Systemtheorie: Wieso sie für moderne Unternehmensführung unverzichtbar ist

Was ist eigentlich die Systemtheorie?

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Eine kompakte Einführung in die Systemtheorie zur Nutzung bei der Beobachtung von Unternehmen.

Wenn es um „Zukunft der Arbeit“ oder „moderne Unternehmensführung“ geht, dann hört man immer wieder auch von der Systemtheorie. Warum eigentlich? Was steckt dahinter? Und warum könnte es wichtig sein, sich damit vertraut zu machen? Lust auf einen gedanklichen Ausflug?
Die meisten unter uns wachsen in ihrer Ausbildung mit der klassischen Betriebswirtschaftslehre (BWL) auf. Auch dann, wenn wir sie nicht studieren. Die BWL ist eine Lehre, die die formalen Strukturen einer Organisation beschreibt – ihre Hierarchieverhältnisse, Prozesse, Regeln, Methoden usw. Und dieses Wissen nutzen wir dann, um Organisation zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Zumindest versuchen wir das.

Die BWL funktioniert auch prima – wenn es darum geht, Normen zu administrieren. Doch bei den modernen Problemen in Organisationen stößt sie an ihre Grenzen. Sie kann nicht verstehen, warum sie mit ihrem Arztkoffer hier nicht weiter kommt.

Der Jäger kann sich nicht irgendwo einrichten, er muss hinterher.

Organisationen stehen heute unter dem hohen Druck, den ihre Wettbewerber auf sie ausüben. Sie sind ständig darauf angewiesen, Innovationen hervorzubringen, um für den Kunden weiterhin eine geeignete Wahl zu sein.

Für diesen Jagdinstinkt, für dieses „Hinterher-Sein“ sind die bisherigen Prozesse einer Organisation nicht ausgelegt. Sie reproduzieren ja immer nur das schon Vorhandene.

Deshalb entstehen heute auch in den konservativsten Konzernen »versteckte« Lösungen. Sie halten das Unternehmen auch unter diesen rauen Bedingungen am Leben. Doch diese Probleme bekommt die BWL nicht in den Blick. Dafür ist sie blind.

Es braucht also etwas anderes. Eine andere Theorie. Etwas, das geeignet ist, die Phänomene in Organisationen besser zu erklären. Und sie vielleicht so fitter für die Jagd zu machen.
Die Neue Systemtheorie von Niklas Luhmann bietet hier einen sehr hilfreichen Denkansatz. Sie stellt ein Erklärungsmodell für soziale Systeme zur Verfügung und lässt damit auch einen geradezu revolutionär neuen Blick auf Unternehmen zu.

Es sieht nur so aus, als bestünden Unternehmen aus Menschen…

„Sind die jetzt ganz und gar verrückt geworden“, fragt sich womöglich der eine oder andere. „Wenn man in so ein Unternehmen reinspaziert, was findet man denn da? Menschen. Na also.“

Ja, vordergründig scheint das so zu sein. Der Ansatz der Systemtheorie besteht jedoch darin, anzunehmen, dass der Mensch eben gerade NICHT Teil des Unternehmens ist.

Stattdessen stellt man sich vor, eine Organisation sei ein geschlossenes System. Ein System also, das ein Eigenleben führt.

Ein Eigenleben zu führen, heißt, dass sich die Vorgänge eines Systems ständig selbst generieren – also nicht von außen bestimmt werden. Und dass ein Vorgang stets dem anderen logisch folgt. In der Fachsprache nennt man dies Autopoiese.

Die Art der Vorgänge in einem sozialen System wie einem Unternehmen sind Kommunikationsereignisse, die aufeinander folgen.

Solange ein System die Kommunikation fortsetzen kann, lebt es.

Gelingt die Kommunikation in einer solchen Organisation nicht mehr, stirbt sie.

Die Fliege nimmt sich nicht vor, wegzufliegen. Dieses Verhalten hat einfach zum Überleben gereicht.

