Warum wir keine Führungskräfteentwicklung brauchen

Ein Beitrag von: Mark Poppenborg
Führungskräfteentwicklung ist der Wunsch nach der eierlegenden Wollmischsau, dem Superhelden.

Bildnachweis: © stockillustration – depositphotos.com

Mein transkribierter Kurz-Impuls auf dem DGFP // lab am 24. September 2015

Viele fragen sich wie man Führungskräfte entwickeln kann. Wie man sie in der heutigen dynamischen Welt besser auf ihre Aufgaben vorbereiten kann. Das ist jedoch die falsche Frage. Denn das Problem liegt tiefer begraben. Dazu habe ich am 24. September 2015 einen Kurz-Impuls auf dem DGFP // lab in Berlin gehalten, der dann als These diskutiert wurde.

Denkt mal an den letzten guten Workshop zurück in dem Ihr saßt. Die Stimmung passt, alles fließt. In dieser Situation könnt ihr etwas Beobachten, was soziale Gemeinschaften ausmacht, seitdem es sie gibt: Es entstehen informelle Hierarchien, Nomadische Hierarchien.

Mal lenkt sich die Aufmerksamkeit auf eine Person und mal auf die andere. Doch schnell ist klar, für dieses Thema scheint es Sinn zu machen, auf Peter zu hören. Peter hat plötzlich die Zügel in der Hand. Das weiß Peter und der Rest der Gruppe und für alle ist es gut so.

Denn diese Hierarchie ist sozial legitimiert. Sie ist durch einen non-verbalen Aushandlungsprozess zustande gekommen. Und das entscheidende ist, dass Peter nur deshalb führt, weil andere ihm folgen wollen. Er kann das nicht wollen.

Informelle Hierarchie kann man nicht machen, sie entsteht und zerfällt wieder. Das macht sie so leistungsstark und deshalb ist sie so gut für die schnelle, sich ständig ändernde Welt geeignet.

Und jetzt stellt Euch vor, der Vorgesetzte betritt den Raum. Oder vielleicht sogar sein Vorgesetzter. Plötzlich ändert sich die Fortsetzbarkeitsbedingung der Kommunikation. Plötzlich wirkt noch ein anderes Kraftfeld auf die Anwesenden. Denn neben der informellen Hierarchie gibt es jetzt noch eine formelle Hierarchie im Raum.

Dieser Vorgesetzte war nun aber kürzlich auf einem Seminar »Die Führungskraft als Coach«. Deshalb stellt er jetzt die ganze Zeit Fragen, weil er gelernt hat: »Wer fragt der führt«. Und im Raum herrscht plötzlich eine ziemlich seltsame Stimmung. Die Luft ist so dick, Ihr habt das Gefühl, man kann sie schneiden.

»Was will der jetzt von uns? Wie sollen wir uns wohl verhalten?« Auch so eine Situation habt Ihr wahrscheinlich schon mal erlebt. Plötzlich spielt man irgendwie Theater. Ok klar, man versteht, dass er versucht auf Augenhöhe zu kommunizieren und einer von uns zu sein. Er will durch gute Fragen den Prozess fördern. Und er handelt natürlich mit bester Absicht. Er fand das Seminar überzeugend.

Aber warum ist das dann trotzdem so schwer? Wieso hat man das Gefühl es liegt eine große schimmelnde Katze auf dem Tisch, aber man kann darüber nicht reden?

Weil es eben nicht irgendjemand sondern der Vorgesetzte ist. Weil man mit ihm die Gehaltsverhandlung führt. Weil man mal irgendwann auf seinem Stuhl sitzen will. Weil er den direkten Draht zum CEO hat. Weil er die Beurteilung schreibt. Weil er Einfluss auf die eigenen Aufgaben hat, usw.

Die Rolle des Vorgesetzten, überhaupt die gesamte Grundidee formaler (wohlgemerkt nur der formalen) Hierarchie, ist einmal dazu eingerichtet worden, große Unternehmen zu steuern, die in einem trägen Markt die immer gleichen Dinge tun. Stichwort: Die Fließbandfabrik.

Und Steuerung kann man betreiben, in dem man Anweisungen gibt, belohnt und bestraft. Auf dieser Basis ist formale Hierarchie eine wunderbare Struktur, die zu sensationellen Leistungen im Stande ist.

Für die heutigen Probleme braucht man das immer noch. Aber man braucht auch noch was Zusätzliches. Nämlich die informelle Hierarchie, in der Peter das sagen hat, weil man ihm folgen will, nicht muss. Denn informelle Hierarchie kann im Gegensatz zu formaler Hierarchie mit Dynamik umgehen. Sie kann sich schnell an die Situation anpassen. Sie ist wendig.

Führungskräfteentwicklung ist also deshalb so sinnlos, weil man versucht dem Vogel unter Wasser das Schwimmen beizubringen. Ein Vorgesetzter kann kein Coach sein. Und er kann auch nicht dienen. Das ist eine romantische Überladung der Rolle eines Vorgesetzten. Es ist der Versuch, die eierlegende Wollmilchsau zu entwickeln.

Wir brauchen keine Führungskräfteentwicklung, sondern wir müssen formale Hierarchie auf den Teil der Arbeit beschränken, wo sie uns hilft und überall dort wo sie stört, der informellen Hierarchie ihren Entfaltungsraum lassen.

Der einzig sinnvolle Inhalt einer Führungskräfteentwicklung wäre der, den Führungskräften beizubringen, wie man die Struktur eines Unternehmens so gestaltet, dass die informelle Hierarchie und formale Hierarchie auf eine konstruktive Weise koexistieren können.

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chris
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chris

transkribierter Kurz-Impuls. Ich hau mich weg.

Dr. Thorsten Laube
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Dr. Thorsten Laube

„Ein Vorgesetzter kann kein Coach sein. Und er kann auch nicht dienen.“ Mark, da muss ich Dir leider widersprechen: Ich bin seit vielen Jahren Führungskraft und habe mich immer als Dienstleister meiner Mitarbeiter verstanden. Seit ca. 3 Jahren wende ich die #ToyotaKata an und coache meine direkten Mitarbeiter täglich und diese coachen wiederum ihre Mitarbeiter. Das ganze ist sehr erfolgreich. Die Mitarbeiter entwickeln immer mehr Lösungskompetenz und können autonom an Problemlösungen arbeiten, was wiederum zu mehr Zufriedenheit führt.

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Lieber Thorsten. Dass Du das kannst, nehme ich Dir ab. Dass es im Einzelfall gelingen kann, davon bin ich überzeugt. Aber es ist als Erwartungshaltung unpraktisch und darum geht es mir. Wie so oft, ist meine Absolutheit kritisierbar. D.h. Dein Beispiel beweist, dass es mal gelingen kann. Aber die Voraussetzung ist, dass die Mitarbeiter Dir abnehmen, dass ein Rat keine versteckte Anweisung ist. Nur darum geht es. Wenn die Mitarbeiter befürchten müssen, dass Dein Rat oder Deine Frage als „Coach“ eigentlich eine Anweisung ihres Vorgesetzt ist, dann kollabiert die Widerständigkeit, die Voraussetzung für informelle Hierarchiebildung ist. D.h. in hierarchisch geprägten… Weiterlesen »

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Geschrieben von

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Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

Erschienen am

Donnerstag, 24. September 2015
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