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Wer denkt über Dein Vermögen nach?

Warum Du über Dein Girokonto hinaus denken solltest

Gehörst Du auch zu denen, die manchmal morgens schon auf dem Smartphone einen Blick in die Banking-App werfen? Vielleicht wurden ja die Rundfunkgebühren abgebucht oder Netflix und das Fitnessstudio haben den Beitrag eingezogen.

Zumindest in unser Portmonee schauen wir fast täglich. Mal sind 150 Euro drin, mal nur 25. Manchmal ist auch Ebbe und man steht an der Supermarktkasse. Dann bin ich immer froh mit einem Stück Plastik bezahlen zu können.

Kurzfristig und operativ ist Geld transparent und wir haben einen guten Überblick darüber, ob wir noch bis zum Monatsende hinkommen, etwas über haben werden oder Geld vom Sparkonto abheben müssen. Aber wie sieht es sonst aus mit unseren Finanzen? Wie ist das Vermögen strukturiert? Welche Verbindlichkeiten stehen dem gegenüber? Wo soll die Reise hingehen, wenn wir mal über den Monatswechsel hinausschauen?

Bildnachweis: © olly18 – depositphotos.com

Ja, wer denkt eigentlich über Dein Vermögen nach? In welchem der drei folgenden Fälle findest Du Dich am ehesten wieder?

Erster Fall

Niemand denkt aktiv über Dein Vermögen nach. Es ist schon irgendwie etwas da, der Betrag auf dem Sparkonto ist Dir auch noch gegenwärtig. Aber eine Gesamtübersicht gibt es nicht. Und was zählt man überhaupt dazu?

Zweiter Fall

Ein Bank- oder Vermögensberater denkt über Dein Vermögen nach. Ich behaupte, das nur temporär. Sie oder er hat nach dem Beratungstermin auch gar kein Interesse weiter darüber nachzudenken.

Dritter Fall

Du selbst denkst über Dein Vermögen, und wie es sich entwickeln soll, nach. Wenn Du meinen Artikel Über Geld spricht man nicht gelesen hast, weißt Du, dass das meine favorisierte Variante ist. Das möchte ich hier nochmal aufgreifen.

Probleme extern motivierter Finanzentscheidungen

Wer sich nicht selbst mit seinen Finanzen beschäftigen möchte, kann das Thema an Berater abgeben. Das Problem damit, im Wesentlichen der Interessenkonflikt, habe ich in meinem ersten Artikel angesprochen. Aber das ist nicht alles.

Langfristig denken und handeln

Während wir in der realen Wirtschaft immer schneller und flexibler reagieren müssen, um am Markt erfolgreich zu bleiben, erzielen wir bezüglich unserer Finanzen die beste Rendite ( oder genauer: das beste Rendite/Risiko-Profil), wenn wir langfristig orientiert denken und handeln.

Wenn externe Einflüsse auf Deine Entscheidungen eine dominierende Rolle spielen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Du in ein paar Jahren wieder alles über den Haufen wirfst, weil Du nicht intrinsisch von Deinen Entscheidungen überzeugt warst.

Zwei frei erfundene Beispiele

Tobias Egger (24) schließt bei seinem Versicherungsvertreter noch im Dezember eine private Rentenversicherung ab. Er darf sich auf steuerfreie Auszahlungen im Rentenalter freuen. Die Gesetzte ändern sich, für Verträge ab Januar gibt es dieses Steuerprivileg nicht mehr.

Ralph Zimmermann (36) investiert in das erst seit diesem Jahr erhältliche und von seinem Berater umworbene Zertifikat auf Nanotechnologie-Aktien. Die neue Technologie verspricht für die Unternehmen hohe Gewinne, so steht es auch im Börsenbrief. Da muss man jetzt doch dabei sein!

Auch Tobias wird mit den hohen Renditen der Tech-Aktien konfrontiert und bekommt Zweifel, ob er nicht die Versicherung kündigen und stattdessen Aktien kaufen sollte. Langfristig verspricht er sich davon jetzt eine höhere Rendite. Alle bis dato angefallenen Kosten der Versicherung wären dann verschenkt.

