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Wenn anbrüllen geil ist

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Es ist die 52. Rennrunde in Ungarn. Max Verstappens Rennen läuft alles andere als rund.

Plötzlich platzt es über das Teamradio aus ihm heraus: „Nein Kumpel, erzähl mir keinen S***. Ihr habt mir diese bes**** Strategie gegeben. Ok? Jetzt versuche ich, zu retten, was geht. Verdammte S***“ 

Kurz darauf fällen zahlreiche Sportreporter ihre Urteile. Die einhellige Meinung: So kann man nicht mit seinem Team reden.

Nach dem Rennen blasen etliche Kommentatoren ins gleiche Horn. „Unverschämt! Respektlos! Arrogant! Unreif!“

Das Vorurteil ist erneut bestätigt: Max Verstappen ist der Schurke. Ein guter Fahrer – keine Frage – aber ein erbärmlicher Kommunikator. Seine armen Kollegen hätten einen solchen Umgang nicht verdient.

Aber übersehen die Kommentatoren vielleicht etwas, das auch im Unternehmen häufig übersehen wird? Sitzen sie einem gefährlichen Irrtum auf?

Höchstleistung in jeder Sekunde

Ich bin Formel-1-Fan. Sicher kein Geek, aber definitiv hoch hochinteressiert.

Es ist doch faszinierend, wie dieser ganze Zirkus funktioniert. Wie die Fahrer ihr Blinzeln kontrollieren können, sodass sie in den Kurven die Augen nicht schließen müssen. Wie alle vier Reifen innerhalb von 1,9 Sekunden gewechselt werden können. Wie so ein Bolide nach einem heftigen Crash innerhalb weniger Stunden wieder fahrtüchtig ist.

Formel 1 ist echte Höchstleistung. 

Der Ausnahmesportler Max Verstappen – der vierfache Weltmeister – wird in diesem Sport häufig und insbesondere in der englischen Presse als der Antiheld gehandelt.

Wenn die Dinge mal nicht so gut laufen, dann hört man ihn über das Radio schimpfen. Manche der zügellosen Emotionsausbrüche werden von der Redaktion mit PIEEEPs überspielt, bei der Verwendung des F-Wortes ohnehin. 

Schützend werfen sich Fans und Presse dann vor das Team von Max: „So redet man nicht mit seinen Kollegen“, lautet das klare Urteil. Mad Max, den muss man zensieren.

Sagt wer?

Wer sich zum Retter erhebt, erzeugt Täter und Opfer 

Partei ergreifen tun nicht nur Formel-1-Experten. Im Unternehmen passiert das auch ständig. 

Organisationsentwickler ergreifen etwa Partei für die Mitarbeiter. Oder Mitarbeiter für andere Mitarbeiter. Oder Berater für eine unterdrückte Abteilung. Und gesellschaftlich ist es ja ohnehin Usus, sich schützend vor andere zu schmeißen.

Aber wieso maßen sich Menschen eigentlich an, sich in eine Beziehung anderer einmischen zu können? Wieso gehen sie davon aus, dass die Mechaniker von Max nicht für sich selbst sprechen können? Und warum denkt ein Mitarbeiter über seine Kollegen, sie bräuchten Schutz?

Machen die Retter das vielleicht gar nicht für die vermeintlichen Opfer? Machen sie das vielleicht für sich selbst?

Indem sie Partei für die Schwachen ergreifen, können sie sich selbst stärker fühlen. Sie machen sich zu den moralisch Guten.

Und widersprechen ist schwer, denn es wirkt so großzügig und positiv.

Doch Gutmenschen sind nicht die besseren Menschen. Sie geben sich nur besser. Und wenn Du mich fragst, richten sie sogar Schaden an. Denn indem sie sich erheben, treiben sie unbewusst einen Keil zwischen Opfer und Täter und machen diejenigen klein, für die sie einstehen wollen.

Manche denken jetzt: Gutmenschen hin oder her, es gibt doch wohl Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. Sonst können sich Menschen wie Max Verstappen bald alles herausnehmen. Mad Max, den muss man halt zensieren.

Aber Moment, hat eigentlich jemand mal das Team von Max gefragt? Also wie die sich damit fühlen?

"Es gibt keinen richtigen Kommunikationsstil, es gibt nur funktionale und dysfunktionale Kommunikation.
Mark Poppenborg
"

Das Instrument macht den Ton, nicht nur der Musiker

Erfreulicherweise urteilen nicht alle direkt, manche interessieren sich auch für die Perspektive der vermeintlichen Opfer.

Jake Humphrey gehört zu diesen Menschen. Der hat sich in seinem High Performance Podcast nämlich mit Calum Nicholas unterhalten. Calum ist Mechaniker bei Red Bull Racing, dem Rennstall von Max Verstappen.

