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Urlaub auf der WOL-Insel

Bildnachweis: © timonko – depositphotos.com

Eine neue Methode verbreitet sich aktuell schneller als Schimmel in deutschen Organisationen: »Working Out Loud« oder auch kurz »WOL« nennt sich der Spaß und wird mit ähnlicher Begeisterung aufgenommen wie zu seiner Zeit beispielsweise das Design Thinking. Kein Wunder, schließlich sind Größen wie Bosch und Siemens ganz vorne mit dabei beim WOL-Hype. Die Vorstände loben die Methode inzwischen lautstark.

Nun will ich mich auch gar nicht über die Details dieser Praktik auslassen. WOL hat eindeutig einen Nutzen – aber möglicherweise einen anderen, als Du denkst.

Kultur ohne Kraft

Methoden wie Working Out Loud & Co. bieten in allererster Linie einen Schutzraum, also ein gesichertes Gebiet, auf dem Du etwas ausprobieren oder tun kannst, was sonst so nicht möglich wäre. Denn in einem Schutzraum wird temporär die Kultur einer Organisation weitestgehend außer Kraft gesetzt. Du darfst sie in diesem Raum ignorieren, ohne dass Dir Konsequenzen drohen.

Das ist ein bisschen, wie wenn Du in Urlaub fährst: Urplötzlich traust Du Dich, peinliche Hawaiihemden zu tragen, nur mit Badehose bekleidet ins Eiscafé zu gehen und hältst es für das Natürlichste der Welt, den Tag mit Yoga zu beginnen. Oder um das Ganze aufs Unternehmen zu übertragen: Denk nur an die typischen Klettergarten-Events: Man begibt sich für eine begrenzte Zeit in einen anderen Kontext. Dort geht es dann kurzfristig darum, sich gegenseitig zu vertrauen. Man muss gerade mal keine Versicherungen verkaufen, Budgets absegnen oder Marketingpläne aufstellen. Nun dreht sich alles darum, den Teamgeist zu stärken. Man ist also mit den gleichen Leuten unterwegs wie sonst auch, aber in einem völlig anderen Kontext.

In solch einem Schutzraum entstehen Dynamiken, die sonst womöglich durch viele ungeschriebene Gesetze verhindert werden. Denn wenn Maier und Müller sich im Normalfall nicht riechen können, weil ihre Abteilungen, von Zielsystemen angetrieben, miteinander konkurrieren – nun, dann prüfen sie im Klettergarten auf einmal, ob der jeweils andere richtig angeseilt ist, weil beide in einem Klettergeschirr stecken und sich des üblichen Kulturmusters nicht bedienen. Da kann man dann auch mal ausprobieren, dem Müller zu vertrauen, den man sonst immer blöd fand. Und das klappt sogar meist.

Aber was passiert danach?

Ab in den Urlaub!

Leider Gottes nimmt ja doch jeder Ausflug in den Klettergarten und jeder noch so schöne Urlaub ein Ende. Und wenn Du mit vielen gewonnenen Erfahrungen zurück in Deinen gewohnten Kontext kommst, solltest Du nicht glauben, dass Du und die Menschen um Dich herum einfach so die Kultur des Schutzraums »mitnehmen«. Auch wenn Übertragungseffekte nicht ganz auszuschließen sind, solltest Du vom Gegenteil ausgehen: Das neu entdeckte Hobby des Töpferns macht zu Hause auf einmal viel weniger Spaß, der Urlaubsflirt war im Urlaub so viel toller und nervte weniger, und Flipflops sind in der Frankfurter Bankzentrale irgendwie auch nur halb so cool, wenn Dich jeder schräg anguckt.

Du siehst: Die Kultur verbleibt im anderen Kontext, sie »geht nicht mit«. Deswegen sind auch Working Out Loud und seinesgleichen vor allem ein organisationsinterner Urlaub. Man will ein neues Zusammenarbeiten aufbauen und setzt dazu einfach die aktuelle Kultur einen Moment aus – unter dem Irrglauben, dass die Mitreisenden auch nach ihrer Rückkehr in den alten Kontext dauerhaft Muschelohrringe und Blumenketten tragen werden.

Ernst oder Spielerei?