Nach drei Jahren, als Ralphs Zertifikat sich im Preis mehr als halbiert hat, steigt er aus und springt auf den in den Medien präsenten Rohstofftrend auf.

Welche Einflüsse wirken auf den Aktionismus?

Hat Tobias darüber nachgedacht, welche Aufgabe die Rentenversicherung in seinem Produktportfolio übernehmen soll? Oder war die Androhung der Politik, in Zukunft würde man Ansprüche aus privaten Rentenversicherungen versteuern müssen, eine willkommene Argumentationshilfe für den Versicherungsvertreter?

Hat Ralph mit dem Nanotech-Zertifikat eine Lücke seiner strategischen Vermögensbildung geschlossen, sein Portfolio optimiert? Ist er das Risiko bewusst eingegangen? Oder haben ihn beim Ausblick auf die Kurssteigerungen die Emotionen gepackt?

Hier waren externe Trigger am Werk: Die Empfehlungen der Berater in Kombination mit der Last Minute-Sirene für Steuerersparnis bzw. den Hype-Themen in den Medien.

Nach taktischen oder emotionalen Entscheidungen, die wir nicht im Rahmen einer langfristig angelegten Strategie treffen, stehen die Chancen gut, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt umsteuern. Und dabei verschenken wir oft Geld bzw. Rendite.

Die Renditen der Toten

Dieser Absatz ist makaber. Er bringt aber auf verblüffende Weise rüber, wie sogar das Nichtstun bei der Vermögensbildung zum Erfolg führen kann. Wo sonst doch gilt: ohne Fleiß kein Preis.

Banken haben ausgewertet, wie sich längt in Vergessenheit geratene Wertpapierdepots entwickeln. Das auf den ersten Blick überraschende Ergebnis: Im Durchschnitt entwickeln sich die verwaisten Depots besser als die, in denen die Kunden ihre Finanzprodukte aktiv handeln.

Vermögen ganzheitlich betrachten

Bei Finanzentscheidungen beziehen wir häufig nur einen Teil unseres gesamten Vermögens in unsere Überlegungen ein. Wie Mitarbeiter in funktional getrennten Abteilungen häufig nur ihren Bereich sehen, anstatt das gesamte Unternehmen bei der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen.

Wir teilen unser Vermögen gedanklich in verschiedene Töpfe ein. Das führt, wie in Unternehmen auch, zu lokalen Optima. Gute Finanzentscheidungen berücksichtigen das Vermögen ganzheitlich.

Zwei frei erfundene Beispiele

Katja Schröder (42, Angestellte im öff. Dienst) und ihr Mann Carsten Schröder (43, verbeamteter Lehrer) haben 30.000 Euro geerbt. Die beiden wohnen zur Miete, teilen sich ein noch neues Auto und Tochter Sophie hat gerade einen Ausbildungsvertrag unterschrieben.

Katja möchte das Geld nun anlegen. Auf dem Sparkonto gibt es schließlich kaum noch Zinsen. Die Schröders investieren 25.000 Euro in einen defensiven Mischfonds, der zum größten Teil in Euro-Staatsanleihen investiert und bis zu 30% Aktien beimischen darf.

 

Doreen Kaufmann (52) wohnt in Oberursel am Taunus in ihrem eigenen, gemütlich eingerichteten Wohnhaus. Sie hat ebenfalls die Summe von 30.000 Euro auf der hohen Kante und möchte investieren.

Doreen erblickt bei einer Tasse frisch gebrühten Filterkaffee eine Anzeige in einer lokalen Zeitung „Der Speckgürtel von Frankfurt am Main, ein lukrativer Standort für Mietimmobilien“. Sie investiert 30.000 Euro in einen Immobilienfonds, der aus wunderschönen Wohn-ensembles in Bad Soden, Königstein und Kronberg besteht.