Die Organisation hat selbst kein Bewusstsein, keine Intelligenz. In unserem Beitrag zum Thema „Vision“ hatten wir es schon einmal angesprochen: Die Organisation wählt ihre Kommunikationsereignisse schlicht aus dem Fundus aus, der in der Vergangenheit schon mal ganz gut gelungen ist. Und das ganz unbewusst.

Das kann man vergleichen mit einer Fliege. Die Fliege fliegt nicht weg, weil sie die Fliegenklatsche auf sich zu schnellen sieht und denkt: „Oh, ich sollte jetzt wohl lieber wegfliegen, weil ich überleben will.“

Stattdessen reagiert ihr Körper unbewusst auf diesen Außenreiz, weil das Wegfliegen in der Vergangenheit das Überleben gesichert hat. Es gab auch mal Fliegen, die nicht weggeflogen sind. Doch diese sind schnell ausgestorben.

Der Evolutionsprozess hat also nur die Fliegen übrig gelassen, denen das Überleben besser gelang, weil sie zufällig diese Reaktion – Wegzufliegen, wenn etwas auf sie zurast – aufgezeigt haben.

So ähnlich ist es auch mit der Organisation. Kommunikationsereignisse, die sich als nützlich erwiesen haben, werden fortgeführt. Die anderen, die keinen Anschluss gefunden haben, sind schlichtweg ausgestorben.

So. Jetzt wissen wir also, dass ein Unternehmen ein soziales System ist, das ein Eigenleben führt und durch die passenden Kommunikationsereignisse überlebt.

Welche Rolle spielt jetzt der Mensch in diesem Bild?

Die menschliche Psyche ist ebenfalls ein System, wobei hier die Grundoperation nicht die Kommunikation ist, sondern es werden Gedanken produziert. Einer nach dem anderen. Und nur die, die sich in irgendeiner Form bewährt haben.

Diese menschliche Psyche kann als System nicht Bestandteil eines sozialen Systems sein. Für eine Organisation sind die menschlichen Psychen letztlich NUR UMWELT.

„Wir sind nur die Randfigur‘n…“

Das kann man sich vorstellen wie ein Schachspiel. Die Organisation ist das Spiel – mit all seinen Spielfiguren und Regeln. Aber die Organisation besteht – wie das Schachspiel – nicht aus den Spielern.

Systemtheorie

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Ohne die Spieler kann das Spiel zwar nicht gespielt werden, aber die Spieler sind eben nicht die Autoren des Spiels. Das Drehbuch gibt’s schon. Die Regeln sind klar.

Wenn sich die Menschen jetzt an den Spieltisch begeben und das Spiel beginnen, dann tun sie das als Spieler A und Spieler B. In diesem Rahmen ist es komplett egal, was A sonst noch für Hobbies oder Überzeugungen pflegt.

Am Spielgeschehen ist immer nur ein kleiner Teil – die Rolle nämlich, in die sie als Spieler A und B schlüpfen. Und diese Rolle ist bereits komplett vom Spiel konstruiert.

Genauso ist es auch in jedem sozialen System. Die beteiligten Personen, sind nichts als Konstruktionen des Sozialsystems. Klingt fies, oder? Hier geht es aber nicht um schön oder hässlich, gut oder schlecht, sondern nur darum, ob uns eine Theorie beim Verstehen nützlich sein kann. Und genau das tut die Systemtheorie.

Es hilft, wenn man sich bewusst macht, dass es hier nicht um den Menschen als Ganzes geht. Nicht wir als Martens oder Schulze sind die Figur im Spiel, sondern wir in der gewählten Rolle – sagen wir als Vertriebler oder Einkäufer – sind es.

Und für jedes System gibt es eine andere Maske. Diese Maske wird immer durch das jeweilige Sozialsystem bereitgestellt und die Psyche muss dann exakt die Kommunikation einspeisen, die zum System passt.

Wenn ich die Maske „Fußballfan im Stadion“ aufhabe, darf ich Bier trinken und rumgrölen. Wenn ich mit meiner Maske als Repräsentant einer Bank unterwegs bin, lasse ich Biergenuss und Grölen lieber sein.

