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Wann Schulungen und Seminare für Mitarbeiter wirkungslos sind

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Bildnachweis: © annkozar – depositphotos.com

Moderne Unternehmensführung unterscheidet zwischen Wissen und Können.

Habt ihr schon mal eurem kleinen Sohn ein Handbuch zum Fahrradfahren vorgelesen? Nicht? Warum nicht? Richtig. Weil man so etwas eben durch Ausprobieren, Hinfallen, Körperhaltung-Nachjustieren, Wieder-Hinfallen, Fluchen, Schneller-Treten, Jubeln und Immer-Weiterfahren lernt.

Und was tun Unternehmen, wenn sie wollen, dass das Team besser verkauft? Dass die Führungskraft besser führt? Dass der Entwickler auch mal Wege abseits des Mainstreams geht? Dass der PR-Mann ein Gespür für die richtigen Themen bekommt?

Dann schicken sie die Mannschaft zum Verkaufstraining. Oder zum hippen asiatischen Seminar für Führungskräfte. Oder sie verordnen ein Kreativtraining oder ein Training zum Issue Management.

Kreativitätsseminare sind wie Handbücher fürs Fahrradfahren.

In teuren Trainings kommen dann Super-Charts an die Wand. In den noch teureren werden Situationen in Rollenspielen geprobt. Und dann geht man mit einem ordentlichen Wissenspaket, maximal noch mit einem kleinen Übungspaket – das allerdings unter Laborbedingungen entstanden ist – wieder in den Alltag.

Jetzt aber los. Nach einer Weile merken alle: Aber es ändert sich ja gar nichts! Schulze, Martens und Co. WISSEN jetzt zwar Einiges über das Verkaufen. Aber sie KÖNNEN es nicht. Also gut. Dann setzen wir am besten noch ein Intensivtraining oben drauf.

Aber jetzt wird es doch wohl klappen. Wird es aber leider nicht. Warum nicht? Weil wir es hier mit Problemen zu tun haben, die nicht durch Wissen und auch nicht durch noch mehr Wissen zu lösen sind.

Ein Problem ist nicht mit Wissen zu lösen? Das darf doch nicht wahr sein!

Jawohl, auch wenn wir es anders gewohnt sind: Es gibt Probleme, da hilft kein Buch, kein Seminar, kein Handbuch. Da braucht es KÖNNEN.

Man sagt ja auch: Ich KANN Verkaufen. Nicht: Ich WEIß Verkaufen. So, wie es auch heißt: Ich KANN Fahrradfahren. Nicht: Ich WEIß Fahrradfahren. Ein ganz wichtiger Unterschied!

WISSEN kann man dokumentieren. Das haftet am Dokument und kann problemlos weitergereicht werden. Wenn wir also ein Problem haben, das mit Wissen zu lösen ist, braucht es nur irgendeine Form des Erklärens. Das kann ein Buch sein. Oder auch ein gut aufbereitetes Seminar. Manchmal reicht auch schon ein Rat-Suchen in der Teeküche.

Nicht aber beim KÖNNEN. Das lässt sich eben nicht erklären. Nicht im Seminar, nicht im Buch. Und auch nicht in der Teeküche. Können haftet an einer Person. Und zwar nur an dieser.

Mich selbst hat ein guter Bekannter kürzlich gefragt, wie ich das mache. Das mit dem Schreiben. Wie kommen mir da die Ideen? Er könne das einfach nicht.

Ich kann das schon eher. Mich reizen diese komplizierten Dinge. Dinge, die keiner auf Anhieb versteht. Ich will sie anpacken und verständlich machen. Ich will die Nuss einfach knacken.

Und mit diesem Willen und steter Übung habe ich mir inzwischen ein ordentliches Können draufgeschafft. Aber wie ich es im Detail mache, kann ich schlicht nicht sagen. Und selbst wenn ich es könnte, würde es nichts bringen. Auf die wirklich guten Ideen komme ich nur im Eifer des Gefechts.

Was heißt das für die Unternehmen? Können sie keine Könner ausbilden? Doch! Durch Ausprobieren. Durch Aufsteigen, Hinfallen, Körperhaltung-Nachjustieren, Wieder-Hinfallen, Fluchen, Schneller-Treten, Jubeln und Immer-Weiterfahren. Ihr erinnert euch?

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Bildnachweis: © romrodinka – depositphotos.com

 

Soll jeder Depp einfach in die Bütt?

Aha. Also schicke ich die „Nichts-Könner“ einfach zum Kunden? Und dann wird das schon? Nein, so geht es auch nicht. Das wäre ja grob fahrlässig. Was wir meinen, ist schon Üben, ja, aber Üben gemeinsam mit einem Könner.

Nehmen wir den Jan. Der ist top. Der kann Verkaufen. Holla! Wenn ihr den aber fragt, wie er das macht, dann wird das leider nicht viel bringen. Sein Können lässt sich eben schlicht nicht übertragen.

