mitarbeiter etwas, das die Gruppe so nicht tolerieren kann.

Beispielsweise wählt er einen extrem überteuerten Dienstwagen oder er fliegt erster Klasse bei einem 4-Stunden-Flug. Oder er stiehlt Werkzeug. Oder es wird jemand richtig krank, bricht wegen Überarbeitung zusammen. Oder eine Beziehung geht in die Brüche wegen der ständigen Dienstreisen. Oder die Telefonrechnung ist plötzlich gigantisch hoch wegen der Übersee-Gespräche.

Schritt 2: Die Empörung

Die Kollegen und Vorgesetzten finden das unerhört. Der Mitarbeiter bekommt einen Einlauf. Das Thema erhitzt die Gemüter und rumort in den Büros und Teeküchen. Die Mannschaft diskutiert einige Tage lang im Unternehmen darüber und sieht Handlungsbedarf. Das kennen wir aus der Politik. Wenn irgendwas Großes passiert, wie beispielsweise eine neue Art der Flugzeugentführung, dann steht das Thema ganz oben auf der Agenda. Jemand muss handeln – allein schon um die Gemüter zu beruhigen. Um zu zeigen, dass man die Sache ernst nimmt.

Schritt 3: Vermeidung durch Regel

In Zukunft möchte das Unternehmen verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Also stellt man eine Regel auf. Wer unter vier Stunden fliegt, muss Economy fliegen. Wer einen Dienstwagen braucht, muss Kompaktklasse buchen.

Um Mitarbeiter vor Überarbeitung und familiärem Bruch zu bewahren, wird die tägliche Arbeitszeit festgelegt. Jetzt gibt es eine Kernarbeitszeit. Und pro Woche dürfen nicht mehr als zehn Überstunden angehäuft werden.

Besonders teure Werkzeuge gibt es nur gegen einen Entnahmeschein, der vom Vorgesetzten abgezeichnet wird.

Überwachung am Arbeitsplatz

Bildnachweis: © studiostoks – depositphotos.com

Schritt 4: Die Kontrolle

Wer Regeln einführt, der muss sie auch kontrollieren. Sonst machen sie ja keinen Sinn. Wofür früher Vertrauen gereicht hat, braucht es jetzt Kontrolle. Jetzt gibt es Arbeitszeiterfassungssysteme. Serverzeiten. Formulare und Laufzettel.

Das ist zwar viel teurer, aber es ist ja alternativlos. Denn schließlich will man das Unternehmen vor Schaden bewahren.

Schritt 5: Der Zynismus

Dann kommen sie um die Ecke, die Probleme, bei denen man die Regel einfach nicht einhalten KANN. Weil sie hier mehr Schaden verursacht als vermeidet.

Wenn man ein Ersatzteil mit einem Techniker zum Kunden in Tschechien bringen muss – und zwar schnell, damit der Kunde keine Millionenschwere Gewährleistung geltend macht – dann muss man einen großen und schnellen Wagen mieten. Einen Wagen, in den das Teil passt und mit dem man eine lange Strecke erträglich bewältigen kann.

Jetzt gibt es aber diese Regel mit der Kompaktklasse. Jedem in der Runde ist letztlich klar, dass die Regel hier Quatsch ist. Natürlich auch dem Management. Aber man kann sie ja auch nicht einfach ignorieren. Damit wäre sie de facto wirkungslos und das Management würde das Gesicht verlieren.

Also gibt es eine Sondererlaubnis. Die Abweichung wird jetzt als fester Teil der Regel ergänzt. Dann passt alles wieder.

Oder ein Mitarbeiter will eine Idee für eine neue Kindersicherung beim Rasenmäher mit nach Hause nehmen, um sie im Live-Betrieb in seinem Garten zu testen. Geht aber nicht, wäre gegen die Regel, die das Unternehmen aus Angst vor Diebstählen ins Leben gerufen hat.

Oder der Vertriebler will sein Handy zu Hause nutzen, weil er seinen Kunden schlicht in den Abendstunden am besten erreichen kann. Wieder steht eine Regel im Weg. Zu Hause gehen keine Diensthandys, weil die Mitarbeiter sich sonst selbst ausbeuten. Aha.

In der Kaffeeküche macht man sich schon über die schwachsinnigen Regeln lustig, weil man sich mit all den Regeln selbst blockiert. Auch dem Management ist diese Blockade bewusst. Aber es ist so wie es ist.

So geht das munter weiter. Immer mehr Sonderfälle werden abgedeckt. Immer öfter wird es einfach nur albern. Schließlich hat man hunderte schwachsinnige Regeln, die alle teuer kontrolliert werden müssen. »Management by exception« nennt man dieses absurde Theater jetzt gerne auch Neudeutsch.

Das geht eine ganze Weil gut. Und zwar, weil die Mitarbeiter unter dem Radar arbeiten und so die Arbeit noch bewältigen können. Noch läuft es.