Die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen.

Sei es beim Schachspiel oder in einer Organisation – jedes Spiel hat seine Regeln. Wie der Spieler beim Schachspiel, muss sich auch die Person im Unternehmen an die Regeln des Spiels halten. Sie ist ja schließlich eine Konstruktion des Spiels.

Das heißt, unser Schachspieler sucht sich nicht aus, wie er die Figur setzt, sondern die Zugmöglichkeiten stehen schlichtweg fest. Und der Turm geht nun mal nur geradeaus.

Im Unternehmen sind es die kulturellen Regeln, die das Spiel bestimmen. Sie gestalten den Handlungsrahmen und reduzieren dabei das Mögliche auf das Wahrscheinliche.

Sie geben vor, wie man sich kleidet, welche Dienstwege einzuhalten sind und welcher Umgangston gepflegt wird.

Diese Regeln werden nicht nach Belieben eingebracht, sondern sie sind durch die Vergangenheit bestimmt. Die Kultur im Unternehmen sammelt alle bisherigen Entscheidungen. Sie ist das Gedächtnis des Unternehmens.

Bei jedem Kommunikationsvorgang erinnert man sich an die bisherigen Entscheidungen. Manche sind gut ausgegangen, manche weniger.

Die erfolglosen werden nicht wiederholt. Und so werden über die Zeit hinweg bestimmte Kommunikationsereignisse eben wahrscheinlicher. Und andere nicht.

Und wenn ich dann doch mal gegen die Regeln verstoße? Dann springt sofort der Immunapparat der Organisation an.

Wenn ein Mitarbeiter den Chef anschreit oder wenn ein Spieler den Bauern drei Felder vor setzt, dann passt das eben nicht. Das System reagiert.

Der Mitarbeiter verlässt möglicherweise das Unternehmen. Und das Schachspiel wird sich über seine Regeln sofort den Normalbetrieb »zurückholen«.

Übrigens: Je größer das Sozialsystem, desto geringer der Einfluss einer einzelnen Psyche. Denn dann hat das Sozialsystem ja nicht nur wenige relevante psychische Systeme in der Umwelt, sondern viele.

Da kann der Schmidt schon mal kündigen und der Meier dazukommen.  Deswegen ändern sich die Spielregeln noch lange nicht.

In einem kleinen Sozialsystem jedoch, sagen wir einem Unternehmen mit drei Personen, ist der Einfluss einer jeden Psyche ungleich höher, so dass ihre Auswechselung große Auswirkungen haben kann.

Die „stille Treppe“ ist passé.

Wenn man diese Theorie der sozialen Systeme einmal verstanden hat und annehmen kann, dann sind ganz neue Denkwege im Umgang mit einer Organisation möglich – insbesondere bei der Suche nach Ursachen bestimmter Symptome.

Anstatt die Ursache – wie gewohnt – bei einem MENSCHEN zu suchen, ihm also die Schuld an einem positiven oder negativen Ereignis zuzuschreiben, kann man sich nunmehr auf die Suche nach dem KOMMUNIKATIONSMUSTER machen, das dieses Symptom hervorruft.

Wenn uns also missfällt, dass Spieler A die Dame von Spieler B nimmt, ist es wenig hilfreich, Spieler A einen Vorwurf zu machen. Viel hilfreicher ist es zu erkennen, dass dies eben der einzige Zug war, der nach den Spielregeln Sinn gemacht hat. Es ist also praktisch nach dem Sinn im vermeintlichen Unsinn zu suchen.
Es ist ratsamer, die Ereignisse in der Familie unter die Lupe zu nehmen, als das „unartige“ Kind einfach auf die „stille Treppe“ zu schicken.
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Die Belehrung oder Bestrafung – sei es beim Schachspiel oder auch in einer Familie – ist letztlich immer ein naiver und zum Scheitern verurteilter Versuch, eine Verhaltensänderung herbeizuführen.