Der einzige Weg: Ausbilden durch Mitgehen. Jan fungiert als lebendes Muster. Der Schüler durchlebt mit ihm gemeinsam diverse Situationen. Er erlebt die Ideen, die Jan generiert. Und so lernt er. Und so eignet er sich das Können an.

Immer? Nein. Wichtig dafür ist noch eine zweite Zutat: Das Talent. Talent, ach klar. Manchem liegt es halt im Blut und manchem nicht. Auch so eine Tugend, die ganz schön überstrapaziert wird. Irgendwie meint jeder, sich mit fehlendem Talent rausreden zu können.

Dennoch ist es wichtig, das Talent. Und zwar in der Form: Fühle ich mich von einer Sache angezogen oder nicht? Will ich mich da reinhängen oder nicht?

Hast du den Traum, Radrennen zu fahren? Oder nur kein Geld für ein Auto?

Wenn ich mir das Bike anschaue und dabei schon ganz kribbelig werde, dann werde ich meinen Fahrstil perfektionieren. Immer und immer wieder.

Ich werde mir Vorbilder suchen und abgucken, was geht. Ich werde mir Tricks draufschaffen und durch ständiges Ausprobieren immer wieder auf neue Ideen kommen. Wenn mich jemand fragt, wie ich dies oder jenes mache, werde ich das gar nicht so recht sagen können. Ich mach es halt.

Wenn ich mir das Bike aber anschaue und denke: Naja, ich brauche das Rad, um von A nach B zu kommen. That’s it. Dann werde ich sicher irgendwie Radfahren können. Aber ein Rennfahrer oder ein Mountainbiker werde ich nie. Da hilft es auch nicht, wenn ich mir immer und immer wieder die Tour de France im Fernsehen anschaue.

Das Geheimnis ist also die Anziehungskraft, die ein bestimmtes Problem für jemanden hat. Oder eben nicht. Wenn es diese Anziehungskraft hat, dann geht da was. Und zwar durch Zutat Nummer eins. Durch Üben. Durch Abgucken.

Wenn unser Schüler also zum „Verkaufs-Könner“ werden soll, dann braucht es zwei Dinge:

  1. Er muss mit Jan in die echten Verkaufssituationen. Ihn einfach nur mal in der Teeküche fragen, bringt nichts. Jan wird ihm das nicht erklären können.
  2. Und er muss sich vom Verkaufen angezogen fühlen. Andernfalls wird Jan ihm rein gar nichts beibringen können.

Braucht das Problem mehr Wissen? Oder doch Können?

Unsere Intrinsifier haben diesen Unterschied verinnerlicht. Sie gehen mit Bedacht an das Problem. Sie verbreiten Wissen da, wo es nützt. Und sie kennen ihre Könner. Sie machen beispielsweise keinen Hehl daraus, dass es jemanden in der Organisation gibt, den man in einem bestimmten Fall einfach schicken muss. Beispielsweise, wenn der Kunde mit einem extrem kniffligen technischen Problem kommt, dass es so noch nicht gab. „Schick den Uwe dahin, dann wird das schon.“

Das ist der Organisation bekannt. Sie verhindert es nicht. Sie versucht nicht, das, was Uwe kann, in Methoden oder Regeln einzufangen. Weil sie weiß, dass das nicht geht. Denn Uwe löst ein Problem, für das es Ideen braucht, kein Wissen.

Übrigens: Echte Talententwicklung ist immer riskant. Man weiß nie, ob wirklich Können dabei entsteht. Ganz im Gegenteil zur Übertragung von Wissen. Lesen. Merken. Fertig. Können entsteht dabei allerdings nie.

Wie läuft es bei euch? Gibt es einen Jan? Oder eine Uwe? Und dürft ihr von denen lernen? Bis ihr es könnt? Wenn ihr das wollt? Und gibt’s Bücher oder Seminare nur noch da, wo es schlicht eine Portion Wissen braucht? Für mehr happy working people!

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Freitag, 9. Januar 2015

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Heiko Stein
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Heiko Stein

Im Großen und Ganzen breite Zustimmung, Herr Poppenburg: vereinfacht und überspitzt auf den Punkt gebracht. Leider ist der Unterschied zwischen Wissen und Können, Laborbedingung und Praxis selten so trennscharf wie im Beispiel dargestellt. Da liegt dann zwischen Weiß und Schwarz noch Etliches an Grautönen …

Oliver Fischer
Gast
Oliver Fischer

Sehr interessanter Artikel, Herr Poppenborg. Wissen ist für mich jedoch die Voraussetzung für Können. Zusammen mit Leidenschaft für das Metier und entsprechende Übung wird man dann im Laufe der Zeit zu einem erfahrenen Profi.

Werner Motzet
Gast
Werner Motzet

Sehr gut beschrieben und dargestellt. Deckt sich sehr stark mit meinen Erfahrungen in mehr als 30 Berufsjahren.
Dr. Wohland hat das auch in einer Studie erarbeitet/belegt und das Phänomen beschrieben und unter dem Titel „Denkwerkzeuge der Höchstleister“ als Buch veröffentlicht. Kurzfassung gibt es auf meinem Blog unter: http://www.motzet-online.de/4web/blogmo.nsf/dx/29.09.2012192028WMONDB.htm
Nochmals vielen Dank, schön, jemand zu finden mit ähnlichen Erfahrungen und Schlußfolgerungen.