Und auf die Frage von Jake reagiert Calum mit einer womöglich überraschenden Antwort: „Niemand von uns nimmt das persönlich“, räumt er sofort ein. „Und niemand wünscht sich, dass Max seinen Kommunikationsstil ändert“, fährt er fort. 

„Wir wollen alle gewinnen und seine Sprache ist unsere Sprache. So reden wir miteinander.“

Für mich war dieses Interview gleich in dreifacher Hinsicht ein Hochmoment.

Erstens, weil Jake Humphrey nicht auf sich fokussiert ist und versucht, ein paar schnelle Gesinnungspunkte beim Publikum zu verdienen, indem er den Moralapostel spielt. 

Zweitens, weil in dem Interview unmissverständlich deutlich wird, dass das Schurken-Narrativ genau das ist: ein Narrativ. Nicht nur Calum Nicholas, sondern viele andere, die hinter den Kulissen über Max Verstappen sprechen, berichten davon, was für ein aufrichtiger und authentischer Mensch er ist.

Und vor allem drittens: Die Geschichte ist ein Paradebeispiel für einen gängigen Irrtum, der sich jenseits der Formel 1 in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft beobachten lässt.

Meist wird angenommen, Kommunikationsstile könnten für sich genommen gut oder schlecht sein. Dabei wird übersehen, dass jede Mitteilung ihre Bedeutung immer erst in dem Kontext erfährt, in dem sie abgesetzt wird.

Welchen Klang eine Gitarre erzeugt, hängt von ihrer Form ab, aus welchem Material sie besteht und ob sie gestimmt ist. Auch wenn der Musiker immer die gleiche Handbewegung macht, unterscheidet sich der Ton. Der Ton wird also auch vom Instrument erzeugt, nicht nur vom Musiker.

So ist es auch bei Max. Und bei Führungskräften in Unternehmen. Und bei Politikern. Und bei mir in meinem Freundeskreis.

Du kannst nie wissen, was eine Aussage bedeutet, bevor Du die Reaktion erlebt hast.

Der Ton, den wir glauben zu hören, wenn jemand zu anderen spricht, sagt mehr über uns aus als über die Person, die die Mitteilung absetzt. Es sind wir selbst, die unsere Annahmen in die Situation hineinprojizieren.

Deshalb urteilen wir eigentlich nicht über andere, wenn wir urteilen. Eigentlich urteilen wir über uns selbst. Denn wir beobachten die Welt durch unsere Annahmen über die Welt. Mich hat diese Erkenntnis etwas demütiger gemacht.

Für das Red Bull Racing Team funktioniert der Kommunikationsstil von Max. In einer Anwaltskanzlei Y funktioniert ein anderer Ton als in Anwaltskanzlei X. In Familie A ist der eine Kommunikationsstil ein Zugehörigkeitsmerkmal, während er in Familie B als Distanzierung interpretiert würde. Bei manchen Kumpels ist die Beleidigung ein Ausdruck freundschaftlicher Liebe. Andere signalisieren diese durch überschwängliche Lobhudeleien.

Kurzum: Jedes Kommunikationssystem ist anders. Deshalb gibt es nicht den einen richtigen Kommunikationsstil.

Und wo ich mir gerade selbst so beim Schreiben über die Schulter schaue, fällt mir noch was ein: War da nicht diese Authentizität, die immer alle fordern?

Wer immer Etikette fordert, fördert Etikettenschwindel

Authentizität ist die vermutlich meist geforderte Persönlichkeitseigenschaft, aber kaum jemand scheint mit den Konsequenzen leben zu wollen.

Wenn Authentizität das Gegenteil von Schein, Täuschung oder gar Fälschung ist, wenn also Schein und Sein im Einklang sein müssen, um von authentischen Menschen reden zu können, dann müsste Max Verstappen einer der authentischsten Menschen sein. 

Deshalb halte ich die Authentizitätsforderung für eine Verkleidung. Ich glaube, in Wahrheit steckt dahinter der Wunsch nach Angepasstheit an ein Ideal. Ein Ideal, das Sehnsüchte in uns weckt. Sehnsüchte nach kindlicher Unbekümmertheit, Humor, Gelassenheit und einer Prise Ironie.

Aber echte Authentizität wünscht sich kaum jemand. Und wenn wir sie dann doch mal bekommen – wie von Max Verstappen – dann wird sie schnell als Geschmacklosigkeit bezeichnet.

Es braucht kein Psychologiestudium, um zu erkennen, dass diese Interpretation von Authentizität eher Etikettenschwindel fördert als echte Authentizität. Denn wer gefallen will, wird gefällig handeln, nicht authentisch.

Übrigens, wenn Du Lust hast, selbst Zeuge von Mad Max zu werden, dürftest Du diese Saison einige Gelegenheiten dazu haben. Der Red Bull scheint seine Dominanz verloren zu haben. Wenn Du Pieps-Töne sammeln willst, wirst Du also auf Deine Kosten kommen.

