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Versicherungen: Absicherung oder Beruhigungspille?

Welche Versicherungen Du wirklich brauchst.

Wenn Dachdecker auf Dächern arbeiten oder Bergsteiger den Gipfel erklimmen, sichern sie ihr Leben ab. Eine geeignete Absturzsicherung ist Pflicht, selbst bei Profis.

Wir alle sichern Risiken mit Hilfe von Versicherungen ab. Gegen was versichern wir uns da eigentlich? Hier geht es schließlich nicht um Leben oder Tod.

Es geht um die finanzielle Existenz, um das Risiko also, nach einem Schadensfall finanziell vielleicht nie wieder auf die Beine zu kommen.

Welche Versicherungen Du wirklich brauchst

Bildnachweis: © Krylovochka – depositphotos.com

Eine Errungenschaft der Industrialisierung
Mit der Industrialisierung und der damit einhergehenden „Flucht“ vom Land in die Industrieräume kamen neue Risiken für die Arbeiter auf. Erkrankungen und Unfälle nahmen zu. So wurden Kranken- und Unfallversicherungen in den 1880ern unter Otto von Bismarck eingeführt.

Eine logische und nützliche Erfindung. Wenn in einer Fabrikhalle 50 Menschen arbeiten, sammelt man Erfahrungswerte. Man kann messen wie häufig Unfälle an den Maschinen zu drastischen Folgen für das Einkommen der Unfallopfer führen. Dann tut man sich zusammen und zahlt in einen Topf ein, der Einkommensausfälle für einzelne kompensiert. Niemand weiß, wen es trifft. Aber alle wissen, dass sie – zumindest finanziell – abgesichert sind.

Eine Branche entsteht und erfindet Nettes
Nach und nach entstand eine ganze Branche privater Versicherer, die neben sinnvollen Versicherungen auch zweifelhafte Produkte an die Frau oder den Mann bringen.

Denn je mehr Versicherungen verkauft werden, desto höher der Gewinn der Unternehmen. Und hohe Versicherungsprämien kommen auch den Versicherungsvertretern zu Gute, deren Provisionen mit jeder verkauften Police steigen.

Hier wirkt der in meinem ersten Artikel Über Geld spricht man nicht angesprochene Interessenkonflikt zwischen Dir und dem „Berater“.

Warum unnötige Versicherungen nicht rational sind
Versicherungen gegen Risiken kosten Geld. Die Beiträge und Auszahlungen bilden die eigentliche Funktion ab. Die Versicherer nehmen sich ihren Anteil mittels der Verwaltungskosten und einer Gewinnspanne.

Diese Kosten zu tragen, um existenzbedrohende Risiken auszuschalten, ist rational. Versicherungen gegen Ereignisse, die mich nicht ruinieren, sind hingegen Beruhigungspillen und haben, auf Grund der entstehenden Kosten, einen negativen Erwartungswert.

Ein Beispiel
Nehmen wir an, wir schließen eine Gepäckversicherung ab und behalten diese 30 Jahre lang, in denen wir in deutscher Regelmäßigkeit jährlich einmal in den Urlaub fliegen. Der Versicherer kalkuliert den Wert eines durchschnittlichen Koffers Gebäck mit 250 Euro und kennt die Statistik: sagen wir, einmal in 30 Jahren kommt so ein Koffer pro Person abhanden. Das finanzielle Risiko auf ein Jahr gerechnet beträgt also 8,33 Euro (250 Euro / 30 Jahre). Verwaltungskosten und Gewinnspanne drauf, macht 12,50 Euro Jahresprämie.

Jetzt fliegen wir los. Jedes Jahr einmal mit 250 Euro an Gegenwert im Koffer, so wie es unser Beispiel verlangt. Und tatsächlich, beim 30. Urlaub ist der Koffer verschwunden. Jeder, der nur ab und an mal in den Urlaub fliegt, kennt das Gefühl, wenn das Kofferband läuft und alle anderen Koffer vorbeifahren… Jetzt ist es wirklich passiert, der Gegenwert von 250 Euro ist weg. Zum Glück ist das versichert. Zu Kosten von insgesamt 375 Euro (30 Jahre x 12,50 Euro).