Was heißt das fürs Unternehmen? Verlange ich beispielsweise einen Schwenk in Richtung ökologische Nachhaltigkeit. Die Regeln im Unternehmen schreiben aber ein eher kurzfristiges, rein kostenorientiertes Denken und Handeln vor, dann kann das System mein Verlangen schlichtweg nicht verarbeiten – also auch nicht erfüllen. Da kann ich appellieren, bis der Arzt kommt.

Die Theorie genießt und schweigt.

Und jetzt? Was mache ich damit? Diese Frage ist typisch. Die Systemtheorie wird oft dafür kritisiert, dass sie keine Handlungsaufforderung bereitstellt.

Sie lässt sich sogar als Einladung zur Selbstaufgabe verstehen: „Ich kann ja eh nichts machen“.

Doch hier ist die Erwartungshaltung eine falsche. Eine Theorie ist kein Rat. Sie ist grundsätzlich frei von jeglicher Handlungsaufforderung.

Eine Theorie kann einem Beobachter dabei helfen, etwas zu verstehen. Und natürlich kann ein Beobachter eine Idee haben, die von der Theorie gespeist ist.

Die Theorie selbst schweigt aber. Deshalb ist es albern, der Systemtheorie einen moralischen Vorwurf zu machen. Man muss sie auch nicht zum Denken nutzen. Keiner zwingt sie einem auf, sie selbst schon gar nicht.

Nachträglich hinzugefügt: Bitte unbedingt den Kommentar von Benjamin Igna unten beachten. Er erklärt 100% zutreffend, dass die Theorie ihren Nutzen erst entfaltet, wenn Du mit einem konkreten Problem konfrontiert bist. Wenn Du dann mit ihrer Hilfe auf eine Idee kommst, war sie von Nutzen.

Vielleicht hilft euch diese Sichtweise ja bei dem einen oder anderen Schachzug in eurem Unternehmen? Wir sind gespannt!  Für mehr happy working people!

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Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist Unternehmer und Vortragsredner. Und vor allem ist er unser Gründer. Mark führt seine tiefgreifenden Erkenntnisse auf unkonventionell inspirierende Weise in seinen Speaker-Auftritten, Seminaren und Management-Sparrings der Wirtschaft zu. Seit seiner ersten Gründung 2010 hat Mark viele weitere Unternehmen und Projekte initiiert. Insofern ist er nicht nur als Vordenker sondern auch als Vormacher bekannt. Er kombiniert seine aufklärerischen und desillusionierenden Impulse stets mit praktischen Inspirationen und Handlungsanweisungen.

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Wolf Peter Buchholz
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Wolf Peter Buchholz

lieber Mark, ja, was mache ich jetzt damit. Natürlich muss die Frage sein, und damit müssen ja nicht Handlungsanweisungen gemeint sein, jedoch sinnvolle anschließende Überlegungen – wer oder was ist das „auto-“ in der Autopoiese, welches Selbst erschafft sich da? in welcher Weise die gekoppelten Psychen der Mitarbeiter sich am besten verhalten (beobachten, verstehen, antworten, neue Ideen einspeisen . . ) damit das Systemgeschehen gelingt im Sinne der Frage „wozu es dies Unternehmen gibt“? In welcher Richtung ändert sich das System („vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit“) bei solchen oder jenen Beiträgen von beteiligten Menschen („gekoppelten Psychen“)? Gerade jetzt kommt in solchen… Weiterlesen »

Max Beier
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Da ist noch viel „herkömmliches“ Denken drin. Ein System ist nur von außen aus der Sicht eines Beobachters beobachtbar. „Mein“ System sehe ich nicht. Schon gar nicht kann man sich „am besten“ verhalten, damit ein Systemgeschehen gelingt. Ich kann es zwar beobachten, dann bin ich aber wiederum selbst Beobachter und nicht mehr in „meinem“ System. Ein Beispiel: Sie schauen gerade Fernsehen und es kommt ein spannender, packender Film. In welchem System sind sie dann? Im Film, im Plot, in der Erzählung. Sie sehen sich dann aber nicht als vor dem Fernseher sitzend. Das gelingt erst, wenn Sie sich vom Film… Weiterlesen »