Lust auf eine Vertiefung? Fabian hat nachgebohrt und mir zu diesen Gedanken bereits einige Folgefragen in dieser Episode unseres Podcasts „Zwiebelschälen bis zum Kern“ gestellt.

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Sehr toller Beitrag, der mich stark zum Nachdenken bewegt. Ich ertappe mich gerade dabei auch gerne die Rolle des „Moralapostel“ einzu nehmen. Tatsächlich noch nie mit der Perspektive, die ihr eingebracht habt.

Toller Beitrag. Mein Mund ist manchmal schneller als mein Hirn. Dann sind meine Sätze nicht immer so sanft, wie ich sie gerne hätte, aber immerhin authentisch, wie ich gerade gelesen habe 😉 Ist aber auch ein guter Impuls für das Verhältnis von Ohren und Gehirn. Letzteres hört manchmal Metabotschaften, die ggf. garnicht gesendet wurden.

Vielen Dank für diesen spannenden Artikel, Mark! Du regst damit tatsächlich eine wichtige Diskussion an.

Ich möchte allerdings ein paar Gedanken ergänzen bzw. widersprechen:

1. Brüllen ist Kontrollverlust

Du argumentierst, dass die Kommunikation von Max Verstappen innerhalb seines Teams funktioniert und daher nicht automatisch schlecht ist. Sicherlich hat jede Gruppe ihre eigene Sprache und Form der Interaktion. Dennoch sollte man klarstellen: Wenn jemand andere anbrüllt, deutet das zunächst auf einen Kontrollverlust hin. Natürlich passiert das unter Stress, Anspannung und extremer Belastung. Es ist nachvollziehbar, dass auch ein Profi-Sportler wie Max in solchen Situationen emotional reagiert. Aber emotionaler Kontrollverlust sollte die Ausnahme bleiben, kein Normalzustand. Als regelmäßiges Kommunikationsmittel ist er weder förderlich noch dauerhaft akzeptabel, selbst wenn das Team es toleriert.

2. Kontrollverlust erklären – ja, akzeptieren als Normalität – nein

Du schreibst, die Kommunikation muss im Kontext betrachtet werden. Richtig – ein gelegentlicher Ausbruch lässt sich durchaus erklären und nachvollziehen. Dennoch bleibt es kritisch, daraus abzuleiten, dass dauerhaftes, aggressives Verhalten in der Kommunikation unproblematisch sei, nur weil es von einer Gruppe akzeptiert wird. Kommunikation auf Augenhöhe ist für langfristige Zusammenarbeit nachhaltiger, gerade unter extremem Leistungsdruck. Emotionaler Kontrollverlust kann erklärbar und menschlich sein – aber er sollte nicht zum Standard erhoben werden.

3. Vorsicht beim Framing „Gutmensch“

Ein wichtiger Punkt noch zum Begriff „Gutmensch“: Mir fällt auf, dass du diesen Ausdruck benutzt, um Personen zu beschreiben, die vermeintlich moralische Überlegenheit demonstrieren wollen. Allerdings sollten wir vorsichtig sein, denn „Gutmensch“ ist ein Begriff, der inzwischen stark von rechtsaußen geprägt und instrumentalisiert wurde, um Empathie und Solidarität grundsätzlich abzuwerten. Ich möchte dir keineswegs unterstellen, dass du dies beabsichtigst – aber gerade in Debatten über Kommunikation wäre es hilfreich, sensibel mit Begriffen umzugehen, die von menschenfeindlicher Seite vereinnahmt worden sind.

4. Musiker und Instrument

Zuletzt noch ein Einwand zu deiner Metapher vom Musiker und seinem Instrument: Du schreibst, dass der Ton vom Instrument abhängt, nicht vom Musiker. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Natürlich beeinflusst das Instrument den Klang erheblich, aber letztendlich ist es die Kompetenz, Erfahrung und Virtuosität des Musikers, die über das Ergebnis entscheidet. Eine Stradivari klingt in den Händen eines Anfängers völlig anders als in denen einer Meister-Violinistin. Übersetzt auf die Kommunikation: Jeder Sprecher trägt entscheidend Verantwortung für die Qualität seiner Botschaft, selbst wenn der Kontext (Instrument) diese maßgeblich beeinflusst.

Fazit: Der Kontext und die Gruppe bestimmen sicherlich mit, was akzeptierte Kommunikation ist. Aber Verantwortung und Reflexion über den eigenen Tonfall bleiben essenziell. Kontrollverlust sollte immer Ausnahme bleiben – und wenn er auftritt, sollte er nicht glorifiziert werden.

Danke jedenfalls für den sehr anregenden Artikel, der viel Stoff zum Nachdenken liefert!

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