Viele Methoden, die in Organisationen und in der Gesellschaft als große Vorhaben starten, erbringen ihren Nutzen gar nicht oder nur in ihrem Schutzraum. Die kulturellen Erfahrungen des Schutzraums kannst Du nicht einfach so mitnehmen. Sie können aber trotzdem sehr wertvoll sein, um zu erkennen, ob das Andere funktionieren kann. Schutzräume sind zum Beispiel fantastisch, um neue Organisationsformen auszuprobieren. Unter einer wesentlichen Voraussetzung: Sie müssen echte Kundenprobleme lösen, also die gleiche externe Referenz haben wie sonst auch.

Wenn Schutzräume sich hingegen auf eine interne Referenz beziehen, werden sie früher oder später als Spielerei identifiziert. Working Out Loud beispielsweise löst zunächst mal keine Kundenprobleme. Es bedient nur ein Idealbild: Wir arbeiten besser zusammen. Dieses Idealbild setzt zwar zunächst ganz viel Energie frei, trägt aber letztlich nicht zu einer besseren Problemlösung bei. Stattdessen lernen die Leute im Rahmen von WOL ernsthaft in Kursen, wie sie eine LinkedIn-Verknüpfungsanfrage schreiben, weil das ja das Netzwerken unter Unternehmen verbessert … Ups!

Viele neue Methoden und ihre jeweiligen Schutzräume erzeugen intern Energie, das Gefühl, sich mal ausgekotzt und auch noch Lösungsansätze entwickelt zu haben, wie zukünftig alles besser gehen soll. Das befreit und erzeugt ein echtes Hochgefühl. Hinterher wundert man sich, dass das alles nicht klappt. Es ist der andere Kontext, der Schutzraum, der gewirkt hat – während die externe Referenz vergessen wurde.

Für gute Schutzräume

Gute Schutzräume musst Du daher bewusst ausrufen, damit jeder andere weiß, dass er in sie nicht einfach reinpfuschen kann. Ein Schutzraum muss stabil gegen Angriffe sein, die von der gängigen Kultur kommen, sprich: interne Referenzen und Wünsche. Oder andersherum: wenn eine Methode keine echte Gegenwehr im Unternehmen erzeugt oder gar ausschließlich enthusiastische Befürworter, dann kannst Du fast sicher sein, dass sie als ungefährliche Spielerei markiert und keine fundamentalen Änderungen bewirken wird.

Wenn Du Dich aber zum Beispiel entschließt, in einem Schutzraum eine neue Organisationsform zu testen, kann das hervorragend funktionieren. Du könntest darin die funktionale Teilung nach Abteilungen aufheben und stattdessen ein Businessteam bilden. Dieses muss sich dann an keine internen Vorgaben halten – aber an externe: dass das Business wirtschaftlich ist, dass der Kunde zufrieden ist etc. Wenn nun ein Controller kommt und lamentiert: »Ihr müsst aber unbedingt die rollierende Planung immer rechtzeitig abgeben!«, dann dürfen die Leute im Schutzraum antworten: »Nein, müssen wir nicht.« Sie sind ›beurlaubt‹ von den sonst vorherrschenden Praktiken und kümmern sich nur darum, das Kundenproblem besser zu lösen.

Unter diesen Voraussetzungen kann ein Schutzraum einen echten Nutzen stiften. Deshalb wäre ich auch der Letzte, der Schutzräume per se verteufelt. Sie sind ein echtes Mittel der Wahl, um Veränderungen zu bewirken. Ich möchte sogar behaupten, wir brauchen mehr solcher Schutzräume in Wirtschaft und Gesellschaft – allerdings eben um Veränderungen zu bewirken und mit Blick auf die externe Referenz. Nicht um ein neues gesellschaftliches Normativ der Digitalisierung zu bedienen.

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify.me. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Sachbücher über Wirtschaft und Gesellschaft, wenn er nicht gerade für intrinsify.me unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk GmbH nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Nach seinem Spiegel-Bestseller »Zurück an die Arbeit« ist Ende 2017 sein aktuelles Buch »Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen« erschienen.

Erschienen am

Dienstag, 27. Februar 2018

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12 Kommentare auf "Urlaub auf der WOL-Insel"

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