Benjamin Igna
Gast
Benjamin Igna

Cooler Artikel. Das Schachbeispiel finde ich, ist endlich mal ein wirklich gelungener Vergleich! Was ich ein wenig vermisse ist, dass die Theorie ohne ein Problem völlig nutzlos ist. Wenn man vom Unterhaltungswert mal ganz absieht. Daher einen Artikel zum Thema Systemtheorie zu lesen und dann zu erwarten, dass man etwas besser machen kann ist so, als ob man einen Hammer in die Hand nimmt und erwartet, dass Nagel und Brett Hand in Hand vorbeilaufen… Was ich sagen will. Gut beschrieben. Wer einen Nutzen sucht, sollte das Ganze mal mit einem konkreten Problem im Hinterkopf lesen oder mit Mark zusammen durch… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Hallo Wolf Peter,
danke für Deinen Beitrag. Vielleicht mal ein Impuls zu der Kopplung zwischen Psychen und Sozialsystem. Je höher die Dynamik im Markt des Systems, desto größer ist das Überleben des Systems abhängig von den gekoppelten Psychen. Denn nur Psychen sind in der Lage Ideen zu haben und diese in die Kommunikation einzuspeisen. Hier stiftet das Aktionen-Akteure-Diagramm von F. Simon einen großen Beitrag. Es lässt sich beobachten, dass Intrinsifier von einer losen Akteur- und hohen Aktionskopplung zu einer loseren Aktions- und einer engeren Akteur-Kopplung kommen. Das erklärt auch ihren geeigneteren Umgang mit Dynamik. Lg

Timo Kuklau
Gast
Timo Kuklau

Moin, ich kann nur empfehlen sich mal mit Frederic Laloux zu befassen und neuen Organisationen. Ich finde das passt wunderbar. Interessant ist die Vermischung mit spirituellen „Guruartigen“ anmutungen, wobei eigentlich nur genau der von dir beschriebene Mechanismus gemeint ist! LG

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Respekt Benjamin. Genau die Ergänzung fehlte. Habe ich oben im Text verwiesen.

Claas Dibke
Gast
Claas Dibke

Hallo Mark, kleine Anmerkung zum Thema „stille Treppe“. Mir hilft die Beschreibung von Karl Weick der sagt: „Die entscheidenden Punkte bei der Zuschreibung von Handlung zu Organisation sind, dass organisatorische Aktivitäten sozialer, nicht solitärer Art sind und dass Aktivitäten so genau festgelegt sind, dass eine Vielzahl von Personen die für die Erhaltung des Musters erforderlichen Bestandteile beisteuern kann. Das Muster kann einem Wechsel des Personals ebenso standhalten wie einem gewissen Ausmaß an Änderungen des tatsächlichen Verhaltens, das die Individuen beisteuern.“ (Weick 1979, S. 53 f.) Das heisst der Fokus, wie du auch beschreibst, liegt hier nicht auf dem Individuum, sondern… Weiterlesen »

Mark Poppenborg
Gast
Mark Poppenborg

Hallo Claas,
100%. Man merkt, dass Du Dich mit der Materie beschäftigt hast:) Interessant ist, dass manche Systemtheorie-Begeisterte, bei lauter Begeisterung für den Gedanken der Strukturdetermination und der relativen Unabhängigkeit vom Individuum übersehen, dass ein Personalwechsel, bei hoher Dynamik, sehr wohl eine gewaltige Intervention für die Organisation darstellen kann. Es macht einen Unterschied, ob Psyche A oder Psyche B relevante Umwelt der Organisation ist, wenn sie als Entscheidungsprämisse wirkt. BG

Max Wagner
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Max Wagner

Tatsächlich regt der Artikel und die Theorie unglaublich zum Nachdenken an, so dass ich nun vor diesem scheinbaren Widerspruch stehe: 1. Komplexe Systeme sind von durch Menschen (Individuen) bedingten nicht-kausalen Zusammenhängen geprägt. 2. Die Systemtheorie soll einerseits beim Verständnis komplexer Systeme helfen, stellt dabei aber gleichzeitig das Individuum (Menschen) in den Hintergrund. Wie lässt sich dieser Widerspruch lösen?