Ardalan Ibrahim
Gast
Ardalan Ibrahim

Toller Artikel! – Ich muss jetzt vor allem an all das denken, was man sich sparen kann, wenn man das konsequent für sich durchdenkt und umsetzt. – Fühlt sich allerdings wirklich etwas an wie „Farradfahren“: Weil es am Anfang keine Garantien gibt, dass man nicht hinfällt und dass es nicht wehtun wird, könnte man vor dieser „Unkontrollierbarkeit“ zurückschrecke. V.a. wenn man Verantwortung trägt und ein hohes Pflichtgefühl, „alles richtig zu machen“. Ich denke, manche brauchen hier wirklich einen Begleiter oder Meister, der diese Situation aushaltbar macht. Ich glaube, manche brauchen das (oder vielleicht brauchen wir alle das manchmal?), wenn die… Weiterlesen »

Christine Plaß
Gast
Christine Plaß

Interessantes Thema! Seit wir im letzten Jahr eine Schulung für Callcenter entwickelt haben, beschäftigen Lydia Schültken und ich uns eigentlich unaufhörlich mit der Frage, wie wir Menschen dabei unterstützen können, sich weiter zu entwickeln. Wir wir Wirkung erzeugen können, obwohl so viele Schulungen wirkungslos bleiben. Dabei sind wir auf ein paar Faktoren gestoßen, die ich gern zur Diskussion stellen möchte. Ich glaube nämlich nicht, dass man nur im Tun lernen kann. Ich glaube vielmehr, dass Lernen ein anderes Tun bewirken kann. Von anderen lernen Du schlägst vor, mit einem erfahrenen Kollegen mitzulaufen. Das ist sicher hilfreich. Vieles lässt sich allerdings… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Gerne auf dem Wevent mehr Diskussion dazu. Ich kann Dir nur in wenigen Punkten zustimmen, Christine. Freue mich drauf. Gerhard Wohland ist ja auch auf unserem Wevent in Berlin. Er wird sicher auch einen Beitrag leisten wollen, da wir das ja quasi identisch sehen.

Rick Janda
Gast
Rick Janda

Ein schöner Artikel. Auch ich sage schon seit einer Weile: „Schön, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben. Aber wann kommen wir endlich in die Könnensgesellschaft?“ Üben gemeinsam, resp. mit Feedback eines Könners ist übrigens nichts Neues. Im Gegenteil, das Prinzip von Meister und Geselle hat über Jahrhunderte seine Überlegenheit gegenüber anderen Ausbildungskonzepten gezeigt, wenn es um die Entwicklung von handwerklichen Fertigkeiten und damit um Können und Tun geht. Ob es nun um Software-Entwicklung, Menschenführung oder Verkauft geht, überall ist eine Voraussetzung für Erfolg, dass man sein Handwerk beherrscht. Und ein guter Meister ist schon immer jemand gewesen, der vorher bei… Weiterlesen »

Dominik Karch
Gast
Dominik Karch

Ein wirklich sehr gelungener Artikel zu dem Thema Schulungen. Meiner Meinung nach sind Seminare immer sehr wirkungsvoll und haben meist nur Vorteile für den Teilnehmer.

Fritz Walter
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Fritz Walter

Mein Freund Bernd Mayer hat im Auftrag von Rudolf Wimmer systemische Managementtrainings (Strategisches Management) vom Hernstein Management Institut und des Managementzentrums St. Gallen evaluiert. Die Lehrgänge erstreckten sich über einen Zeitraum von 18 Monaten. Er hat während, am Ende und 6 Monate nach den Trainings Interviews mit den TeilnehmerInnen über den Erfolg bzw. Anwendung des Gelernten geführt. Das Ergebnis: Die meisten Teilnehmenden des HGMT-Lehrgangs hatten nach 6 Monaten viele Seminarinhalte in ihr Verhalten/Tun integriert. Von den Teilnehmenden des MZSG-Lehrgangs hatte fast niemand etwas von dem Gelernten adaptiert und angewandt. Beide Anbieter sagen, ihre Lehrgänge sind systemisch, aber in Wirklichkeit war… Weiterlesen »

SHansen
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SHansen

Interessantes Thema! Sicher braucht es neben Seminaren und Workshops auch das Lernen und Trainieren in der Praxis. Doch Wissen, das durch kompetente Trainer vermittelt wird, gibt Sicherheit. Seminare sind wie die Stützräder am Fahrrad. Im Ernstfall hat man immer etwas, auf das man sich stützen kann. Ohne Weiterbildungen treten wir auf der Stelle und das möchte ja nun auch kein Unternehmen. Wichtig ist, dass Seminare praxisnah sind, und dass die Werte, die vermittelt wurden schnell und einfach in der Praxis umgesetzt werden können.

Anna Hoppe
Gast
Anna Hoppe

Würde mich freuen, wenn dieser Artikel vertont würde.

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