Moment mal. Das Beispiel passt nicht zu mir. Ich bin ein Pechvogel und mein Koffer kommt bestimmt drei oder vier mal abhanden. Okay, das kann niemand ausschließen. Dann entstehen über die 30 Jahre vielleicht 1000 Euro Schaden. Aber ist das existenzbedrohend? Übrigens, bei einem durchschnittlichen Verlust pro 30 Reisen soll es auch Leute geben, die ihren Koffer nie vermissen werden…

Dieses Beispiel zeigt, dass man sich das Geld für unnötige, also nicht existenzbedrohende Versicherungen, besser sparen sollte.

Beispiele für unverzichtbare Versicherungen
So irrational der Abschluss unnötiger Versicherungen ist, so wichtig ist es, die wirklich existenzbedrohenden finanziellen Risiken abzusichern.

Ein paar Entscheidungen werden uns dabei abgenommen. So verpflichtet der Gesetzgeber jede und jeden zum Abschluss einer Kranken- und Pflegeversicherung, ob nun gesetzlich oder privat. Fahrzeughalter benötigen zwingend eine KFZ-Haftpflichtversicherung usw.

Auch eine private Haftpflichtversicherung sollte nicht fehlen, um im ungünstigen Fall nicht durch Schadensersatzforderungen ruiniert zu werden.

Im Artikel Dein Vermögen: Individuell wie Du wird deutlich, welchen Stellenwert Dein Humankapital hat. Entsprechend wichtig kann eine Berufsunfähigkeitsversicherung sein.

Eine Risiko-Lebensversicherung bewahrt den Partner und/oder die Kinder im Fall des Ausfalls eines Hauptverdieners neben dem emotionalen Schaden vor zusätzlichen finanziellen Problemen.

Die zentrale Frage, die wir uns bei der Entscheidung für oder gegen einen Versicherungsvertrag stellen sollten, lautet:

Ist das Risiko, welches ich mit dieser Versicherung neutralisiere, für mich (oder meine Familie) existenzbedrohend?

Diese Frage ist individuell zu beantworten. Wenn sie „Ja“ lautet, dann lohnt es sich die Kosten für das Ausschalten des Risikos zu tragen. Welche Risiken konkret abgesichert werden sollten, kann nur individuell beantworten werden.

Beispiele für verzichtbare Versicherungen

Die folgenden Versicherungen sind Beispiele für Beruhigungspillen. Sie kosten Geld, sichern aber in der Regel kein existenzbedrohendes Risiko ab. Dann ist ihr Besitz irrational. Aber: Ausnahmen bestätigen die Regel.

  • Reisegepäck-Versicherung (siehe Beispiel oben)
  • Glasbruch-Versicherung (Ausnahme könnte ein Glashaus sein 🙂
  • Brillen-Versicherung
  • Handy- und Laptop-Versicherungen
  • Versicherung gegen häusliche Notfälle, z. B. Verlust der Hausschlüssel
  • Insassenunfallversicherung (abgedeckt durch KFZ-Haftpflicht)
  • Kälteschutzversicherung (zusätzliche Heizkostenzuschuss in ungewöhnlich kalten Wintern)
  • Mein Favorit des Irrsinns: Hochzeitsrücktrittsversicherung

Nachdenk-Frage:

Wenn Du die Summe der Prämien aller nicht existenzbedrohenden Versicherungen jährlich zurücklegst, wann hättest Du das Geld gespart, um einen Schadensfall finanziell wegzustecken?