Max Beier
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Hallo, Max 😉

Menschen treten bei der Systemtheorie NICHT in den Hintergrund. Sie und nur Umwelt, aber eben deshalb Voraussetzung für die Existenz des Systems. Ohne Menschen (als Umwelt) keine sozialen Systeme. Das ist wie mit Gut und Böse. Das Gute existiert nur, weil es nicht das Böse ist. Und das Böse existiert nur, weil es nicht das Gute ist. System und Umwelt brauchen sich gegenseitig. Ohne das Böse wüssten wir niemals, was das Gute ist.

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[…] Coffee Time: Zu deinem Kaffee/Tee gibt es heute was für die Augen oder Ohren: Im Artikel/Podacast des intrinsify!me – Netzwerkes geht es um die Frage, was denn Systemtheorie mit Kultur zu […]

Stefan Günther
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Lieber Mark, wir kennen uns vom Alumnitreffen von Simon, Weber and Friends. Ich lese mit Freude deine Beiträge zum Nutzen der Systemtheorie und vergleiche dabei deine Bilder mit meinen eigenen, die ich in unserer Ausbildung benutze, um die manchmal schwergängige und kontra-intuitive Theorie in Sprache und Alltag zu übersetzen. Ich folge dir dabei in vielem, möchte dich aber auf ein Problem hinweisen, das sich unweigerlich mit der Verwendung eines von dir benutzten Bildes und den eingebauten Assoziationen ergibt. Es geht um die Metapher des Schachspiels: wenn wir die Beziehung Individuum/psychisches und biologisches System und Organisation/soziales System als Kopplung betrachten und… Weiterlesen »

Max Beier
Gast

Prima Text, es sollte mehr davon geben. Allerdings zwei Anmerkungen: Erstens ist die Systemtheorie nun wirklich nicht „unbekannt“, wie im Teaser beschrieben. Sie ist im Wissenschaftssystem ein wichtiger Bezugspunkt und auch im Wirtschaftssystem mit zahlreichen Bezügen versehen. Zweitens ist das Bild von einer Organisation vielleicht zu deterministisch gezeichnet. Systeme richten sich funktional ein und folgen nicht a priori gegebenen Strukturen. Das wäre genau der umgekehrte Ansatz – von T. Parsons. Sehr schön der Satz: „Anstatt die Ursache – wie gewohnt – bei einem MENSCHEN zu suchen, ihm also die Schuld an einem positiven oder negativen Ereignis zuzuschreiben, kann man sich… Weiterlesen »

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[…] Allen, die sich tiefergehender mit Systemtheorie im Kontext der Organisationsentwicklung beschäftigen möchten, empfehlen wir diesen wirklich guten Artikel von Mark Poppenborg: Systemtheorie – Wieso sie für moderne Unternehmensführung unverzichtbar ist […]

Matthias Rausch
Gast
Matthias Rausch

Hallo Mark, vielen Dank für den spannenden Artikel. Ich habe allerdings ein etwas anderes Verständnis zu dem von Dir beschriebenen Szenario. Das ganz funktioniert nur WEIL dort Menschen arbeiten, welche sich an Kultur und Werten (formuliert oder unbewusst) anlehnen und Ihr eigenes Tun und Handeln danach gestalten. Jeder Mitarbeiter trägt zur Kulturentwicklung bei. Insofern stimme ich Dir zu, dass häufig kein Mitarbeiter schuld ist, der einzige Ansatz zur Veränderung aber der Mitarbeiter selbst ist. Die Fluktuation von Mitarbeitern verändert da tatsächlich selten etwas, ein Wechsel auf gestaltender Führungsebene oder entsprechende Weiterentwicklung der Führungskräfte kann aber durchaus eine Veränderung bewirken. Hier… Weiterlesen »

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