Schritt 6: Die Kapitulation

Irgendwann wird jeder Mitarbeiter müde. Es wurde viel diskutiert. Oft hat man sich eine blutige Nase geholt, weil man – im Sinne des Unternehmens – gegen die Regel verstoßen hat.

Nach vielem „Zurückpfeifen“, nach Strafen und Abmahnungen fügt man sich irgendwann dem Schwachsinn. Man hinterfragt ihn nicht mehr und arbeitet auch nicht mehr unter dem Radar. Ab jetzt gilt nur noch Dienst nach Vorschrift.

Mist, oder?

Experimente gegen die Überwachung am Arbeitsplatz

Wie kommt man jetzt wieder raus aus dem Schlamassel? Wie kann man die Geister wieder zurückholen? Brauchen wir einen Meister, der die Besen wieder in die Ecke zaubert?

Auf einen  Meister werden wir wohl vergeblich warten. Um die Überwachung wieder aus dem Unternehmen zu vertreiben, müssen wir schon selbst ran. Was wir brauchen, sind Mut und Lust.

Wir brauchen einen Bereich im Unternehmen, der Lust hat, mal etwas Neues auszuprobieren. Und wir brauchen einen Chef, der den Mut hat und das auch zulässt.

Jetzt setzt man in diesem Bereich die Regeln komplett aus und besinnt sich wieder auf Vertrauen. Das passiert nicht heimlich still und leise. Nein, jeder im Unternehmen erfährt, dass in diesem Schutzraum das Experiment stattfindet. Mit dem Segen vom Chef.

Und bei diesem Experiment wird klar, dass es viel schlauer ist, ohne die ganzen Regeln zu arbeiten. Jetzt fragen andere Bereiche, ob das nicht auch bei ihnen geht. Ob sie nicht auch diese leidige Überwachung loswerden können.

Dann macht man noch ein Experiment und noch eins und noch eins. Und irgendwann schließlich ist die ganze Firma wieder regelfrei. Naja, sagen wir mal frei von den albernen Regeln.

Sicher, das mag ein paar Jahre dauern. Aber es lohnt sich. Es spart dem Unternehmen Millionen. Und aus „Dienst nach Vorschrift“ könnte wieder ein sinnhaftes und motiviertes Gestalten werden.

Eine Alternative gibt es natürlich noch: Man schaltet die Regeln wohl überlegt einfach im größeren Stile aber direkt ab.

Die Standardskespis: Aber was macht man dann, wenn sich jemand dennoch zu viel rausnimmt. Meine Antwort: Gar nichts. Lieber ein schwarzes Schaf, als dass alle Mitarbeiter unter einer Regel leiden, die für die Ausnahme gemacht ist.

In diesem Sinne sind Regeln ja bloß institutionalisiertes Misstrauen. Anstelle der Regel sollte man lieber auf den sozialen Druck vertrauen. Die Empörung in Phase 2 reicht dazu meist schon aus. Wenn nicht, dann trennt man sich vielleicht sogar von dem Mitarbeiter. Lieber einer leidet, als alle.

Wie läuft das bei Euch? Habt Ihr eine clevere List entdeckt, mit der Ihr Euch auch ohne formale Macht ein paar Regeln vom Hals schafft?

4
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
4 Kommentar Themen
0 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
0 Kommentatoren
Mark PoppenborgLukasPeterUte Letzte Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Ute
Gast
Ute

Lieber Mark, sehr schöner Artikel über die Endlosschleife von Misstrauen. Ich möchte vieles davon unterschreiben. Ja, so könnte es gehen. In einer Welt ohne Narzissten könnte es gehen. In einer Menschheit ohne Gier erst recht. Manchmal droht einem die blanke Verzweiflung, wenn man mit anschauen muss wie selbstverständlich sich wenige an den vielen bereichern und die vielen machen NICHTS, weil nur die wenigen die Macht haben, dies zu verändern. Im Kleinen wie im Großen. Ich bin überzeugt, dass Unternehmen die kleinere Spiegelung der Gesellschaft sind. Vor allem der Lobby-Politik. Warum haben wohl 62 Menschen genau so viel Vermögen wie die… Weiterlesen »

Peter
Gast
Peter

Ja, ja der Markt wird es schon richten…

Lukas
Gast
Lukas

Sehr interessanter Ansatz, das Unternehmen von immer mehr Bestimmungen, Ausnahmeregeln etc zu befreien und stattdessen auf mehr Vertrauen zu setzen, beziehungsweise nur den „Übeltäter“ zu sanktionieren. Es macht viel Sinn, bei einem Vertrauensbruch eines Einzelnen nicht gleich neue Regeln aufzustellen und damit unterbewusst alle anderen Mitarbeiter gleich unter Generalverdacht zu stellen. Ein Gefühl der generellen Überwachung hemmt meiner Meinung nach sogar die Identifikation mit dem Unternehmen.

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Herzlichen Dank für Eure Kommentare.

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Donnerstag, 21. April 2016
X