Nicht immer gibt es eine klare Antwort pro oder contra einer Versicherung. Als Beispiel soll hier die Hausratversicherung dienen. Wenn der Hausrat zum Beispiel einem Wasserschaden oder Diebstahl zum Opfer gefallen ist, könnten sicherlich die meisten den finanziellen Schaden zumindest nach und nach wieder reparieren. Wer mit diesem Risiko nicht leben möchte, sichert es ab, auch wenn er einen Schadensfall finanziell überstehen würde.

Worauf muss ich achten und was sind die häufigsten Fehler?
Darüber spreche ich mit Bastian Kunkel von Versicherungen mit Kopf in der Podcast-Episode zum Artikel. Daher hier in aller Kürze.

  • Fehler Nr. 1: Echte Risiken nicht versichern

Die Absicherung wirklich existenzbedrohender finanzieller Risiken hat erste Priorität. Dabei gilt es zunächst diese Risiken zu identifizieren und im Anschluss effektiv abzusichern.

  • Fehler Nr. 2: Eigenverantwortung nicht wahrnehmen

Auch beim Thema Versicherungen gilt das Motto der finanziellen Selbstständigkeit: selbst nachdenken, externe Einflüsse durch Berater und das Umfeld kritisch hinterfragen und selbst entscheiden.

  • Fehler Nr. 3: Vermögensaufbau mit Versicherungsprodukten

Versicherungen sind dafür da, Risiken abzusichern. Sie sind nicht die erste Wahl, wenn es um den Vermögensaufbau geht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Hohe Kosten, kleine Rendite, unflexibel, intransparent, Gesetzesänderungen. Heute Rürup und Riester, häufig zu komplizierte Betriebliche Altersvorsorge,… und morgen? Meine klare Meinung: Den Vermögensaufbau besser selbst in die Hand nehmen!

  • Fehler Nr. 4: Versicherungen vermischen

Jedes Risiko sollte man besser in einem einzelnen Vertrag absichern. Wenn man zwei Risiken in ein Produkt packt, kann man unter Umständen nicht mehr einzeln kündigen oder den Anbieter wechseln. Beitragsfreie Zeiten wirken sich dann ggf. auf den Schutz beider Versicherungen aus. Beispiel: Kombiprodukt Berufsunfähigkeits- und private Rentenversicherung.

Dieser Artikel will keine abschließende Liste liefern. Ich freue mich auf eure Ergänzungen in den Kommentaren.

Am Ende eine individuelle Entscheidung
Welche Risiken man versichert und welche nicht, das bleibt schließlich – mit Ausnahme der Pflichtversicherungen – eine individuelle Entscheidung.

Man sollte sich aber bewusst machen, auf welche finanziellen Perspektiven man verzichtet, wenn man sich überversichert, und wo wirklich existenzbedrohende Risiken lauern. Diese abzusichern hat oberste Priorität.

Manchmal ist es emotional schwer, eine nicht unbedingt benötigte Versicherung zu kündigen. Und wenn Du besser schlafen kannst, wenn Du die Police hast, dann ist das auch ein Argument.

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Geschrieben von

Blogauthor Torben Müller intrinsify.me
Torben Müller

Torben ist über die Themen sinnstiftende Arbeit und moderne Unternehmensführung auf Intrinsify gestoßen. Zwei seiner großen Leidenschaften sind Wirtschaft und Börse. Im Laufe seiner zwei Jahrzehnte Finanzmarkterfahrung, hat er sich entschieden seine privaten Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Heute investiert er strategisch und „passiv“, teilt seine Erfahrungen in Blogs und ist Sparringspartner in Finanz-Coachings.

Erschienen am

Donnerstag, 20. September 2018

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Karina
Gast
Karina

Lieber Torben, danke für deinen Beitrag! 🙂 Du schreibst, dass eine Versicherung dann notwendig ist, wenn ich die Frage, ob diese einen existenzgefährdenden Fall abdeckt, mit „ja“ beantworte. Was denkst du dann über Berufsunfähigkeitsversicherungen?

Ralle
Gast
Ralle

Hallo Torben, sehr guter Beitrag und vor allem ein informativer Podcast, weiter so…

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