Klumpenrisiko

Euch ist sicher schon aufgefallen, worauf ich hinaus will. Katja und Carsten beziehen ein als sicher geltendes Einkommen vom deutschen Staat. Wenn man das berücksichtigt, darf es bei der Vermögensbildung eine Portion mehr Risiko sein. Stattdessen entscheiden sie sich für ein Produkt mit geringem Risiko-Anteil (hier der Aktien-Anteil). Auch wenn es abwegig ist, aber um es auf die Spitze zu treiben: Wenn der Staat ausfällt, fallen Einkommen und 70% des Mischfonds aus.

Doreen setzt voll und ganz auf Immobilien. Ihre eigene liegt ebenso wie die Immobilien des Fonds im Speckgürtel von Frankfurt am Taunus. Auch wenn der Immobilienfonds gute Renditen abwirft, scheint das für Doreen keine rationale Entscheidung zu sein. Verlieren die Immobilien an Wert, weil ab sofort zum Beispiel Airbusse drüber fliegen, dann wird auch ihre Immobilie an Marktwert verlieren.

Beide Fälle zeigen, dass es, unabhängig vom Chance/Risiko-Profil einer einzelnen Anlage, wichtig ist, diese im gesamten Vermögenskontext zu bewerten.

Bevor wir größere Finanzentscheidungen treffen, sollten wir uns selbst einen Überblick verschaffen und unsere Vermögensstruktur präsent haben.

Risikoaversion – typisch deutsch

Viele Deutsche agieren bei dem Thema Geldanlage risikoavers. Sie parken Geld auf dem Festgeldkonto, besparen Banksparpläne oder schließen private Rentenversicherungen ab, in der Regel mit Garantiezins. Nach der neuesten Studie zu den Aktionärszahlen des Deutschen Aktieninstituts besaßen im Jahr 2017 rund 15,7% der Bevölkerung Aktien oder Aktienfonds.

Wir Deutschen lieben die Beständigkeit. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Aktienkursen, die sich mehrfach pro Sekunde ändern. Unsere Fehlerkultur übernehmen wir schon im Kindergarten und in der Schule. Und wenn ich einfach beim Sparbuch bleibe, dann kann ich keine Fehler machen.

Dabei ist ein individuell passendes Risiko-Niveau bezogen auf das gesamte Vermögen nur rational. Denn ohne Risiko, keine nennenswerte Rendite. Eine Rendite über der des Sparbuchs sollte es aber schon sein, wenn man wirksam für den Vermögensaufbau oder die Altersvorsorge anlegen möchte.

Ich werbe nicht für Spielkasinos und hochriskante Finanzprodukte. Es geht darum, uns unser aktuelles Rendite/Risiko-Profil bewusst zu machen und gute Entscheidungen zu treffen, um dieses dahin zubringen, wo wir es individuell haben wollen.

Fazit und Ausblick

Die ganzheitliche Betrachtung der Vermögensstruktur, ein auf Langfristigkeit ausgerichtetes Denken und eine rationale Portion Risiko sind Grundbausteine für gute Finanzentscheidungen.

Im nächsten Artikel beschäftige ich mich näher mit dem Begriff „Vermögen“. Ich werfe einige Fragestellungen auf und bringe Denkansätze zur Diskussion. Für die Strukturierung des privaten Vermögens stelle ich einen pragmatischen Ansatz vor. Motto: Wer denkt über Dein Vermögen nach? Am besten Du!

So long, not short

Torben

 

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Geschrieben von

Blogauthor Torben Müller intrinsify.me
Torben Müller

Torben ist über die Themen sinnstiftende Arbeit und moderne Unternehmensführung auf Intrinsify gestoßen. Zwei seiner großen Leidenschaften sind Wirtschaft und Börse. Im Laufe seiner zwei Jahrzehnte Finanzmarkterfahrung, hat er sich entschieden seine privaten Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Heute investiert er strategisch und „passiv“, teilt seine Erfahrungen in Blogs und ist Sparringspartner in Finanz-Coachings.

Erschienen am

Donnerstag, 26. April 2018

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1 Kommentar auf "Wer denkt über Dein Vermögen nach?"

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